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Kanada wählt heute ein neues Parlament, und niemand sagt mehr, dass es hier um einen Gegenspieler von Donald Trump geht. Als solcher galt der kanadische Premierminister Justin Trudeau nach seiner ersten Wahl in dieses Amt. Für kurze Zeit hoffte der liberale Teil des Westens, eine Lichtgestalt gefunden zu haben, so strahlend, so liberal. Aber dann war Trudeau nur ein Politiker, der manches gut machte, anderes nicht, er wurde von Skandalen heimgesucht, und nun muss er um seine Mehrheit bangen.

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Heft 43/2019
Wie der Sieg der Despoten in Syrien ein Volk zerstört, den IS stärkt und Europa bedroht

Wenn man es positiv wenden will: Demokratien können kaum Lichtgestalten hervorbringen, weil die Öffentlichkeit so wachsam ist und die meisten Verfehlungen ans Licht kommen. Zudem lässt der parlamentarische Prozess mit seinen Streits und Kompromissen kein dauerhaftes Leuchten zu.

Lichtgestalt II

Aber es gibt doch Willy Brandt? Heute vor 50 Jahren hat ihn der Bundestag zum ersten Mal zum Bundeskanzler gewählt.

Er machte manches gut, anderes nicht, wurde von Skandalen heimgesucht und trat nach nur fünf Jahren zurück. Aber für viele ist er bis heute eine Lichtgestalt. Was könnte Trudeau von ihm lernen?

  • Man braucht einen großen Satz: "Wir müssen mehr Demokratie wagen."
  • Man braucht ein großes Projekt, das man eisern durchficht: die Ostpolitik.
  • Man muss aus einer Zeit kommen, die viele als dunkel wahrnahmen: die Adenauer-Jahre.
  • Man braucht einen grimmigen Feind in den eigenen Reihen: Herbert Wehner.
  • Man braucht ein bewegtes Privatleben, das viele Menschen in irgendeiner Weise berührt: Frauen, Kinder, Alkohol.
  • Man muss ins Visier einer dunklen Macht geraten: der DDR-Spion Günter Guillaume in Brandts Umfeld.
  • Man muss früh abtreten, weil der politische Betrieb auf Dauer jeden entzaubert.

Das sind die Hauptkomponenten der Lichtgestalt Willy Brandt. Einer wie er fehlt.

Farnvordringlichkeit

JULIEN DE ROSA/EPA-EFE/REX

Bis zum Bosnien-Krieg habe ich so ziemlich jedes Buch von Peter Handke gelesen. Doch seine Parteinahme für die Serben, seine Angriffe gegen Journalisten haben bei mir einen inneren Aufruf zum Boykott ausgelöst. Ich las dann trotzdem 1996 "Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise", weil ich wissen wollte, was er zum Massaker von Srebrenica schreibt. Dort war er unter anderem hingereist.

In dem Buch las ich Schmähungen gegen Journalisten, ich las ein Vorbeischreiben am Massaker. Ich las das Wort Farnvordringlichkeit. Ich sagte meinen Boykott ab, bis heute denke ich bei Spaziergängen an dieses Wort, das so schön ausdrückt, wie der Farn vorwitzig in die Waldwege greift.

Peter Handke lese ich mit dem Gemüt, lasse mich von seiner Poesie überwältigen. In den politischen Fragen lehnt sich mein Verstand nach wie vor gegen seine Ansichten auf. Diese Ambivalenz kann ich aushalten und den Nobelpreis für Literatur als Preis für Poesie verstehen, der nicht immer dem Verstand gerecht werden muss.

Verlierer des Tages

Tobias Schwarz / REUTERS

Der Preis für Menschenwürde wird heute nicht vergeben. Die Roland Berger Stiftung hat den Termin auf unbestimmte Zeit verschoben. Grund sind Recherchen vom "Handelsblatt" über den Vater des Unternehmensberaters. Er war womöglich doch kein Opfer der Nazis, wie vom Sohn nahegelegt, sondern ein Profiteur. Berger will das nun von renommierten Historikern aufklären lassen.

