Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


diese jungen Leute sind da. Sie gehen nicht nur freitags auf die Straße und sonntags zur Wahl, sie sind sichtbar, eloquent, selbstbewusst. Sie verstehen das Netz, sie sind organisiert. Deutschland erlebt eine junge, politische Generation, der die technischen und kommunikativen Möglichkeiten unserer Zeit mächtigere Werkzeuge in die Hand geben als jeder Jungendbewegung bisher. Und nicht wenige PolitikerInnen und KommentatorInnen fragen sich spätestens seit den Ergebnissen der Europawahl bang: Sollten die nicht alle die ganze Zeit auf ihren Smartphones rumdaddeln und Selfies machen? Können sie etwa wirklich dieses Land verändern?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 23/2019
Die neue Apo: Wie die Generation YouTube die deutsche Politik aufmischt

Ist die junge Klimaschutzbewegung eine neue APO? Die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL stellt diese und andere Fragen, zeigt Vergleiche zur 68er-Bewegung, aber vor allem die Unterschiede auf. Und die größten liegen - und jetzt können alle mal beruhigt ausatmen - laut Soziologen in der Prägung durch ihre Elterngeneration. Wir Alten kommen im sehr lesenswerten Titelkomplex, der unter anderem ein erstes Gespräch mit dem YouTuber Rezo enthält, also auch vor.

XINHUA / ACTION PRESS

Die letzten Tage der SPD, wie wir sie kennen

Offenbar ist bei der SPD alles noch schlimmer als gedacht. Die Recherche zur Fraktionssondersitzung am vergangenen Mittwoch hat mir - salopp gesagt - die Schuhe ausgezogen. Minutiös rekonstruieren die Kollegen Christoph Hickmann und Veit Medick, wie brutal die Parteivorsitzende Andrea Nahles in einem vielstündigen Scherbengericht demontiert wurde. Hintergrund ist Nahles' Alleingang, sich bereits am kommenden Dienstag statt im September der Wiederwahl als Fraktionsvorsitzende zu stellen, was einerseits ihre GegnerInnen überrumpelte, aber auch ihre UnterstützerInnen düpierte.

Für dieses Stück sprachen Hickmann und Medick mit mehr als zwei Dutzend Personen, die an den Sitzungen beteiligt waren, glichen Schilderungen ab, hinterfragten Formulierungen. Das Ergebnis: "Das bringt uns alle um", ein Text, der das dramatische Bild aus dem Inneren einer Partei am Rande des Nervenzusammenbruchs zeichnet. Kostprobe gefällig?

"Uwe Schmidt, gelernter Hafenarbeiter aus Bremerhaven erzählt, er habe neulich bei einem missglückten Wahlkampfauftritt hinter Nahles gesessen. Er habe seine Sonnenbrille nicht abgenommen - 'weil ich nicht erkannt werden wollte'."

Man mag sich nicht vorstellen, wie es Andrea Nahles, die seit ihrem 18. Lebensjahr der SPD angehört, ergangen ist, sich das alles anzuhören. Nach der Lektüre muss man sich aber auch fragen, ob von der SPD überhaupt noch etwas steht, wenn die Abstimmung am Dienstag beendet ist. Klar ist bereits: Nach diesem vergangenen Mittwoch wackelt die Partei - und mit ihr die Große Koalition.

Dominik Butzmann

Bundeswehr will Whistleblower unehrenhaft entlassen

Wie hart geht die Bundeswehr gegen Rechtsradikale in den eigenen Reihen vor? Meine Kollegen Matthias Gebauer und Wolf Wiedmann-Schmidt haben einen Fall recherchiert, der der Truppe einen weiteren Skandal bescheren kann. Nach SPIEGEL-Informationen steht der Whistleblower Patrick J., der unzählige Hinweise über rechtsextreme Kameraden an den Militärischen Abschirmdienst (MAD) lieferte, vor seiner unehrenhaften Entlassung aus der Truppe.

Der Fall wirft ein schlechtes Licht auf die Bundeswehr, es stellt sich die Frage: Will die Truppe einen missliebigen Querulanten entfernen? Wie sehr herrscht der "falschverstandene Korpsgeist", dem Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eigentlich den Kampf angesagt hatte? Und welches Signal wird nach innen und außen gesendet, wenn Whistleblower, die verfassungsfeindliche oder anderweitig strafrechtlich relevante Vorkommnisse melden wollen, entlassen und nicht befördert werden?

