Roland Nelles

Die Lage am Morgen Die nervige Erdogan-Show

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit Recep Tayyip Erdogan und der Hagia Sophia, mit Donald Trumps Parteitagsflop und mit der US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez.

Erdogans Budenzauber

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht derzeit einmal mehr seinem Ruf als geübter Populist alle Ehre. Mit allerlei politischem Budenzauber versucht er, gegen sinkende Beliebtheitswerte anzukämpfen und seine Anhänger um sich zu scharen.

Heute wird er zu den mehr als tausend Gläubigen gehören, die beim ersten Freitagsgebet nach langer Zeit in der Hagia Sophia in Istanbul erwartet werden. Das Bauwerk hat bekanntlich eine bewegte Geschichte zwischen Christentum und Islam hinter sich, zuletzt war es ein Museum. Für Erdogan ist die Wiedernutzung des historischen Baus als Moschee ein wichtiger symbolischer Akt. So kann er sich als entschlossener Anführer und Interessenwahrer der besonders gläubigen und/oder nationalistischen Türken präsentieren.

Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine beim Besuch der Hagia Sophia im historischen Zentrum von Istanbul.

Recep Tayyip Erdogan und seine Frau Emine beim Besuch der Hagia Sophia im historischen Zentrum von Istanbul.

Foto: Uncredited/ dpa

Viele andere Türken, speziell im säkularen Istanbul, dürften über die Erdogan-Show wohl eher den Kopf schütteln. Sie werden sich fragen, warum der Präsident seine Zeit nicht eher nutzt, um sich um die Coronakrise oder um die darbende türkische Wirtschaft zu kümmern.

Derweil verschärft sich auch der von Erdogan angezettelte Streit um Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat neue Sanktionen der Europäer gegen die Türkei gefordert. Er will Erdogans Pläne stoppen, für die Türkei Gasvorkommen zu sichern, die zwischen den Inseln Zypern und Kreta liegen sollen. Sie werden eigentlich von Griechenland beansprucht. "Ich stehe voll und ganz hinter Zypern und Griechenland angesichts der türkischen Verletzungen ihrer Souveränität", sagte Macron.

Die griechische Marine hat Schiffe in der Region in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Türkische Einheiten sind dort ebenfalls angekündigt. In Berlin hieß es, Kanzlerin Angela Merkel wolle in dem Konflikt vermitteln. Man kennt das schon. Könnte die Kanzlerin Erdogan die vielen Arbeitsstunden, die sie bei ihm bereits mit Vermittlungsaktionen aller Art verbracht hat, in Rechnung stellen, wäre sie eine reiche Frau - und er pleite.

Trumps Parteitagsflop

Mit einem solchen Chef will man nicht arbeiten müssen. Vor Wochen hat US-Präsident Donald Trump ein riesiges Theater veranstaltet, weil ihm der Staat North Carolina wegen der Coronakrise nicht erlauben wollte, einen gigantischen Wahlparteitag in der Stadt Charlotte abzuhalten. Er wies sein Wahlkampfteam an, den Parteitag in Teilen nach Jacksonville in Florida zu verlegen. Zack, zack musste alles umgeplant werden. Ein riesiger Aufwand für die Organisatoren. Nun hat Trump aber ausgerechnet dieses zweite Event überraschend abgesagt.

Nach langem Widerstand hat er wohl eingesehen, dass eine Massenveranstaltung in Corona-Zeiten keine gute Idee ist. Nun will Trump wieder in Charlotte tagen, aber mit weit weniger Delegierten. Zuvor hatten bereits die Demokraten bekannt gegeben, dass sie ihren Parteitag in Wisconsin von 50.000 auf 300 Teilnehmer reduzieren würden.

Donald Trump versucht, in der Coronakrise wieder Führungsstärke zu demonstrieren. Er sorgt sich um seine Umfragezahlen.

Donald Trump versucht, in der Coronakrise wieder Führungsstärke zu demonstrieren. Er sorgt sich um seine Umfragezahlen.

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Trumps Hin und Her dürfte die Organisatoren der republikanischen Partei viele Millionen Dollar und reichlich Nerven kosten. Es zeigt zugleich, wie sehr der Präsident unter Druck steht. Etliche Parteifreunde von Trump hatten zuletzt signalisiert, dass sie an seinem Corona-Parteitag nicht teilnehmen würden, weil es ihnen aus gesundheitlichen Gründen zu riskant sei.

Hinzu kommen natürlich die miesen Umfragezahlen für den Präsidenten. Trump schwenkt erkennbar um und tut so, als nehme er die Corona-Probleme nun ernst. Er hofft, dass das seine Beliebtheitszahlen wieder verbessert. Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob er seinen neuen, scheinbar sachlichen Ton lange durchhält. Die Erfahrung lehrt: wohl kaum.

