Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Scholz' gefährliche Worte

Das gefährlichste in der Politik sind die Worte, die man selbst gesagt hat. Olaf Scholz weiß das natürlich. Aber das hat ihn nicht davon abgehalten, sich mindestens zweimal in große Gefahr zu begeben. Zunächst kündigte er seinen Hamburgern an, sie würden vom Gipfel so gut wie nichts merken. Das traf dann nur für die zu, die ihre Stadt rechtzeitig verlassen hatten. Dann sagte er, es habe keine Priorität für den Schutz der Staatsgäste gegeben. Das stimmt aber leider nicht, wie unsere Kollegen vom Ressort D2 recherchiert haben. Es gelang ihnen, an geheime Dokumente zu kommen: den Rahmenbefehl für die Hamburger Polizei sowie die Einsatzprotokolle.

Polizisten bewachen die Elbphilharmonie in Hamburg
DPA

Polizisten bewachen die Elbphilharmonie in Hamburg

Titelbild
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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Im Rahmenbefehl steht: "Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität." Die Hamburger Bürger dürfen sich damit vernachlässigt fühlen. In manchen Straßen wurden sie über Stunden mit gewalttätigen Chaoten alleingelassen. Jürgen Trittin sagt dazu: "Man will ja nicht enden wie Olaf Scholz - als lebendes Schutzschild vor der Kanzlerin und potenzieller Rücktrittsaspirant."

Im neuen SPIEGEL erzählen wir ausführlich, wie der Einsatz der Polizei abgelaufen ist, welche Fehler gemacht wurden. Wir analysieren den Umgang der Linken mit der Gewaltfrage, wir erörtern in zwei Essays den gewalttätigen und friedlichen Einsatz von Körpern in der Politik. Und wir lassen Tobias Marquardt zu Wort kommen. Er ist einer der Männer, die auf der Straße Schulterblatt auf einem Gerüst standen und verhaftet wurden. Danach habe er zweieinhalb Tage in einer Gefangenensammelstelle und einem Gefängnis verbracht. Er hat aufgeschrieben, was sich aus seiner Sicht zutrug. Wir dokumentieren das als Einblick in das Gemüt eines Menschen, der die Chaostage von Hamburg offenkundig sehr intensiv erlebt hat.

Video zu G20: Der Mann auf dem Gerüst

STEFAN SOBOTTA

Kämpfende Vorbilder

"Die sollen töten können", sagt der Militärhistoriker Sönke Neitzel in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. Er meint Soldaten der Bundeswehr. Neitzel ist kein Mann, dem die Zuneigung von Pazifisten zufliegen könnte. Er sieht auch gute Seiten an der Wehrmacht, er findet, dass Soldaten Vorbilder brauchen, die gekämpft haben, weil sie selbst kämpfen, also töten sollen. Verteidigungsministerin von der Leyen wirft er vor, "unehrlich" zu sein. Es ist ein äußerst spannendes Gespräch, auch für Pazifisten.

Friedensmarsch
DPA

Friedensmarsch

Doktor Smartphone

Der Arztbesuch ist manchmal ziemlich lästig. Man sitzt eine Stunde im Wartezimmer und wird dann in sieben Minuten abgefertigt. Mit An- und Abfahrt hat man anderthalb Stunden investiert, um etwas gesagt zu bekommen, was man schon geahnt hat. Okay, es ist nicht immer so, viele Ärzte machen einen wunderbaren Job, klar. Aber sie bekommen Konkurrenz von jenem kleinen Gerät, das auch anderen Branchen zu schafften macht: dem Smartphone, dem Universalwerkzeug des digitalen Zeitalters.

Martin U. Müller hat recherchiert, welche Apps für ärztliche Diagnosen entwickelt werden: eine ganze Menge. Sie können bald ein EKG machen, ein EEG, einen Ultraschall, können ein Spektrometer ersetzen, ein Otoskop, ein Stethoskop, können sogar einen Lungenfunktionstest durchführen, eine Genanalyse etc. Wahrscheinlich bekommen sie auch eine krakelige Unterschrift hin.

Im Video: EKG mit dem Smartphone

DER SPIEGEL

"Leicht korkig"

Wenn der Wein nach Uhu schmeckt, ist ihm das lange Lagern nicht bekommen. Manchmal schmeckt er auch nach Mäusedreck oder riecht nach Schwefel. Aber warum ist das so? Das hat Matthias Schulz für uns ergründet. Er hat mit Weinexperten und Weinbauern gesprochen, um zu klären, warum manche Weine gut reifen, auch über hundert Jahre, und andere nicht - die sind dann schon nach wenigen Jahren nicht mehr genießbar.