Denn J. führte in einem mehr als 100-seitigen Bericht das Ergebnis seiner eigenen Recherchen auf, Belege aus sozialen Netzwerken, dazu Vorfälle, deren Zeuge er in Kasernen geworden sein will. Es sind widerwärtige Fälle, die J. skizziert. Nie zuvor, so die Recherche, habe der MAD so viele detaillierte Hinweise auf angeblich rechtsextreme Soldaten auf einmal bekommen.

Nun soll J. die Bundeswehr verlassen, er habe Kameraden angeblich häufig falschen Verdächtigungen ausgesetzt. "Missbrauch der Befehlsbefugnis" lautet ein weiterer Vorwurf, J. soll einen Soldaten auf der Stube im Schlafanzug strammstehen lassen haben. Für mich ein Vorkommnis aus einer Parallelwelt, innerhalb der Bundeswehr offenbar ein größeres Tabu, als - sagen wir mal - nach Feierabend "gegen die komplette Selbstaufgabe der weißen Nationen" zu kämpfen oder das Sprachprogramm Siri auf dem iPhone so einzustellen, dass es einen mit "Mein Führer" anspricht, wie J.s Recherchen belegen wollen.

Patrick J.s Entlassung soll zum 15.6. vorgesehen sein. Den kompletten Text lesen Sie hier.

Getty Images

Warum Hunderte Frauen jedes Jahr vor ihrer Familie fliehen

Selbstbestimmung ist vermutlich die kostbarste Währung auf diesem globalisierten Planeten. Und eine, die weltweit in großem Maße Frauen vorenthalten wird. Meine Kollegin Fiona Ehlers hat Frauen getroffen, die ihr Leben riskierten, um selbstbestimmt leben zu können. Jährlich fliehen schätzungsweise 1000 Frauen (!) allein aus Saudi-Arabien ins Ausland, vor ihren Vätern, vor ihren Ehemännern, vor ihren Brüdern. Sie fliehen vor sexueller und seelischer Gewalt, sie fliehen vor Kontrolle, vor Drangsalierungen, sie fliehen, weil man sie entmenschlicht. "Runaway girls" werden sie in ihrer Heimat genannt - Ausreißerinnen.

Was für ein verharmlosendes Wort für Frauen, die nicht auf der Suche nach Zerstreuung und Abenteuer sind, sondern für ein Leben in Würde alles zurücklassen, was sie bislang kannten. Und die noch jahrelang in Angst vor Entdeckung und Entführung leben müssen.

"Erschießt mich gleich", habe eine saudische Prinzessin gefleht, die mithilfe ihrer Freundin, einer Finnin, geflohen und von ihren Verfolgern vor der indischen Küste entdeckt worden war: "Nur bringt mich nicht zurück nach Dubai!". Ehlers traf unter anderem zwei Schwestern, 18 und 20 Jahre jung, deren jahrelang geplante Flucht sie auf dem Weg nach Australien nach Hongkong verschlug, und eine Emiraterin aus Dubai, der nach 22 Jahren Hölle in der Ehe die Flucht nach Deutschland gelang. Unbedingt lesenswert. Die Reportage finden Sie hier.

REUTERS

Verlierer des Abends: Fußballfans

Am heutigen Abend (21 Uhr, live auf Sky, DAZN und im Ticker auf www.spiegel.de) könnten wir uns endlich wieder mit Nichtigkeiten beschäftigen, die uns Freude machen: Es ist Champions-League-Finale. Der FC Liverpool mit Trainer Jürgen Klopp trifft im Madrider Bernabéu auf Tottenham Hotspur. Könnten, denn wie im Eingangssatz erwähnt, wird das Finale der Königsklasse nur für zahlungswillige AbonnentInnen der beiden Sportsender zu sehen sein. Das ZDF ging bekanntermaßen bei den Rechteverhandlungen leer aus, und frei zugänglich müsste das Spiel laut Rundfunkstaatsvertrag nur sein, wenn es ein Sportereignis von "erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung" wäre (wie es das Zweitliga-Relegationsspiel Ingolstadt gegen Wehen Wiesbaden offenbar war, hust hust). Heißt also Beteiligung einer deutschen Mannschaft, da reicht ein deutscher Trainer nicht.

