Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,

die deutsche Kapitänin Carola Rackete darf Italien verlassen, zumindest vorübergehend. Der für Dienstag geplante Anhörungstermin bei der Staatsanwaltschaft in Sizilien verschiebt sich aufgrund eines Streiks der Strafverteidiger auf den 18. Juli. Erst nach dem Sommer wird sich wohl entscheiden, ob Rackete wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung angeklagt wird.

In ihrer Heimat Deutschland sind manche derweil seit Tagen in größter Sorge um das italienische Recht. Die um das italienische Recht besorgten Bürger aus Deutschland zeigten dabei eine erstaunliche Schnittmenge mit den ansonsten besorgten Bürgern. Sie haben große Angst, dem italienischen Recht könne etwas zugestoßen sein. Oder, ebenso schlimm, es könne mit Missachtung gestraft worden sein. Die Moral der Deutschen dürfe nicht über den Gesetzen der Italiener stehen, hieß es fürsorglich. Alle Deutschen, die Rackete und ihre Hilfsaktion unterstützen, verhielten sich arrogant gegenüber Italien und seinen Gesetzen.

Was von den Freunden des italienischen Rechts bislang leider übersehen wurde: Es ist gar nicht klar, ob Rackete dem italienischen Recht tatsächlich etwas angetan hat. Es kann nämlich sein, dass es auch nach italienischem Recht legal ist, notleidende Menschen in Sicherheit zu bringen  - auch wenn ein anderes italienisches Recht oder ein überemsiges Patrouillenboot bei der Rettung im Wege stehen.

Die wahre deutsche Arroganz Italien gegenüber ist eine andere. Jahrelang ließ die Bundesrepublik das Land allein mit den Migranten und Flüchtlingen. Man versteckte sich bequem hinter der Dublin-Regelung, wonach jene Staaten verantwortlich sind, in denen die Flüchtlinge als Erstes den Boden der EU betreten. Statt diese Länder zu unterstützen und die Auf- und Übernahme der Menschen anzubieten, machte sich Deutschland einen schlanken Fuß.

Mit dieser Geht-uns-nichts-an-Haltung trug auch die deutsche Bundeskanzlerin zum Erstarken der rechtspopulistischen Kräfte in Italien bei. Die konnten zu Recht darauf verweisen, dass man vom Rest Europas im Stich gelassen werde. Und sie boten den Bürgern Italiens als Antwort jenes kompromisslose Durchgreifen an, das von der Bundesregierung nun als inhuman kritisiert wird.

Die Boris-Johnson-Skala

Foto: Andy Rain/ EPA-EFE/ REX

Was den Grad an charakterlichen Defiziten betrifft, bietet sich ein britischer Politiker schon seit Langem als Maßeinheit an. Auf der Boris-Johnson-Skala rangiert derjenige weit oben, der sogar seine Mutter verraten würde, um an irgendwelche Ämter zu kommen. Die meisten Briten würden Boris Johnson vermutlich nicht mal ihre Brotschneidemaschine anvertrauen, zu verbreitet ist das Bild des gerissenen Hallodris, dem nichts heilig ist, erst recht nicht seine eigenen Versprechen. Das Interessante ist nur: Ihr Land würden die Briten diesem Boris Johnson schon anvertrauen, selbst in der schwersten Krise. Das besagen zumindest die Umfragen.

Am 23. Juli wollen die Tories bekanntgeben, wer die parteiinternen Wahlen gewonnen hat und nächster Premierminister werden darf. Im Finale stehen Johnson und Jeremy Hunt, der Johnson vor einem Jahr als Außenminister nachfolgte. Heute Abend werden die beiden zum großen TV-Duell des Senders ITV gegeneinander antreten. Wie es aussieht, könnte sich Johnson auch dabei wieder um Kopf und Kragen reden - und trotzdem am Ende das Land regieren.

Der Mann der Knochenmesser

Foto: Ludovic MARIN/ AFP

Es war ein gruseliges Bild: Beim G20-Gipfel in Tokio stand der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in der Mitte des "Familienfotos" aller teilnehmenden Staats- und Regierungschefs. Heute Abend findet in London nun eine Veranstaltung von Amnesty International zum Mord an dem saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi statt. Der Titel lautet: "Das offene Geheimnis". Teilnehmen werden unter anderem Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz und die Uno-Beauftragte Agnès Callamard. Callamard hat vor Kurzem einen Bericht vorgelegt, nach dessen Lektüre kaum Zweifel daran bestehen, dass bin Salman von dem Knochensägen-Massaker an Khashoggi wusste. Und dass er es wahrscheinlich in Auftrag gab.

Als ich das "Familienfoto" von Tokio sah, fragte ich mich, wie man diesem Barbaren noch die Hand geben oder ihm bei Konferenzen in die Augen schauen kann. Noch unverständlicher ist für mich aber, wie man ernsthaft darüber nachdenken kann, seinem Regime wieder Waffen zu liefern, die unweigerlich zu dessen Erhalt beitragen. Kein Arbeitsplatz, keine Steuereinnahme sollte es wert sein, diese Exporte fortzuführen.

Gewinnerin des Tages...

Foto: Franck Fife/ AFP

... ist die US-Fußballerin Megan Rapinoe. Am Sonntag gewann sie mit der Frauennationalmannschaft ihres Landes im Finale gegen die Niederlande den Weltmeistertitel. Und sie denkt nicht daran, einer möglichen Einladung ins Weiße Haus von Donald Trump zu folgen, um diesen Titel zu feiern. Rapinoe hatte sich an den Protesten gegen Rassismus und Diskriminierung beteiligt, auch dadurch, dass sie während der Nationalhymne kniete statt stehend mitzusingen. Der US-Präsident warf ihr deshalb vor, nicht stolz genug auf ihr Land zu sein. "Ich halte mich für extrem amerikanisch", entgegnete Rapinoe. Was sei denn bitteschön amerikanischer als Widerstand?

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Einen heiteren Dienstag wünscht Ihnen
Ihr Markus Feldenkirchen

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