Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Das Scheitern des Diktators

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um das Endspiel der deutschen Nationalmannschaft und die erste WM-Schiedsrichterin aller Zeiten. Um die schweren Fehler des Xi Jingping. Und um das Erbe der Guldenburgs.

Frau an der Pfeife

Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute Abend gegen Costa Rica verlieren und bei der Weltmeisterschaft ausscheiden würde, wäre das eine Klatsche historischen Ausmaßes. Es wäre noch blamabler als die Niederlage gegen Südkorea vor vier Jahren bei der WM in Russland. Aber starten wir mal optimistisch in diesen Tag und gehen nicht vom Schlimmsten aus.

In jedem Fall historisch ist, dass die 38-jährige Französin Stéphanie Frappart die Partie leiten wird – als erste Schiedsrichterin in der Geschichte der Fußball-WM (der Männer). Immerhin. Allerdings ist Frappart eine von drei Schiedsrichterinnen, die für diese WM in Katar nominiert wurden. Und bis zum heutigen Tag wurde keine von ihnen eingesetzt – obwohl es bereits 40 Partien gab.

Schiedsrichterin Frappart

Schiedsrichterin Frappart

Foto:

HANNAH MCKAY / REUTERS

Wobei der sehr männlich geprägte deutsche Fußball in Sachen Frauenförderung auch nicht viel fortschrittlicher ist. Es dauerte Jahrzehnte, ehe mit Bibiana Steinhaus die erste Frau in der Bundesliga pfeifen durfte. Und als Steinhaus aufhörte, gab's erst mal keine Nachfolgerinnen. Und wie deutsche Fernsehzuschauer lästerten, als zum ersten Mal eine Frau ein Spiel der Männer kommentierte, wiederholen wir hier besser auch nicht.

Der erste Einsatz einer Schiedsrichterin ist richtig. Trotzdem macht er diese WM mit all ihren politisch-gesellschaftlichen Ungeheuerlichkeiten keinen Deut besser. Solange Menschen in Katar von Polizisten von der Tribüne gezerrt werden, wenn sie es wagen, ein Armband in Regenbogenfarben zu tragen, solange der Fußball so dreist als PR- und Marketing-Instrument einer Diktatur missbraucht wird, so lange kann ich keine versöhnlichere Haltung einnehmen. Das würde auch der Einsatz von 40 Schiedsrichterinnen nicht ändern.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zur Fußball-WM finden Sie hier:

Das Versagen des Diktators

EU-Ratspräsident Charles Michel will heute in Peking Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping treffen. Michel ist damit der erste ausländische Spitzenpolitiker, der den Diktator nach der Welle an Protesten gegen dessen knallharte und knallhart gescheiterte Covid-Strategie trifft.

Viele Vertreter der deutschen Wirtschaft, man muss das so klar sagen, haben jahrelang mit einer Mischung aus Faszination und Neid auf China geblickt. Wenn man da etwas bauen wolle, ja dann werde das in wenigen Wochen ausgeführt, hieß es bewundernd. In Deutschland hingegen? Anträge! Bürgerbeteiligung! Der Parteienstreit! Es gab eine unverhohlene Bewunderung für die Effizienz der Diktatur. Bei gleichzeitiger Verachtung für die ach so langsame Demokratie deutscher Prägung. So entwickelte sich eine Sicht auf die Welt, die den Eindruck nährte, Autokratien seien die überlegenen Systeme.

Anti-Xi-Proteste in Hongkong

Anti-Xi-Proteste in Hongkong

Foto: KIM KYUNG-HOON / REUTERS

Die Coronapandemie hat nun die Schwäche von Diktaturen offengelegt – »wie unter einem Brennglas«, wie man im Zusammenhang mit Corona so abgenudelt sagte. Es gab offenbar niemanden, der sich traute, dem Alleinherrscher Xi zu sagen, dass er sich auf dem Holzweg befindet. So entstand jene Situation, in der Millionen Chinesen weder genesen noch ausreichend geimpft sind. Und das Land dem Virus weiter schutzlos gegenübersteht. Und die Wut der Bevölkerung übers Weggeschlossen-Sein nicht mehr komplett kontrollierbar ist.

Übrigens ist inzwischen kaum jemand enttäuschter von der chinesischen Führung als ihre heimlichen Fans von einst: die Vertreter der Wirtschaft. Weil der Handel auf einmal nicht mehr wie gewohnt läuft. Und die Lieferketten eklatante Risse aufweisen.

Hoffentlich ist dies auch das Ende der naiven Autokraten-Bewunderung.