Ein bisschen habe ich den Verdacht, dass sich Schulz mit dieser Recherche auf seinen Vorruhestand vorbereiten wollte. Es war sein letztes Stück für den SPIEGEL. Wir danken ihm sehr für seine wunderbare Arbeit, genauso den anderen Kollegen, die nun in den Vorruhestand gehen. Ihr werdet fehlen.

Bei seiner Recherche hat Schulz übrigens einen betagten Wein ersteigert, einen "Chorey Les Beaune" von 2004. Leider hat der dann "leicht korkig" geschmeckt.

Weinprobe
DPA

Weinprobe

Hölle Mensch

Wissen Sie, was Micky-Maus-Handschuhe sind? Ich wusste es nicht, und mir wäre fast lieber, ich müsste es nicht wissen. So nennt die Rechtsmedizinerin Dragana Seifert die Hände von Kindern, deren Eltern diese kleinen Hände in heißes Wasser gehalten haben, um sie zu verbrühen. Das sehe so aus, als trügen die Kinder Handschuhe, sagt Seifert in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. Seiferts Job ist "der Nachweis des Bösen". Sie untersucht in Hamburg Kinder, bei denen der Verdacht besteht, sie seien misshandelt worden, oft von den eigenen Eltern. Sie sieht Brüche, Verbrennungen, Stich- und Bisswunden. Das Gespräch ist ein Blick in die Hölle, die Mensch heißt.

Gewinner des Tages

Otto Happel und Hans Georg Näder sind Milliardäre, die Streit miteinander haben. Das Thema ist, wie könnte es anders sein, eine Luxusjacht, 67 Meter lang und rund 60 Millionen Euro teuer. Happel hat sie bei einer Firma gekauft, die inzwischen Näder gehört. Das Schiffchen aber funktioniert nicht so wie gedacht. Ein Schlichtungstreffen war erfolglos, nun werden Anwälte bemüht, ein Schiedsgericht soll entscheiden. Wer in der Lage ist, Geld und Zeit und Nerven in den Streit über eine Luxusjacht zu investieren, kann ja nur Gewinner des Tages sein.

