Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


der G20-Gipfel beginnt heute offiziell, das schöne Hamburg gleicht einer Festung. Ob die 20 Staats- und Regierungschefs am Ende ihrer Beratungen über Handel, Klimaschutz und Afrika überhaupt zu greifbaren Ergebnissen kommen, ist ungewiss. Mindestens 80 Millionen Euro kostet das alles und natürlich stellt sich die Frage nach Sinn und Unsinn solcher Mammut-Veranstaltungen.

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Heft 27/2017
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

Zumal dann, wenn auch Autokraten wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan oder Russlands Präsident Wladimir Putin wie selbstverständlich mit am Tisch sitzen. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat die Sache meines Erachtens gut auf den Punkt gebracht: "In der internationalen Politik stößt man leider nicht nur auf Politiker, die die eigenen Grundsätze über Demokratie und Rechtsstaat teilen", sagt er. "Gerade deshalb ist es nötig, miteinander zu reden. Ohne einen solchen Gedankenaustausch wird nichts besser."

AFP

Trump trifft Putin

Politischer Höhepunkt beim G20-Gipfel ist heute das erste Zusammentreffen von US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin. Wegen der Aufregung um die Einmischung der Russen in die US-Wahl zugunsten von Trump dürfte der versuchen, die Sache nicht mit allzu viel Herzlichkeit anzugehen. Es soll ja niemand glauben, dass an den Vorwürfen wirklich etwas dran sein könnte. Zudem hat auch Trump wohl erkannt, dass Moskaus Interessen nicht unbedingt mit denen Washingtons übereinstimmen. Die Russen lehnen härtere Sanktionen gegen Nordkorea ab, Trump wiederum kritisiert die Einmischung Moskaus in der Ukraine. Auch wegen des Syrienkonflikts kam es zuletzt zu Spannungen zwischen beiden Seiten. So oder so: Das Treffen in Hamburg dürfte ein wichtiger Indikator dafür sein, in welche Richtung sich die Beziehungen in der kommenden Zeit wirklich entwickeln werden.

AP

Krawalle bei Anti-G20-Protesten

Die Proteste gegen G20 sind wichtig für die politische Debatte und ein demokratisches Grundrecht. Leider sind nur auch in Hamburg bei den Demonstrationszügen wieder einige Leute dabei, die irgendwie ihre Aggressionen loswerden wollen und das hinter einer angeblichen politischen Mission verstecken. Sie treffen auf eine hochgerüstete Polizeistreitmacht, die auch nicht lange fackelt und sehr schnell sehr hart zuschlägt, wenn sie meint, Verstöße gegen Gesetze zu erkennen. In St. Pauli und Umgebung kam es am Rande der Demo "Welcome to Hell" zu Ausschreitungen, die Polizei setzte Wasserwerfer und Pfefferspray ein. Die Polizei sprach von mindestens 76 verletzten Beamten, einer der Demo-Initiatoren von zahlreichen Verletzten auf Seiten der Demonstranten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

DPA

Gewinner des Tages...

...sind der Dirigent Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester von Hamburg. Sie spielen am Abend für die G20-Gipfelteilnehmer in der neuen Elbphilharmonie Beethovens Neunte, die "Europa-Hymne". Das ist ein schönes Zeichen für europäisches Selbstbewusstsein. Zugleich hält der Text der "Ode an die Freude" eine schöne Botschaft an Trump und Putin und an die Steinewerfer und Polizisten parat: "Alle Menschen werden Brüder." Was will man mehr?

