Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,

in dieser Woche wird es darum gehen, ob eine Große Koalition zustande kommt, und es begann schon am Wochenende mit der nächsten Runde Gemaule. Man muss nicht, will nicht, will nur wenn... Klingt vertraut. Der Unterschied zu den vergangenen Wochen ist allein, dass es nicht um Grüne gegen CSU gegen FDP gegen CDU geht, sondern um SPD gegen CDU/CSU.

Die Parteien haben keine Lust aufeinander, aber das Wahlsystem macht die Zusammenarbeit der Parteien notwendig, zumal immer mehr Parteien im Bundestag sitzen, nun schon sieben. Im Moment sieht das nach ewiger Großer Koalition aus, mit nachlassender Freude aneinander, mit erstarkenden Rändern. Auch das Wahlrecht muss atmen, muss sich veränderten Zeiten anpassen können. Das Mehrheitswahlrecht würde es viel leichter machen, eine Regierung zu bilden. Es ist Zeit, ernsthaft darüber zu debattieren.

Schulz will nix

Folgendes Zitat von Martin Schulz fand ich gestern bei der Lektüre der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Ich strebe keine Große Koalition an, ich strebe auch keine Minderheitsregierung an. Ich strebe auch keine Neuwahlen an. Ich streb gar nix an. Was ich anstrebe: dass wir die Wege diskutieren, die die besten sind, um das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück besser zu machen." Ich musste das dreimal lesen, um glauben zu können, dass diese hilflosen Worte dort stehen. Schulz strebt nichts an und rettet sich in eine der klassischen Floskeln von Politikern.

Hier bestätigt sich ein Eindruck: Schulz' Bilanz seit dem Wahlabend ist desaströs. Er hat keine Macht über seine Partei, er kann sie nicht führen. Wichtige Posten in der Fraktion wurden gegen seine Absichten besetzt, nun zwingt ihn die SPD, über eine Große Koalition zu reden, obwohl er sie zweimal entschieden abgelehnt hat. Schulz ist so redlich wie überfordert. Hier hilft nur ein Rücktritt.

Heute tagt die Fraktion der SPD im Bundestag, eines der Machtzentren, die sich von Schulz nix sagen lassen.

China sucht Freunde

In Budapest trifft der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang heute Amtskollegen aus 16 Staaten in Mittel- und Osteuropa. Das klingt harmlos, sollte aber genauer beobachtet werden. Die Chinesen wissen sehr gut, mit wem sie reden können, ohne dass sie mit Menschenrechtsfragen konfrontiert werden. Sie wissen, dass einige Staaten aus der Region keinen Wert darauf legen, liberale Demokratien zu sein. Sie wissen, dass einige Staaten der Region wirtschaftliche Hilfe gebrauchen können. Hier sehen die Chinesen eine Möglichkeit, in Europa breit Fuß zu fassen. In Budapest soll es vor allem um Infrastrukturprojekte gehen - immer ein strategisches Thema.

Ein Jahr danach

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Ab heute stellt sich für Berliner die Frage: Gehen wir zum Weihnachtsmarkt oder nicht? Ab heute sind die Märkte geöffnet, ein knappes Jahr nach dem Anschlag am Breitscheidplatz. Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst für die Aussteller. Für mich ist das eine komplizierte Frage, denn mir gehen Weihnachtsmärkte auf die Nerven, und ich bin schon lange nicht mehr hingegangen. Der Staatsbürger in mir sagt aber: Diesmal solltest du gehen. Ich habe mich noch nicht entschieden. Und Sie?

Verlierer des Tages...

Foto: Kean Collection/ Getty Images

... ist für mich Ulysses S. Grant. Ich lese gerade die neue Biografie von Ron Chernow, dem besten Biografieschreiber unserer Zeit (George Washington, Alexander Hamilton). Ich bin auf Seite 130, und bis dahin ist die Lebensbilanz von Grant fürchterlich. Es ist das Jahr 1860, Grant ist 38 Jahre alt. Er hat die US-Armee verlassen, auch wegen seines Alkoholproblems. Er hat danach als Farmer versagt, als Mieteneintreiber eines Immobilienunternehmens und arbeitet jetzt in einem Lederwarengeschäft seines Vaters. Mit seiner Familie lebt er in erbärmlichen Verhältnissen.

Grant ist ein gebrochener Mann, und wir wüssten nichts von ihm, wäre nicht im Jahr 1861 der amerikanische Bürgerkrieg ausgebrochen. Grant wurde wieder Soldat und war bald der Oberbefehlshaber der Armee der Nordstaaten. Er gewann den Krieg und war von 1869 bis 1877 Präsident der USA. Er ist einer der großen Amerikaner. Die Lehre: Es ist immer noch alles drin. (Aber besser ohne Krieg.)

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Start in die neue Woche.

Ihr Dirk Kurbjuweit