Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt so viele Meinungen über Helmut Kohl, so viele Perspektiven. Die beiden Extreme symbolisieren einerseits jene devote Verehrung, welche die Trauerflor-"Bild" ihrem Heldenkanzler darbietet, sowie andererseits der Spott der "Tageszeitung", die ein Blumengesteck auf einem Sarg mit der Schlagzeile "Blühende Landschaften" garniert. Beides ist schief: Nachrufe sollten nicht alles vergessen, was eben auch war; und wenn er verrutscht, wird Humor zynisch.

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Heft 25/2017
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Kohl war beides: großer Politiker und Staatsmann - und ein Mensch mit dunklen Seiten, eiskalt, einer auch, der die eigene Lebensleistung durch die von ihm herbeigeführte und würdelos durchgestandene Spendenaffäre besudelte und sich selbst in die Einsamkeit des Alters lenkte. Tragisch? Ja, aber selbst verschuldet.

Die Leistungen bleiben bestehen. Der Pfälzer Kohl, 1,93 Meter groß und raumgreifend selbstbewusst, war das jüngste CDU-Mitglied, der jüngste Fraktionschef, der jüngste Ministerpräsident, der jüngste Kanzler. Er führte das Land in die Einheit, suchte die Nähe Frankreichs, auch jene Russlands, glaubte an Europa. Von 1982 bis 1998 war Kohl Bundeskanzler, und für viele Deutsche schien er ewig zu regieren, unverrückbar. Nun ist er tot.

DPA

Und ich saß am gestrigen Abend in der SPIEGEL-Redaktion und las noch ein wenig in alten Schriftstücken.

  • Kohl an Rudolf Augstein, 1977: "Ihr auf Dauer für niemanden bequemes Blatt hat sich in der deutschen Presselandschaft einen festen Platz sichern können. DER SPIEGEL hat in den letzten drei Jahrzehnten einen ganz neuen Maßstab in der Pressearbeit gesetzt. Freunde und Gegner Ihres öffentlichen Wirkens können weder bestreiten noch übersehen, daß der Erfolg Ihres Nachrichtenmagazins das Ergebnis des unter Ihrer Leitung geglückten Zusammenwirkens von Redaktion und Verlag war."
  • Augstein an Kohl: "Über Ihr Telegramm habe ich mich gefreut. Ich nehme es ernsthaft und nicht ironisch. Anders als einige Kollegen hier im Hause meine ich, daß Sie eine dicke Chance haben, mit Ihrer Strategie durchzudringen und die Früchte auch noch persönlich einzusammeln. DER SPIEGEL, wie Sie wissen, ist schon manchem wider Willen behilflich gewesen. In Ihrem Fall könnte ich mich darüber nicht einmal ärgern."

Die Beziehungen zwischen Kohl und dem SPIEGEL wurden zunehmend heikel und blieben es: Trotz und wegen vieler Titel mochte der Kanzler bald nicht mehr mit uns reden, jedenfalls offiziell nicht; und er sagte, dass er das Blatt nicht lese, was lässig klang, aber nicht stimmte. Helmut Kohl, 87 Jahre alt, starb gestern in Ludwigshafen.

Foto für das Titelbild von Peter Neusser
Peter Neusser

Foto für das Titelbild von Peter Neusser

Eine der schönsten, nämlich kreativen, aber auch eine der bedeutungsschweren, nämlich verantwortungsvollsten Aufgaben des SPIEGEL-Chefredakteurs ist die Titelentscheidung. Was platzieren wir auf der ersten Seite? Und wie? Mit welcher Aussage, mit welcher Zeile?