Mit den Preisen ist es so eine Sache: Mal ist der Gekürte zwielichtig, mal der Stifter oder die Jury (wie vormals beim Nobelpreis für Literatur). Wahrscheinlich, denke ich mit einem gewissen Schmerz, ist dieser ganze Versuch, einen Besten zu bestimmen, ein Irrweg, weil er Klarheit suggeriert: Es gibt Beste, und die Juroren oder Preisstifter besitzen die moralische Autorität und das höhere Wissen, um diese Besten zu bestimmen. Diese Anmaßungen brechen regelmäßig in sich zusammen (auch bei Journalistenpreisen). Roland Berger ist mein Verlierer des Tages. Denn wer Menschenwürde auszeichnen will, muss sich seiner moralischen Autorität sehr sicher sein.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
phoibe 21.10.2019
1. Rückwärtsgewandtheit
Lichtgestalten sind männlich, Frauen sind unterhaltsames Beiwerk. Ist das nicht traurig? Erst, wer seine Gedanken und Hoffnungen nicht mehr auf die Vergangenheit bezieht, sondern Großes, Tragendes, provokativ anderes für die Zukunft erdenken kann, wird eine bessere Zukunft bauen können.
so-long 21.10.2019
2. Lichtgestalten
müssen immer im historischen Kontext gesehen werden. Der war vor 50 Jahren anders als heute und war zu Napoleon's Zeiten wiederum anders.
thequickeningishappening 21.10.2019
3. # Willy Brandt
Eine Komponente fehlt in Der Aufzählung: ANSTAND ! Er war für mich Der Kanzler mit Dem groessten Anstand. Sein Vertrauen wurde missbraucht (Guillaume) und Er uebernahm Die volle Verantwortung ohne Wenn und Aber !
romeov 21.10.2019
4. Ich hatte damals zwei Idole
...die Rolling Stones und Willy Brandt. Beide haben - auf ihre Art - in den Sechzigern diese bleierne, schwarzbraune und für Jugendliche unerträgliche Zeit in Deutschland, zum besseren gewendet.
kajoter 21.10.2019
5.
Richtigstellung: Die Zeitspanne vor Brandt war eigentlich die Nazi-Barbarei und deren Attribute, die während der Adenauer-Ära nicht konsequent und systematisch aufgearbeitet wurden. Alt-Nazis saßen immer noch auf entscheidenden oder guten Posten im öffentlichen Leben und Obrigkeitshörigkeit war ein fast wie selbstverständlich eingeforderter Benehmenskodex. Abweichendes oder gar Rebellisches bedeutete praktisch Ausschluss aus der Gesellschaft. Aber man sollte dem alten Adenauer bitte etwas mehr Gerechtigkeit zukommen lassen. Was hätte er denn tun sollen? Der alte Beamtenapparat von Polizisten bis hin zu Lehrern besaß noch viele Nazis und Mitläufer und der Großteil der jüngeren männlichen Generation war im Kreg geblieben, so dass man auf die älteren Semester bauen musste. Es wurden zum Teil längst pensionierte Menschen wieder reaktiviert, um Personallücken zu schließen. Und um Details, wie eine völlig abstruse Gesetzgebung (der "Schwulenparagraph", Verkuppelung von Liebespaaren etc.) musste man sich später kümmern, denn jetzt war erst mal Aufbauarbeit angesagt. Adenauer, das war der Praktiker, der versuchte, mit der vorliegenden, undankbaren Situation klar zu kommen. Brandt war dagegen der Idealist und Visionär, der aber ohne Adenauers Aufbauarbeit kaum hätte existieren können. Lichtgestalt? Wer diesen Titel verleiht, kann ihn entweder nicht ernst meinen oder lebt im falschen Jahrhundert-. Für mich ist Brandt vor allem eine Mahnung, immer kritisch und differenziert zu bleiben. Natürlich war er der richtige Politiker zur rechten Zeit und am richtigen Ort - was übrigens bei den o.a. Kriterien fehlt. Aber das, was die SPD und große Teile der Bevölkerung aus ihm machten, das war er sichlich nicht und ich vermute, dass ihn diese Heiligenverehrung eher belastete, statt schmeichelte. Er traf ohne Zweifel gute Entscheidungen, vor allem die Ostpolitik. Er traf aber auch sehr schlechte Entscheidungen, vor allem den Extremistenerlass, der u.a. vielen aufbegehrenden jungen Menschen den späteren Einstieg in den öffentlichen Dienst verwehrte. Aber ein Punkt wird bei ihm immer übersehen: Mit ihm blühte die Debattenkultur, die Lust, bzw. die Einsicht zur Notwendigkeit von politischen Diskursen auf. Er warf damit vor allem den Jüngeren einen Ball zu, den sie bereitwillig auffingen - um kurz darauf die Übermütigen mit besagtem Extremistenerlass zu bestrafen. Ob Guillaume der tatsächliche und einzige Grund seines Rücktritts war, ist eine offene Frage und sie wird es wohl immer bleiben. Den Rest seines Lebens verbrachte er danach als eine lebende Legende, sprich: mit der Bürde seines Images lebend. Vielleicht liegt darin der Grund, dass man aus diesem Mann nicht schlau wird, dass immer ein Hauch von Rätselhaftgkeit über ihm liegt.
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