Albtraum Reisen

Das Reisen in Corona-Zeiten ist leider kein Vergnügen, vor allem dann nicht, wenn man in der EU lebt und in die USA will - oder umgekehrt. Bürger aus der EU und den USA dürfen auch weiterhin nur in Ausnahmefällen in die jeweils andere Richtung über den Atlantik reisen. Viele Familien sind getrennt. Freunde und Verwandte auf der anderen Seite des Atlantiks zu besuchen, ist in etlichen Fällen so gut wie unmöglich geworden.

Das Internet ist deshalb voll von vermeintlichen Tipps und Tricks, wie man angeblich die Reisebeschränkungen umgehen kann. 14-tägiger Zwischenstopp in Serbien, Umweg über Mexiko, Istanbul und so weiter. Alles natürlich ohne Gewähr.

Im Prinzip ist der interkontinentale Reiseverkehr fast vollständig zum Erliegen gekommen, nur einige Notverbindungen werden aufrechterhalten. Wann es wieder eine Art von Normalität geben wird und die Grenzen geöffnet werden, steht in den Sternen. Vor allem das Chaos bei der Bekämpfung der Pandemie in den USA erschwert eine mögliche Lockerung der Reisebeschränkungen zwischen den Kontinenten.

Lufthansa-Maschinen warten in Frankfurt auf ihren Einsatz

Lufthansa-Maschinen warten in Frankfurt auf ihren Einsatz

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Vier der größten Fluggesellschaften, die Lufthansa, British Airways, United und American Airlines, haben in dieser Woche an die US-Regierung und an die EU appelliert, hier Abhilfe zu schaffen. Sie fordern eine gemeinsame Anstrengung beider Seiten, den Flugverkehr wieder zu ermöglichen, etwa durch ein umfangreiches Covid-Testprogramm an den Airports. Die vier Airlines sind schlicht in Not. Das Transatlantikgeschäft ist ein wichtiger Umsatzbringer.

Ob der Appell der Bosse Gehör finden wird, ist indes unklar. Klugerweise haben sie ihren Brief aber in Washington immerhin an den richtigen Adressaten geschickt - Vizepräsident Mike Pence. Er, nicht der Präsident, gilt im Weißen Haus derzeit als der Mann, an den man sich wenden muss, wenn man in Sachen Coronakrise wirklich etwas erreichen will.

Gewinnerin des Tages...

...ist die US-Kongressabgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez. Die Politikerin aus New York hatte unlängst vor dem Kapitol eine äußerst unangenehme Begegnung mit dem republikanischen Abgeordneten Ted Yoho aus Florida. Er beschimpfte Ocasio-Cortez laut Zeugen als "widerlich" und "verrückt". Dann nannte er sie "fucking bitch". In einer gewundenen Rede vor dem Repräsentantenhaus dementierte Yoho danach den Vorfall und sprach von einem "Missverständnis". Eine Entschuldigung bei Ocasio-Cortez umging er. Zugleich stellte er sich selbst als braven Familienvater dar, "mit Frau und zwei Töchtern", der stets sehr auf seine Worte achte. Damit war der Fall für ihn erledigt.

Alexandria Ocasio-Cortez bei ihrer Rede vor dem Repräsentantenhaus in Washington

Alexandria Ocasio-Cortez bei ihrer Rede vor dem Repräsentantenhaus in Washington

Foto: Uncredited/ dpa

Nicht so für Ocasio-Cortez. Sie nahm Yohos Nichtentschuldigung zum Anlass, ihrerseits eine Rede vor dem Kongress zu halten. Ihr gelang ein brillanter Auftritt, in dem sie in zehn Minuten die Frauenverachtung und die Verlogenheit des Republikaners gekonnt auseinandernahm. Das Video dazu ist sehr sehenswert. "Töchter zu haben, macht einen Mann noch nicht zu einem anständigen Mann", sagte sie. "Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, das macht einen Mann zu einem anständigen Mann. Und wenn ein anständiger Mann einen Fehler macht, wie wir es alle tun, dann entschuldigt er sich." Was werden wohl Ted Yohos Frau und seine beiden Töchter dazu sagen?

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Staatsanwalt fordert 25 Jahre Haft für Hinterleute des Mordes an Ján Kuciak: Der Kronzeuge und der Schütze wurden bereits verurteilt, nun fordert die Staatsanwaltschaft unter anderem für den mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes am Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten lange Haft.

  • US-Kampfjet soll Passagierflugzeug aus Iran sehr nahe gekommen sein: Die Piloten mussten offenbar in einen scharfen Sinkflug gehen: Über Syrien soll ein US-Kampfjet ein iranisches Passagierflugzeug bedroht haben. Beim Landeanflug seien mehrere Menschen verletzt worden.

  • Mehrere CDU-Abgeordnete sprechen sich für Spahn als künftigen Parteichef aus: Offiziell bewirbt sich Jens Spahn nicht um den Parteivorsitz der CDU. Mehrere Christdemokraten wünschen sich den 40-Jährigen aber genau in dieser Position. Er sei auf "Augenhöhe mit den anderen Kandidaten".

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Ihr Roland Nelles