Wir Hamburger, die wir natürlich allesamt und seit vielen Jahren und selbstverständlich immer noch Berlin beneiden, bemerken in diesen Wochen eine Verwandlung dieser so spröden wie offenen Stadt, in der wir leben und arbeiten. Es ist noch nicht lange her, dass sich Hamburg geprügelt fühlte: Die Olympia-Bewerbung war von den eigenen Bürgern abgeschossen worden, das Schauspielhaus war kaputt, Hamburg verlor seine Handballer, Volleyballerinnen, Eishockeyspieler, die Hamburger standen dumm im Stau herum, und, sowieso klar, die Elbphilharmonie wurde nicht fertig.

Nun gibt es sie, und etwas Erstaunliches ist geschehen. Die Stadt hat ihr leuchtendes Zentrum erhalten. Reisende strömen nach Hamburg, um dieses Zentrum zu sehen. Der G20-Gipfel steht an, Donald Trump, Wladimir Putin und eine tausendköpfige chinesische Delegation werden Hamburg in diesem Juli für drei Tage zur Hauptweltstadt machen. Auch zur Hochsicherheitszone. Natürlich zu einem umstrittenen Ort. Darum der Titel dieser Woche: Hauptstadt Hamburg.

Peter Neusser ist ein mehrfach ausgezeichneter Fotograf. Er liebt Architektur, Natur, Plätze, Räume, und er fertigt sogenannte "Multiples" an; früher, in der analogen Fotografie, waren es Mehrfachbelichtungen, heute fotografiert Neusser digital und schichtet die Bilder übereinander. So entsteht die Verdichtung diverser Perspektiven: eine Stadt und ihr Zentrum.

Für uns kam Neusser am Mittwoch aus München; er fotografierte zunächst vom südlichen Elbufer aus die Elbphilharmonie im Abendlicht. Nach Sonnenuntergang ging es dann auf dem Dach des SPIEGEL-Hauses, 54 Meter hoch, weiter. Gegen Mitternacht schritten Neusser und Titelbild-Chefin Katja Kollmann die gesamte Breite des Daches ab, alle vier Schritte wurde das Stativ aufgestellt und ein Einzelbild gemacht. Dann legte Neusser diese Nachtbilder übereinander, um die vielen Varianten herzustellen, die schließlich am Donnerstagnachmittag im Titelbild-Ressort an der Wand hingen. Als wir die Entscheidung dieser Woche zu treffen hatten, saß Peter Neusser erschöpft in unserer Snackbar.

Schanzenviertel in Hamburg
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Schanzenviertel in Hamburg

Texte gibt es auch. Alexander Smoltczyk beschreibt Hamburgs Stolz auf die neue Bedeutung und zugleich Hamburgs Fremdeln ebendamit. Ein Team um Hubert Gude berichtet über die Gipfel-Vorbereitungen und die Sorgen der Sicherheitsbehörden. Claudia Voigt und Tobias Becker erzählen die Geschichte des Schanzenviertels, das seit vielen Jahren sein eigenes Zentrum hat: die Flora, die besetzte Heimat des linken Widerstands. Und der Dirigent Ingo Metzmacher sagt uns, wie das geht: die Entdeckung, die Eroberung eines Gebäudes namens Elbphilharmonie.

Und was finden Sie noch im neuen SPIEGEL? Es geht um Macht und den klugen, den effektiven Einsatz derselben: Konstantin von Hammerstein beschäftigt sich mit Ursula von der Leyen und der nicht endenden Bundeswehr-Affäre; Jörg Schindler hat Theresa May und die Auswirkungen von Hybris beobachtet; Jonathan Stock war auf Hallig Hooge, um Matthias Piepgras zu erleben, einen deutschen Bürgermeister. Und, da wir gerade bei Macht sind: Thomas Schulz führt uns ins Innere des Reiches von Uber, wo eine für das digitale Zeitalter perfekte Idee einen der größten Konzerne der Gegenwart entstehen ließ, wo aber auch Sexismus und brutale Spielregeln existieren.