Jacht Hetairos
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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 15.07.2017
1. Guten Morgen
Frau Merkel geht wohl in die Geschichte als "Merkels-Chaos-Tage" ein mit Gipfelchen "ohne Wert" ! Bei O. Schulz vermisse ich zu seinem "ertappten-Musterschüler-Gesicht" ein kleines Tränchen im rechten Augenwinkel !
StefanZ.. 15.07.2017
2. Symbol für Frieden oder Tod?
Graphische Symbole können bei häufigem oder langem Betrachten gewissen unbewußte oder bewußte Gedanken und Gefühle erzeugen. Diese wiederum sind durchaus in der Lage innere Veränderungen zum Guten oder Schlechten zu bewirken. Es scheint mir darum wichtig, bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen, daß das angebliche Zeichen für Frieden in Wirklichkeit für Tod steht. Wenn man es allerdings um 180 Grad dreht, dann sieht die Sache schon wieder besser aus. Man erkennt nun einen Baum mit Zweigen gegen den Himmel, das Zeichen für Leben. Also, lieber bei der nächsten Demo eine Friedenstaube verwenden, als den entwurzelnden und umgestürzten Lebensbaum.
cerberus99 15.07.2017
3.
Herr Kurbjuweit verfolgt die SPIEGEL Agenda weiter - gut, das ist sein Job. Also Hamburger stelle ich meine Sicht der Dinge dagegen: Zitat K.:"Zunächst kündigte er seinen Hamburgern an, sie würden vom Gipfel so gut wie nichts merken. Das traf dann nur für die zu, die ihre Stadt rechtzeitig verlassen hatten." Das ist falsch und polemisch. Betroffen von dem, was niemand sich wünscht, waren wenige Straßen in wenigen Stadtteilen. Und nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Und das für wenige Stunden. Geschätzte 1.7 Mio von 1.8 Mio Einwohnern Hamburgs haben das gesehen, was die Medien ihnen vermittelt haben - teils in Endlosschleifen, die einige schlimme Szenen immer wieder zeigten. Zitat K.: "Im Rahmenbefehl steht: "Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität." Die Hamburger Bürger dürfen sich damit vernachlässigt fühlen." Bei nüchterner Betrachtung muss man feststellen: Jede andere Prioritätssetzung in einem Rahmenbefehl wäre keinem Staatsgast vermittelbar und würde von den Sicherheitsbehörden der betr. Staaten akzeptiert werden. Kein Putin und kein Trump, kein anderer Gipfelteilnehmer wäre unter anderen Kautelen nach Hamburg gekommen. Eine solche Formulierung adressiert daher in allererster Linie die Staatsgäste und sichert ihnen zu, was ihnen dann gewährt wurde: Sicherheit. Aus einer solchen Formulierung im Kehrschluss zu folgern, wir Hamburger müßten uns nun vernachlässigt vorkommen, zeugt von wenig Seriösität. Man stelle sich nur vor, es wäre formuliert worden: "Die Sicherheit der Hamburgerinnen und Hamburger hat höchste Priorität" - als müssten wir Hamburger vor den ausländischen (Staats-)Gästen und Beuschern geschützt werden. Oder vor uns selbst, die wir zu -zig Tausenden als friedliche Demonstranten unterwegs waren - das ist nur kurios zu nennen. Herr Kurbjuweit ist viel zu klug und zu erfahren, als dass er nicht beim Schreiben der Zeilen wusste, was er damit macht: Zuspitzen, Anheizen, Agenda setting. Nicht gut für einen Samstagmorgen. Nicht gut für SPON.
juergen247 15.07.2017
4. Das ist schlicht gelogen
Bei jeder solcher Veranstaltungen geht es immer in erster Linie um die Staatsgäste. Das war schon immer so und wird immer so bleiben. Es wäre zuallererst eine Blamage für Merkel gewesen, wenn da was schief gelaufen wäre. Eigentlich müsste Scholz für diese Lüge zurücktreten.
touri 15.07.2017
5.
Zitat von cerberus99Herr Kurbjuweit verfolgt die SPIEGEL Agenda weiter - gut, das ist sein Job. Also Hamburger stelle ich meine Sicht der Dinge dagegen: Zitat K.:"Zunächst kündigte er seinen Hamburgern an, sie würden vom Gipfel so gut wie nichts merken. Das traf dann nur für die zu, die ihre Stadt rechtzeitig verlassen hatten." Das ist falsch und polemisch. Betroffen von dem, was niemand sich wünscht, waren wenige Straßen in wenigen Stadtteilen. Und nur ein Bruchteil der Bevölkerung. Und das für wenige Stunden. Geschätzte 1.7 Mio von 1.8 Mio Einwohnern Hamburgs haben das gesehen, was die Medien ihnen vermittelt haben - teils in Endlosschleifen, die einige schlimme Szenen immer wieder zeigten. Zitat K.: "Im Rahmenbefehl steht: "Der Schutz und die Sicherheit der Gäste haben höchste Priorität." Die Hamburger Bürger dürfen sich damit vernachlässigt fühlen." Bei nüchterner Betrachtung muss man feststellen: Jede andere Prioritätssetzung in einem Rahmenbefehl wäre keinem Staatsgast vermittelbar und würde von den Sicherheitsbehörden der betr. Staaten akzeptiert werden. Kein Putin und kein Trump, kein anderer Gipfelteilnehmer wäre unter anderen Kautelen nach Hamburg gekommen. Eine solche Formulierung adressiert daher in allererster Linie die Staatsgäste und sichert ihnen zu, was ihnen dann gewährt wurde: Sicherheit. Aus einer solchen Formulierung im Kehrschluss zu folgern, wir Hamburger müßten uns nun vernachlässigt vorkommen, zeugt von wenig Seriösität. Man stelle sich nur vor, es wäre formuliert worden: "Die Sicherheit der Hamburgerinnen und Hamburger hat höchste Priorität" - als müssten wir Hamburger vor den ausländischen (Staats-)Gästen und Beuschern geschützt werden. Oder vor uns selbst, die wir zu -zig Tausenden als friedliche Demonstranten unterwegs waren - das ist nur kurios zu nennen. Herr Kurbjuweit ist viel zu klug und zu erfahren, als dass er nicht beim Schreiben der Zeilen wusste, was er damit macht: Zuspitzen, Anheizen, Agenda setting. Nicht gut für einen Samstagmorgen. Nicht gut für SPON.
Ich sehe an der Stelle auch kein Problem, schließlich waren die Staatsgäste und Polizisten das primäre Ziel der Kriminellen, bei den Bügern gab es "nur" Sachschaden, der ersetzt werden kann, und nach Aussage von Scholz ja auch wird.
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