Das Erbe der Hörbiger

Schauspielerin Hörbiger (2012 in Bochum)

Schauspielerin Hörbiger (2012 in Bochum)

Foto: Henning Kaiser / dpa

Man hat ja die Tendenz, die Dinge im Rückblick ein wenig zu verklären. Bei mir ist es zumindest so. Und deshalb beantworte ich die Frage nach meiner Lieblingsserie auch heute noch konsequent mit: »Das Erbe der Guldenburgs«. Netflix hin, »The Crown« her.

Fasziniert war ich damals zum Beispiel von den Bösewichten dieser ZDF-Vorabend-Serie: dem durchtriebenen Achim Lauritzen und seiner Frau Evelyn (Wilfried Baasner und Iris Berben). Ein bisschen verliebt war ich in Nanne, die jüngste Tochter der Adelsfamilie, gespielt von Katharina Böhm. Die würdigste Figur aber war Christine von Guldenburg, gespielt von Christiane Hörbiger.

Hörbiger war eine wundervolle Schauspielerin. Ihre Rolle als Gräfin in »Das Erbe der Guldenburgs« offenbarte gewiss nicht ihr ganzes Repertoire, sie konnte weit mehr. Aber ich werde sie immer als solche in Erinnerung behalten. Gestern ist Christiane Hörbiger im Alter von 84 Jahren gestorben.

Nachrichten und Hintergründe zu Russlands Krieg gegen die Ukraine finden Sie hier:

  • Die jüngsten Entwicklungen: Kiew bedankt sich bei Deutschland für die Anerkennung des Holodomor als Völkermord. Russland hat einen militärischen Satelliten in die Umlaufbahn gebracht. Und: Aufregung im Vatikan. Der Überblick.

  • Nächster russischer Luftangriff steht offenbar kurz bevor: Aktuelle Satellitenbilder zeigen ungewöhnlich viel Bewegung auf einem wichtigen russischen Militärflughafen. Experten sehen Engels-2 in erhöhter Alarmbereitschaft – und warnen vor einem neuen schweren Luftangriff auf die Ukraine. 

  • Lambrecht verlangt von Lindner Hilfe beim Munitionskauf: Wegen des Munitionsmangels bei der Bundeswehr steht Verteidigungsministerin Lambrecht auch koalitionsintern in der Kritik. Nach SPIEGEL-Informationen drängt sie den Finanzminister, schnell mehr Geld bereitzustellen. 

  • EU-Kommission will Russland zu Reparationszahlungen an die Ukraine zwingen: 300 Milliarden Euro an Reserven der russischen Zentralbank sind derzeit durch Sanktionen blockiert. Die EU will die Mittel nach Kriegsende für den Wiederaufbau der Ukraine einsetzen. Kiew geht das nicht weit genug.

  • Die Hotline, bei der sich russische Soldaten melden sollen: Wer am Leben bleiben möchte, sollte sich ergeben: Diese Rechnung macht die ukrainische Regierung auf – und verspricht russischen Militärangehörigen Hilfe zur sicheren Kapitulation. Per Telefon.

Hier geht's zum aktuellen Tagesquiz

Gewinner des Tages...

...sind alle Menschen in Deutschland, die sich freiwillig für andere engagieren, sei es mit ihrem Geld, sei es mit ihren Ideen, ihrer Zeit, ihrer Energie. Im Deutschen Theater wird heute Abend der Deutsche Engagementpreis verliehen, Bundesfamilienministerin Lisa Paus gibt sich die Ehre. Mit der Auszeichnung will das Bündnis für Gemeinnützigkeit dem freiwilligen Engagement in Deutschland zu mehr Anerkennung verhelfen. Verdient hat es das allemal.

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  • Krieg ist nicht nur das, was die Deutschen dafür halten: Die Debatte über Waffenlieferungen an die Ukraine und mögliche Verhandlungen mit Russland krankt an einer schiefen Sicht auf die Geschichte: Die Deutschen haben vergessen, was Besatzung bedeutet .

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  • Vertraut endlich den Eltern! Die Krankschreibung per Telefon bleibt bis Ende März möglich – für Erwachsene. Fiebernde Kinder müssen weiterhin in die Praxen geschleppt werden. Das ist eine Zumutung .

  • Wo Ruangrupa als mächtigste Künstler der Welt gelten: Jedes Jahr gibt das Londoner Kunstmagazin »ArtReview« ein Ranking namens »Power 100« heraus. Dieses Jahr wäre eine Triggerwarnung nett gewesen: Das Kuratorenkollektiv der Documenta gilt dort als wichtigste Größe der Kunstwelt .

Einen heiteren Donnerstag wünscht Ihnen

Ihr Markus Feldenkirchen

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