Roland Nelles

Die Lage am Morgen Brutale Umfragewerte für Trump

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der TV-Debatte in den USA zwischen Kamala Harris und Mike Pence, mit dem Wirecard-Ausschuss - und mit dem Beherbergungsverbot.

Ein Punktsieg für Kamala Harris

Da prallten zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite Kamala Harris, die Tochter von Einwanderern, eine Topjuristin mit Traumkarriere aus dem liberalen San Francisco. Auf der anderen Seite Mike Pence, der stramm konservative, weiße evangelikale Christ aus dem Mittleren Westen. Das TV-Duell der Vizepräsidentschaftskandidaten in den USA zeigte wie in einem Brennglas die derzeitige politische Spaltung in den USA.

Insgesamt ging es bei der Debatte zwar weitaus ziviler zu als bei der jüngsten Begegnung zwischen Donald Trump und Joe Biden. Zugleich wurde aber in der Sache mindestens genauso hart gestritten.

Kamala Harris, die Demokratin, konnte Donald Trumps Vize Mike Pence dabei in die Defensive bringen. Sie war gut vorbereitet, attackierte vor allem die Corona-Politik der Regierung Trump. "Der Präsident hat hier auf der ganzen Linie versagt", sagte sie.

Szene aus dem TV-Duell

Szene aus dem TV-Duell

Foto: BRIAN SNYDER / REUTERS

Wie bei einer Anklage brachte sie immer wieder neue Kritikpunkte gegen den Präsidenten vor: Sie nahm Trumps Außenpolitik auseinander, seine Gesundheitspolitik, erwähnte Trumps Faible für Autokraten wie Wladimir Putin und machte sich über Trumps eigene geringe Steuerzahlungen lustig. "Er hat 750 Dollar Steuern bezahlt. Ich konnte es gar nicht glauben, ich dachte es waren 750.000", sagte sie.

Pence versuchte zu kontern, indem er Harris und Biden als radikale Linke zeichnete. Er warnte davor, sie würden für alle Amerikaner die Steuern erhöhen und mit ihrer Klimaschutzpolitik Millionen von Arbeitsplätzen zerstören. Insgesamt machte Harris eine bessere Figur, sie dürfte mit ihrem leidenschaftlichen Auftritt vor allem Frauen überzeugt haben. Pence, der ein routinierter Redner ist, ging nicht unter in der Debatte. Die eingefleischten Trump-Fans werden mit ihm zufrieden sein. Aber zugleich schaffte er es nicht, zu erklären, warum die Wähler Trump und ihn erneut für vier Jahre wählen sollten.

Trumps Umfragewerte stürzen ab

US-Präsident Donald Trump

US-Präsident Donald Trump

Foto: Official White House Photo / REUTERS

Die Coronakrise, Donald Trumps Krankenhausaufenthalt, die Enthüllungen über seine Steuererklärungen, das alles trägt offenbar dazu bei, dass der Präsident in den neuesten Umfragen immer schlechter dasteht. Die jüngsten Zahlen sind brutal: Im Durchschnitt aller Erhebungen liegt Biden inzwischen 9,5 Prozentpunkte vor Trump. Man mag dies für übertrieben halten, und sicherlich sind Umfragen immer nur Momentaufnahmen, aber fest steht, der Trend bewegt sich für Trump in die falsche Richtung.

Besonders bitter: Auch in wichtigen Staaten, die Trump unbedingt gewinnen muss, baut Biden seinen Vorsprung aus. Eine Umfrage der Monmouth University gibt Biden einen Vorsprung zwischen acht und elf Prozentpunkten in Pennsylvania. Die Quinnipiac University sieht Biden dort mit 13 Prozentpunkten in Führung. Ähnlich sind die Zahlen in Florida. Dort führt Biden demnach mit elf Punkten. "Die Präsidentenwahl könnte zu einer Welle für die Demokraten führen", stellen die Analysten des Umfrageportals FiveThirtyEight  fest.

Furchtbare Realität, grausames Deutsch

Die Coronakrise bringt es mit sich, dass wir ganz neue, furchtbare Bürokraten-Wörter lernen. Zum Beispiel das Wort "Beherbergungsverbot". Auf gut Deutsch: Du darfst hier nicht wohnen.