Im Video:

SPIEGEL-Redakteur Johann Grolle über die Weltumseglung der Hokulea, die nach alter polynesischer Tradition konstruiert ist

AP/dpa

Es geht im neuen Heft um Weltgeschichte. Johann Grolle erzählt von der Weltumseglung der Hokulea, die nach alter polynesischer Tradition konstruiert ist - und auch so navigiert. Und meine Kolleginnen Laura Höflinger, Katrin Kuntz, Michaela Schießl und Samiha Shafy sowie der Kollege Bartholomäus Grill erklären, warum eine der Tragödien unserer Zeit geschieht und wie sie zu vermeiden wäre: Hunger. Wieso verhungern 2017 noch Kinder, warum hungern 800 Millionen Menschen, also jeder neunte Erdenbürger? Der Arzt Yusuf Dirir Ali im Krankenhaus von Burao in Somaliland sagt: "Es ist eine Schande."

Im Video:

Yusuf Dirir Ali ist Arzt im Krankenhaus von Burao in Somaliland und hat nur ein Röntgengerät - für zwei Millionen Patienten.

DOMINIC NAHR / AGENTUR FOCUS / DER SPIEGEL

Hier, bei SPIEGEL ONLINE, finden Sie die Nachrichten der Nacht:

Verlierer und Gewinner des Morgens sind...

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... Cristiano Ronaldo und Münster. Ronaldo denkt nach den Enthüllungen meiner Kollegen und der Anklageerhebung wegen Steuerhinterziehung nun darüber nach, Real Madrid und Spanien zu verlassen. Wie heldenhaft. Ja, auch Weltstars können etwas Erbärmliches haben.

Installation "On Water" von Ayse Erkmen
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Installation "On Water" von Ayse Erkmen

Und in Münster kann man in diesem Sommer übers Wasser gehen. Es ist nur zwar das Wasser des Dortmund-Ems-Kanals, und, schon klar, Kassel und Athen haben die Documenta, aber meine Geburtsstadt Münster hat die Skulptur Projekte 2017. Mehr dazu in unserer smarten Abendzeitung SPIEGEL DAILY.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und eine erhellende Lektüre, mit herzlichen Grüßen