Nun also die Gretchenfrage: Müssen wir in alle Ewigkeiten - zum Beispiel - dem FC Bayern die Daumen drücken? Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge skizziert im sehr lesenswerten Interview mit meinen Kollegen Rafael Buschmann und Christoph Winterbach die Zukunft der Bundesliga, der europäischen Wettbewerbe sowie die Übermacht der englischen Klubs. Gönnen Sie sich das Interview, wenn Sie fußballinteressiert sind.

Und falls Sie kein Abo abgeschlossen haben oder noch abschließen möchten: Gehen Sie in ein Lokal Ihrer Wahl, oder verfolgen Sie das Spiel im Liveticker unseres Sportressorts.

Ich wünsche Ihnen ein sonniges, zufriedenes und erholsames Wochenende. An dieser Stelle wird Sie am Montag meine Kollegin Melanie Amann begrüßen. Danke, dass ich Sie durch diese spannende Woche begleiten durfte.

Ihre Ayla Mayer*

*aus meinem Mohammed Salah-Trikot gesendet

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insgesamt 123 Beiträge
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kritischer-spiegelleser 01.06.2019
1. Das Land braucht eine andere Politik
Aber nicht nur für die Generation Youtube. Und das Klima ist nur ein Thema von vielen wo Handlungsbedarf ist. Aber das sind alles keine überraschend neue Themen. Und mit einer anderen Politik für Deutschland sollte auch eine andere Europa-Politik verbunden sein.
tumut 01.06.2019
2.
Da wird über PayTV lamentiert, und das Interview mit Hrn. Rummenigge ist hinter der Bezahlschranke. Und im übrigen ist ARD/ZDF Zwangs-Pay-TV
pandora14 01.06.2019
3. Leider ja
Jeder kann ungefiltert und ohne jedes Nachdenken seinen Gedankenmüll flächendeckend verbreiten, Gegenreaktionen rausrufen und einen Flächenbrand erzeugen, der keinem hilft sondern nur verwirrt. Gewinnler sind die, die gerne im Trüben fischen, agitieren, verunsichern und mit populistischem Quark aufwarten, also die Grünen. Daher habe ich n nur EINE Frage an die ganzen Youtuber: Welche Lösungen technischer Art, denn NUR darum geht es, werden von den Krakeelern vorgeschlagen? KEINE. Warum? Weil sie a keine haben und b das wirkliche Problem nicht kennen. Steuern erhöhen, alles verteuern, neue Behörden schaffen usw. hilft nichts. Politiker egal welcher Coleur wollen gewählt werden, sonst nichts. Und noch was: Selbst wenn Deutschland ein einziger Rübenacker wäre, auf dem die Menschen nur noch zu Fuß gehen, der klimatische Effekt wäre gleich Null. Ihr geschwätzigen Youtuber, denkt mal drüber nach. Und lauft den Rattenfängern nicht nach, fragt sie: Welche technischen Lösungen schlagt ihr vor?? Es gibt sie nämlich, haufenweise.
schlob 01.06.2019
4. Richtig ist,dass die Klimapolitiken aller Parteien blödsinnig sind
Richtig ist,dass die Klimapolitiken aller Parteien blödsinnig sind-bspw hat keine eine Antwort ,was denn passieren soll,wenn sich die Waldbrände verdoppeln -die produzieren nämlich mehr CO 2 als der gesamte weltweite Verkehr zusammen 8 Mrd to CO 2 . Und bei der Trockenhitze kann das leicht passieren.Dann ist der gesamte Pariser Vertrag Altpapier. Und in Feuerwehren wird nicht investiert,weil sinnigerweise die Waldbrände nicht eingerechnet werden bei der CO 2 Produktion eines Landes.-Also sch... was drauf - Waldbrände zählen nämlich sinnigerweise -so schnuppelig sind sie unsere Grünen-zum natürlichen CO 2 -Kreislauf.Kein Witz.- Zum andern hat das allereinfachste Mittel zur REDUKTION VON CO 2 - also nicht nur Verminderung des Zuwachs-sondern eine echte Verminderung des CO 2 in der Luft durch Trocknen der Laubblätter und nicht verrotten ,bisher nicht Eingang in den Weltgeist gefunden.- Ich bin gern bereit mit der List der Vernunft hier einen fundierten Artikel zu schreiben - Aber umsonst mich quälen fore nothing? Dann bleibt es eben bei den Häppchen hier - und keiner versteht was.
pandora14 01.06.2019
5. Alte Regel
Geschrei ersetzt keine Argumentation, und Lautstärke war noch nie ein Indiz für inhaltliche Stringenz.
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