Nach einer Sitzung von Bund und Ländern soll es nun einen gemeinsamen Rahmen für Reisende aus inländischen Risikogebieten geben. Fahren sie in eine Region mit wenig Infektionsgeschehen, müssen sie einen negativen Test vorlegen, wenn sie als Touristen zum Beispiel in einem Hotel übernachten wollen. Das heißt: Ein Mensch aus dem Corona-Hotspot Berlin-Mitte kann nicht mal eben so in München am Hauptbahnhof übernachten.

Unklar ist noch, wie einheitlich und verbindlich der neue "Rahmen" wirklich ist. Bayern will die neue Regelung rasch umsetzen. Andere Länder scheinen indes weniger Gefallen daran zu finden. Elf Länder wollen sich an die Regelung halten, andere sind skeptisch, ob sie wirklich etwas bringt. Offenbar gibt es auch die Sorge, dass die lokale Hotelindustrie darunter zu stark leiden könnte. Eine Senatssprecherin in Berlin sagte, die Hauptstadt werde dabei vorerst nicht mitmachen. "Jedes Bundesland muss für sich selbst die Entscheidung treffen, wie es die Pandemie eindämmen kann", so die Senatssprecherin.

"Inländisches Risikogebiet" ist übrigens auch so ein schrecklicher Behörden-Fachbegriff. Die deutsche Sprache kann so grausam sein.

Was bringt der Wirecard-Ausschuss?

Foto: Peter Kneffel / DPA

Der Wirecard-Skandal zählt zu den irrsinnigsten Wirtschaftskrimis der letzten Jahre. Es stellt sich aber auch die Frage, ob dahinter ein handfester politischer Skandal steckt. Im Bundestag nimmt heute der parlamentarische Untersuchungsausschuss zu dem Bilanzskandal rund um den ehemaligen Dax-Konzern die Arbeit auf. Geklärt werden soll, ob Wirecard möglicherweise durch die Aufsichtsbehörden und die Politik eine Vorzugsbehandlung erhalten haben könnte und die massiven Probleme bei dem Unternehmen deshalb nicht energisch genug untersucht wurden.

Vor allem die Oppositionsparteien wollen den Ausschuss natürlich dazu nutzen, um die Große Koalition vorzuführen. Neben Kanzlerin Angela Merkel sollen auch Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier aussagen.

Es ist sicherlich verdienstvoll, die Sache aufzuklären, allzu viel politisches Kapital werden die Oppositionsparteien mit der Arbeit aber wohl kaum für sich ansammeln können. Die Materie ist wahnsinnig kompliziert - und insbesondere die Kanzlerin und Olaf Scholz sind Meister darin, das Publikum mit einer Flut von schwer verständlichen Details in den Schlaf zu reden.

Gewinnerinnen des Tages …

Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier

Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier

Foto: Alexander Heinl / dpa

... sind die beiden Biochemikerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna. Sie haben die sogenannte Genschere Crispr/Cas9 entwickelt und dafür den Nobelpreis erhalten. Die Technik hilft dabei, das Erbgut von Mikroorganismen, Pflanzen, Tieren und Menschen günstig, schnell und präzise zu verändern, wie meine Kollegin Julia Merlot erklärt. So können Forscher zum Beispiel Pflanzen erzeugen, die größerer Trockenheit und Hitze standhalten. Die Genschere hilft aber auch, Viren zu erforschen - etwa das neue Coronavirus.

Nun lässt sich lange darüber streiten, wie sinnvoll es ist, dass der Mensch auf diese Weise in die Natur eingreift. Letztlich geht es bei solchen Ethik-Diskussionen aber immer darum, eine neue Technik wie die Genschere so zu nutzen, dass sie dem Menschen dient und sicher einsetzbar ist. Dies wollen Charpentier und Doudna.

So oder so ist es gut, dass sie den Preis gewonnen haben, Frauen kamen in der Vergangenheit beim Nobelpreis stets zu kurz. Zugleich unterstreicht ihre Auszeichnung die Bedeutung von internationaler Kooperation und Zusammenarbeit, ohne die es keinen Fortschritt gibt. Charpentier ist Französin, arbeitet aber in Berlin am Max-Planck-Institut. Die Amerikanerin Doudna wiederum lebt und arbeitet in Kalifornien.

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