Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

wenn Franzosen wütend sind, hat das eine ganz andere Wucht, als wenn Deutsche wütend sind. Das gilt jedenfalls für die Politik, weshalb heute wohl mit brennenden Reifen oder Schlimmerem zu rechnen ist. Gewerkschaften, Gelbwesten und andere haben die Franzosen zu einem Generalstreik aufgerufen, der das ganze Land lahmlegen könnte. Es geht um eine Reform, mit der Präsident Emmanuel Macron das Rentensystem umbauen möchte. Hoffentlich läuft das alles glimpflich ab, aber für die Nato ist es wohltuend, wenn Macron heute mal von einer heimischen Angelegenheit abgelenkt ist.

Heute Jamaika, morgen Große Koalition

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Gestern habe ich an dieser Stelle erörtert, was für oder gegen eine Neuwahl spricht. Heute soll es um eine Minderheitsregierung gehen, die unter anderem von Friedrich Merz ins Spiel gebracht wurde. Die Analyse für die bestehende Große Koalition bleibt gleich. Es ist eher zu erwarten, dass es schlimmer wird, noch mehr Streit. Wie wäre es aber, würden Merkel und der Bundespräsident eine Minderheitsregierung anstreben?

Merkel bliebe Kanzlerin und könnte im zweiten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen, was ihr keine Probleme bereiten dürfte. Das wäre das stabile Element.

Ansonsten würde die Wartesaalsituation verlängert. Man müsste noch knapp zwei Jahre auf einen Aufbruch in die Nachmerkelära warten. Das ist lange, und es wäre eine verlorene Zeit. Die Bundeskanzlerin müsste sich für jedes Projekt eine eigene Mehrheit suchen. Das würde manchmal gelingen, manchmal nicht. Mal würde eine Kurzzeit-Große-Koalition ein Gesetz machen, mal ein Kurzzeit-Jamaika-Bündnis. Von diesen Wechseln und der damit verbundenen Unruhe würden nur die AfD und eventuell die Linke einen Nutzen haben, da sie sich als einzige echte Oppositionsparteien profilieren könnten. Grüne und FDP hingegen würden in den Strudel der Merkel-Endzeit hineingezogen.

Da wäre es besser, die Große Koalition würde bis zum regulären Wahltermin durchhalten. Von den drei Alternativen wäre eine Neuwahl allerdings die beste, weil nur sie den Aufbruch möglich macht.

Athen gegen Sparta

Foto: Michael Kappeler/ DPA

Als zuletzt demokratische und autoritäre Staaten einen großen Krieg gegeneinander führten, gewannen die autoritären. Daran sollte man sich erinnern, da nun die Nato bei ihrem Gipfel in London China zu einem möglichen Gegner erklärt hat.

Es lohnt sich deshalb, das Buch "Athen oder Sparta" von Wolfgang Will zu lesen. Vor 2400 Jahren führte Athen den Attischen Seebund an, in dem vor allem Demokratien (nicht alle lupenrein) versammelt waren. Dagegen stand der Peloponnesische Bund der autoritären Stadtstaaten, deren Schutz- und Beherrschungsmacht Sparta war. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus lieferte man sich einen dreißigjährigen Krieg, den zur allgemeinen Überraschung Sparta mit seinen Verbündeten gewonnen hat.

Es muss ja nicht so kommen. Im Kalten Krieg, mit einer ähnlichen Konstellation, aber einem anderen Ausgang, half die Entspannungspolitik, den Frieden zu bewahren. Die muss jetzt wieder in den Vordergrund rücken. Dazu passt ein 25-jähriges Jubiläum: Am 5. Dezember 1994 trat der Start-1-Vertrag in Kraft, mit dem die USA und die UdSSR ihr Nukleararsenal reduzieren wollten.

Verlierer des Tages...

Foto: Armin Weigel/ DPA

...sind die Kultusminister, die sich heute in Berlin zu ihrer Konferenz versammeln. Sie sind in den Bundesländern für die Bildung zuständig und mitverantwortlich für das mäßige Ergebnis der deutschen Schüler beim neuen Pisa-Test.

Nach meinem laienhaften Verständnis haben die schlechten Lesewerte vor allem mit der Handykommunikation zu tun. Wer seine Gefühle und Stimmungen über Emojis ausdrückt, kann ja nicht ordentlich Lesen und Schreiben lernen, weshalb ich meinen Kindern verboten habe, mir Emojis zu schicken.

Es ist leicht, den Satz "Papa, ich brauche Geld" mit drei Smileys verträglicher zu machen. Aber ich will lesen: "Papa, ich verstehe, dass es dich nervt, und ich weiß, dass dein Geld hart (?) verdient ist, und es tut mir auch echt leid, aber die finanzielle Lage am Ende des Monats ist leider so zugespitzt, dass ich Geld brauche." Wer das kann, kann bei Pisa nicht schlecht abschneiden.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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