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende,

Ihr Roland Nelles

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insgesamt 15 Beiträge
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StefanZ.. 07.07.2017
1. Etwas Konkretes für die 80 Millionen wäre schön
Wie im Artikel richtig dargestellt, der Handlungsspielraum von Trump und Putin wurde in den vergangenen Monaten in gewissensloser Weise dramatisch eingeengt. Das nennt man wohl Kollateralschaden von besessener Medienpropaganda zu angeblichen, grotesken und bis heute darum logischerweise unbewiesenen geheimen Wahlkampfhilfe-Deals zwischen Trump und Putin. Da bleibt nun also nur ein wenig Hoffnung auf konkrete Absprachen zur Befriedung von Syrien. Da gibt es noch Vorschläge aus Rußland vom Frühjahr, die noch nicht beantwortet wurden und das neue Thema von Flugverbotszonen, das noch nicht detailliert ist. Vielleicht springt sogar eine interessant Unterhaltung dabei raus zur Frage warum die direkten Nachbarn China und Rußland so gar keine Bedrohungsangst vor zukünftigen Atomraketen in Nordkorea haben. Könnte es vielleicht sein, daß Bedrohungen Gegenbedrohungen auslösen? Und was wäre wohl die logische Schlußfolgerung, drohen mit extra Gewalt mittels mehr Sanktionen und Manövern?
shotaro_kaneda 07.07.2017
2.
Wieso muss die G20 sich eigentlich in Hamburg, eine der größten Städte in D treffen? Wie wäre es mit einer Insel oder einer ostdeutschen Provinz gewesen? Oder einer Videokonferenz? Bei solchen Treffen kommt doch sowieso nichts gescheites raus, außer den Status Quo zu zementieren. Zukunftsträchtige Lösungen oder eine ernsthaft kritische Diskussion um Gesellschaft, Wirtschaftssystem und Umwelt wird es sowieso nicht geben. Die Welt, die jetzt auf Hamburg schaut, darf ruhig wissen, dass auch ein großer Teil der Bevölkerung in Deutschland nicht hinter Merkels Politik und der globalen gesellschaftlichen Entwicklung bzw. Politik steht. Leid tun mir nur die Polizeibeamten, die full-time rund um die Uhr nur ihren Job machen, die friedlichen Demonstranten und die zivile Bevölkerung, die unbeabsichtigt Teil eines morbiden Spektakels wird und sich nicht mehr frei durch ihre Stadt bewegen darf.
Freidenker10 07.07.2017
3. Wahlkampf
Warum muss man diesen sinnlosen Gipfel in einer Großstadt machen? Ich vermute mal das Hamburg 2017 kein Zufall war, sondern Teil des Merkel wahlkampfs. Ein paar nette Bilder schaden da wohl nie, aber das kann sie sich nach den Protesten wohl abschminken! Übrigens auch schön den Wahlkampf mit 80 Millionen an Steuergeldern zu unterstützen....
Jeanne E. Maar 07.07.2017
4. Man kann gegen Globalisierung sein...
Man kann gegen Globalisierung sein, man sollte es sogar, wenn diese "die Menschen frisst". Man kann und darf auch dagegen sein, dass nur wenige autoritär über viele bestimmen. Man sollte ebenso Entgleisungen in der "Selbstläufer"-Politikentwicklung stoppen. Und alleine schon in der Entwicklung Europas gibt es da viel zu tun. Aber: Aber glauben die randalierenden Globalisierungs-Gegner eigentlich, durch Randale etwas zu ändern? Glauben sie, in einer ziebenhundertachtundsechzigsten Sitzung in einem vieltausend-köpfigen Gremium nach Jahrzehnten der Diskussion von Tagespunkten würde etwas geändert? Glauben das die Anhänger der Abstimmung über die Abstimmung zur Abstimmung? Tatsache (und die Geschichte beweist es) ist doch vielmehr, dass "der Strom fliessen" muss, zwischen Menschen, zwischen mehr oder weniger gewählten Politikern und VolksVERTRETERN. Die wurden gewählt nicht um zum Oberbefrager zu werden sondern an der Stelle der Mehrheit zu entscheiden. Das Volk zu vertreten! Wenn die sich mal persönlich gesehen, getroffen und geschätzt haben, dann kann (kann!) etwas in die richtige Richtung bewegt werden. Nein, das ist nicht blauäugig, das ist realistisch. Aus dem einfachen Grunde weil alles andere nichts bringt. Ändern kann man ein System immer nur von innen und indem man sich damit beschäftigt, nicht aber indem man es blockiert und ohne Gespräch ablehnt. Keep on touch... sprecht miteinander... vertragt Euch... bewegt was. Die Bevölkerung ist dann da um zu überwachen, dass das nicht in die falsche Richtung geht. Dazu sind dann Wahlen da. Ein brennender Papierkorb ist keine Politik.
hersp58 07.07.2017
5. Showtime
Was soll man von einer Veranstaltung erwarten, bei der nur mit Mühe verhindert wird, dass sich die G20 - Teilnehmer gegenseitig an die Gurgel gehen? Trump gegen Putin, Putin gegen den Westen, Erdogan gegen alle und mittendrin die Kanzlerin, die den Kindergarten beaufsichtigt. Das einfache Volk soll dabei ruhig bleiben und zuschauen, wie eine ganze Stadt in bürgerkriegsähnliche Zustände zerfällt. Von den berufsvermummten Demonstranten wusste man, was einem erwartet. Wieso wurden sie eigentlich in die Stadt gelassen? Aber auch die Polizeieinheiten folgen dem Gesetz der Rudelbildung und hauen drauf, Stärke zeigen war ja befohlen. Wer da wie angefangen hat, lässt sich ohnehin kaum mehr rekonstruieren. Aber das gehört zu diesen Sandkastenspielen dazu. Der eine provoziert, der andere fällt darauf rein.
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