Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,

Scholz' gefährliche Worte

Das gefährlichste in der Politik sind die Worte, die man selbst gesagt hat. Olaf Scholz weiß das natürlich. Aber das hat ihn nicht davon abgehalten, sich mindestens zweimal in große Gefahr zu begeben. Zunächst kündigte er seinen Hamburgern an, sie würden vom Gipfel so gut wie nichts merken. Das traf dann nur für die zu, die ihre Stadt rechtzeitig verlassen hatten. Dann sagte er, es habe keine Priorität für den Schutz der Staatsgäste gegeben. Das stimmt aber leider nicht, wie unsere Kollegen vom Ressort D2 recherchiert haben. Es gelang ihnen, an geheime Dokumente zu kommen: den Rahmenbefehl für die Hamburger Polizei sowie die Einsatzprotokolle.

Polizisten bewachen die Elbphilharmonie in Hamburg

Polizisten bewachen die Elbphilharmonie in Hamburg

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Im Rahmenbefehl steht: "Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität." Die Hamburger Bürger dürfen sich damit vernachlässigt fühlen. In manchen Straßen wurden sie über Stunden mit gewalttätigen Chaoten alleingelassen. Jürgen Trittin sagt dazu: "Man will ja nicht enden wie Olaf Scholz - als lebendes Schutzschild vor der Kanzlerin und potenzieller Rücktrittsaspirant."

Im neuen SPIEGEL erzählen wir ausführlich, wie der Einsatz der Polizei abgelaufen ist, welche Fehler gemacht wurden. Wir analysieren den Umgang der Linken mit der Gewaltfrage, wir erörtern in zwei Essays den gewalttätigen und friedlichen Einsatz von Körpern in der Politik. Und wir lassen Tobias Marquardt zu Wort kommen. Er ist einer der Männer, die auf der Straße Schulterblatt auf einem Gerüst standen und verhaftet wurden. Danach habe er zweieinhalb Tage in einer Gefangenensammelstelle und einem Gefängnis verbracht. Er hat aufgeschrieben, was sich aus seiner Sicht zutrug. Wir dokumentieren das als Einblick in das Gemüt eines Menschen, der die Chaostage von Hamburg offenkundig sehr intensiv erlebt hat.

Video zu G20: Der Mann auf dem Gerüst

DER SPIEGEL

Kämpfende Vorbilder

"Die sollen töten können", sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. Er meint Soldaten der Bundeswehr. Neitzel ist kein Mann, dem die Zuneigung von Pazifisten zufliegen könnte. Er sieht auch gute Seiten an der Wehrmacht, er findet, dass Soldaten Vorbilder brauchen, die gekämpft haben, weil sie selbst kämpfen, also töten sollen. Verteidigungsministerin von der Leyen wirft er vor, "unehrlich" zu sein. Es ist ein äußerst spannendes Gespräch, auch für Pazifisten.

Friedensmarsch

Friedensmarsch

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Doktor Smartphone

Der Arztbesuch ist manchmal ziemlich lästig. Man sitzt eine Stunde im Wartezimmer und wird dann in sieben Minuten abgefertigt. Mit An- und Abfahrt hat man anderthalb Stunden investiert, um etwas gesagt zu bekommen, was man schon geahnt hat. Okay, es ist nicht immer so, viele Ärzte machen einen wunderbaren Job, klar. Aber sie bekommen Konkurrenz von jenem kleinen Gerät, das auch anderen Branchen zu schafften macht: dem Smartphone, dem Universalwerkzeug des digitalen Zeitalters.

Martin U. Müller hat recherchiert, welche Apps für ärztliche Diagnosen entwickelt werden: eine ganze Menge. Sie können bald ein EKG machen, ein EEG, einen Ultraschall, können ein Spektrometer ersetzen, ein Otoskop, ein Stethoskop, können sogar einen Lungenfunktionstest durchführen, eine Genanalyse etc. Wahrscheinlich bekommen sie auch eine krakelige Unterschrift hin.

Im Video: EKG mit dem Smartphone

DER SPIEGEL

"Leicht korkig"

Wenn der Wein nach Uhu schmeckt, ist ihm das lange Lagern nicht bekommen. Manchmal schmeckt er auch nach Mäusedreck oder riecht nach Schwefel. Aber warum ist das so? Das hat Matthias Schulz für uns ergründet. Er hat mit Weinexperten und Weinbauern gesprochen, um zu klären, warum manche Weine gut reifen, auch über hundert Jahre, und andere nicht - die sind dann schon nach wenigen Jahren nicht mehr genießbar.

Ein bisschen habe ich den Verdacht, dass sich Schulz mit dieser Recherche auf seinen Vorruhestand vorbereiten wollte. Es war sein letztes Stück für den SPIEGEL. Wir danken ihm sehr für seine wunderbare Arbeit, genauso den anderen Kollegen, die nun in den Vorruhestand gehen. Ihr werdet fehlen.

Bei seiner Recherche hat Schulz übrigens einen betagten Wein ersteigert, einen "Chorey Les Beaune" von 2004. Leider hat der dann "leicht korkig" geschmeckt.

Weinprobe

Weinprobe

Foto: DPA

Hölle Mensch

Wissen Sie, was Micky-Maus-Handschuhe sind? Ich wusste es nicht, und mir wäre fast lieber, ich müsste es nicht wissen. So nennt die Rechtsmedizinerin Dragana Seifert die Hände von Kindern, deren Eltern diese kleinen Hände in heißes Wasser gehalten haben, um sie zu verbrühen. Das sehe so aus, als trügen die Kinder Handschuhe, sagt Seifert in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. Seiferts Job ist "der Nachweis des Bösen". Sie untersucht in Hamburg Kinder, bei denen der Verdacht besteht, sie seien misshandelt worden, oft von den eigenen Eltern. Sie sieht Brüche, Verbrennungen, Stich- und Bisswunden. Das Gespräch ist ein Blick in die Hölle, die Mensch heißt.

Gewinner des Tages

Otto Happel und Hans Georg Näder sind Milliardäre, die Streit miteinander haben. Das Thema ist, wie könnte es anders sein, eine Luxusjacht, 67 Meter lang und rund 60 Millionen Euro teuer. Happel hat sie bei einer Firma gekauft, die inzwischen Näder gehört. Das Schiffchen aber funktioniert nicht so wie gedacht. Ein Schlichtungstreffen war erfolglos, nun werden Anwälte bemüht, ein Schiedsgericht soll entscheiden. Wer in der Lage ist, Geld und Zeit und Nerven in den Streit über eine Luxusjacht zu investieren, kann ja nur Gewinner des Tages sein.

Jacht Hetairos

Jacht Hetairos

Foto: Mats Sandström
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