Ihr Klaus Brinkbäumer

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insgesamt 10 Beiträge
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StefanZ.. 17.06.2017
1. Zum Spiegelartikel "Wer ist schuld"
Der Artikel leistet eine sehr gute Arbeit bei der Beschreibung der Elendszustände und bei der Auflistung all der gängigen quick and dirty Rezepte zur Behandlung von Symptomen. Allerdings hat all das Beschriebene nicht viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Ich habe selbst Bekannte die bei FAO arbeiten, aber mit Verlaub, Phrasen vom Exekutivdirektor, daß wir uns (ganz nach dem Schmalspurmandat der Organisation) nur um die Landwirtschafts- und Verteilungsoptimierung kümmern müßten, damit auf dieser Basis locker vom Hocker 9, 12, 50, unendlich viele Milliarden Erdbürger gesund und wohlgenährt auf dem Planeten umherwandeln könnten, sind an Naivität kaum noch zu überbieten. Das klingt wie der andere Herr in Rom, der im Vatikan wohnt. Dabei ist doch in jedem einzelnen der aufgeführten Länderbeispiele gar zu offensichtlich, daß all die beschriebenen Elendszustände ohne die Vervielfachung der jeweiligen Einwohnerschaft niemals aufgetreten wären. Zurecht wird im Artikel von der stetigen Verschlimmerung der Folgen des Klimafaktors geschrieben. Aber auch dieser konnte nur zum wirklichen Problem werden, weil die riesige Masse von Menschen mittlerweile die natürliche Regeneration von Ressourcen unmöglich gemacht hat. Und das gleiche läßt sich sagen über Verteilungskriege, länderübergreifendem fanatischem Terrorismus, häufigere Pandemien, rasantem Tier-/Pflanzenartenaussterben etc. Warum sind wir nicht so ehrlich und gestehen uns ein, daß der Ausweg aus den vielen Krisen, die alle bei genauer Betrachtung auf die gleiche Grundursache zurückzuführen sind, nur darin bestehen kann, Obergrenzen für Familiengrößen einzuführen? Weltweit, mit diesbezüglich gleichen Rechten aber auch Pflichten in jedem Land. Es führt kein Weg daran vorbei. Es ist vielmehr eine Frage von wieviel schlimmer wollen wir die Lage erst werden lassen, bevor wir unseren Menschenverstand endlich benutzen. In New York ist gerade die Leiterstelle des United Nations Population Fund freigeworden. Diese Organisation wurde einst zur Bekämpfung des Grundproblems unserer Zeit ins Leben gerufen. Warum wurde UNFPA noch nicht befragt, aus welchem Grund die Rückführung der Überbevölkerung absurderweise keinerlei Erwähnung bei den 17 Nachhaltigkeitszielen der Staatengemeinschaft für 2030 findet? Warum hat der 36-köpfige Aufsichtsrat (Deutschland zur Zeit Mitglied) dieser Organisation seit dem Jahr 1994 ohne jegliche öffentliche Diskussion dafür gesorgt, daß keinerlei Zielmargen mehr zur Verlangsamung und Beendung des 100 Millionen extra Einwohner/Jahr Verschlimmerns der Lage verfolgt werden? Nur weil eine Aufgabe wegen allerlei egoistischen Kurzsichtigkeiten und Befindlichkeiten unbequem ist kann man das Thema doch nicht verantwortungslos unter den Teppich kehren. Es gehört nach meiner Meinung, solange es noch von religiösen, Geld/Macht-Wachstumsfetischisten und sonstigen gewissenlosen Lobbyistengruppen verzerrt und tabuisiert und darum von der Politik wider besseren Wissens verheimlicht und nicht angepackt wird, regelmäßig auf die Frontseiten und in die Schlagzeilen.
thequickeningishappening 17.06.2017
2. # Helmut Kohl
Der Mann hat Großes geleistet. Ohne Ihn haette es Die Wiedervereinigung in der Form nicht gegeben! Er nutzte ein historisches Zeitfenster und musste Kompromisse machen. Ich habe Ihn als Landesvater von Rheinland-Pfalz erlebt, damals ein Vorreiter in Bildungspolitik! Mein Beileid an die Familie.
jimbofeider 17.06.2017
3. Mantel
Lieber Hr. Brinkbäumer, Sie haben natürlich recht, über Tote nichts schlechtes, denn sie können sich nicht wehren. Aber nur am Rande, was mir an Kohl extrem mißfallen hat war sein Pathos, das von sich selbst gerührt und begeistert sein.(Der Mantel der Geschichte, u.s.w.) Das hat mich abgehalten ihn zu Wählen und bis heute bin ich nicht unfroh darüber.m.f.G.
i.dietz 17.06.2017
4. Guten Morgen
Nein, Kohl war nicht "mein" Kanzler ! Wenn ich an ihn denke, fallen mir sofort der Soli und die Plünderung der Rentenkasse ein. Gewiss hätte es aber die "drei Tage im September 2015" und die daraus resultierenden "Probleme" mit ihm nicht gegeben !
hansfrans79 17.06.2017
5.
Zitat von thequickeningishappeningDer Mann hat Großes geleistet. Ohne Ihn haette es Die Wiedervereinigung in der Form nicht gegeben! Er nutzte ein historisches Zeitfenster und musste Kompromisse machen. Ich habe Ihn als Landesvater von Rheinland-Pfalz erlebt, damals ein Vorreiter in Bildungspolitik! Mein Beileid an die Familie.
"..in der Form nicht gegeben", das wäre auch besser so gewesen. Der sinnvollste Kommentar kam wohl von Ströbele: 16 Jahre kein Kriegseinsatz, DAS ist auch meine gute Erinnerung an Kohl.
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