Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Heute gibt es keinen 11.11.

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit einem ziemlich politischen Karnevalsauftakt in Köln, mit der Verteilung des Impfstoffs, mit verschiedenen Gedenkkulturen und mit Ferntouristen. 

Närrisches Treiben

Wenn Sie denken, heute sei der 11.11., dann täuschen Sie sich. In Wahrheit gilt: "Diesmal gibt es keinen 11.11." Das hat die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker verkündet, und die ist qua Amt zuständig für diesen Tag. Am 11.11. um 11.11 Uhr beginnt im Rheinland üblicherweise die närrische Saison, die sich bis zum Aschermittwoch zieht. Wegen Corona fällt der Auftakt diesmal aus.

Reker hat dringend dazu aufgerufen, nicht zu feiern, auch zu Hause nicht. Jetzt heißt es: bloß keine Nähe. In Köln sind alle Veranstaltungen abgesagt.

Was allerdings stattfinden wird, ist sinnigerweise eine sogenannte "Querdenken"-Demonstration. Am Wochenende ist eine Veranstaltung dieses Formats mit mindestens 20.000 Teilnehmern in Leipzig eskaliert. In Köln sind 100 Leute zugelassen. Sie protestieren an diesem närrischen Tag gegen die Corona-Politik, unter anderem halten sie das Tragen von Masken nicht für sinnvoll. Da sind sie bei den Kölnern an diesem Tag gerade richtig. Maskenpflicht gilt dort am 11.11. seit Jahrzehnten.

Vor allem aber wird es darauf ankommen, dass die Polizei bei Gewaltausbrüchen entschlossener reagiert als in Leipzig.

Verimpfung

Wenn es um Verteilungsfragen geht, wird es oft hässlich. Fast alle schreien "Ich, Ich, Ich", alle wollen früh drankommen und viel kriegen. "Erster alles" war der Ruf, mit dem wir früher in Reinickendorf auf den Bolzplatz rannten. Wer ihn zuerst ausstieß, durfte die erste Ecke, den ersten Freistoß und den ersten Elfmeter schießen.

Es geht natürlich gesitteter zu, wenn der Impfstoff gegen Corona verteilt wird. Heute will sich die EU-Kommission mit dem Vertrag befassen, der den Ankauf von bis zu 300 Millionen Impfdosen von Biontech regelt. Das deutsche Unternehmen hatte am Montag gute Testergebnisse verkündet, sodass eine baldige Zulassung möglich scheint.

Schneller als die EU war Großbritannien, das sich mit Biontech schon über Lieferungen geeinigt haben will. Gesundheitsminister Spahn hielt es wohl auch deshalb für geboten, deutsche Ansprüche anzumelden: "Ich könnte es als deutscher Gesundheitsminister jedenfalls schwer erklären, wenn in anderen Regionen der Welt ein in Deutschland produzierter Impfstoff schneller verimpft würde als in Deutschland selbst." Ein bisschen Bolzplatz schwingt da durchaus mit.

Der vergessene 11. November

Dass es den 11.11. nicht gibt, gilt auch bei einem historischen Thema, allerdings Jahr für Jahr. Außer dem Karnevalsbeginn verbinden die Deutschen nichts mit diesem Tag, die Franzosen aber sehr viel, obwohl Vertreter beider Völker, zudem Briten, am 11. November 1918 in einem Eisenbahnwaggon bei Compiègne einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten. Der Erste Weltkrieg war beendet. Für Frankreich ist das ein Feiertag, den Präsident Macron heute damit begeht, dass er die sterblichen Überreste des Schriftstellers Maurice Genevoix ins Panthéon überführen lässt. Genevoix hatte vor allem über den Ersten Weltkrieg geschrieben.

Für die Deutschen ist hingegen der 9. November 1918 das unvergessene Datum. Damals rief Philipp Scheidemann nach der Abdankung des Kaisers die Republik aus. Ist ja auch angenehmer, sich an einen Aufbruch zu erinnern als an eine Niederlage.

Verzeichnis der Verluste III: Ferntouristen

Von der Schriftstellerin Judith Schalansky gibt es ein Buch mit dem Titel "Verzeichnis einiger Verluste". Ich leihe mir diese schönen Worte aus und schreibe in dieser Woche täglich über Dinge oder Phänomene, die uns in der Pandemie verloren gegangen sind.

Es wird ja viel gelästert über Japaner und Chinesen, die in großen Gruppen oder zunehmend auch als Individualreisende vor dem Brandenburger Tor oder dem Schloss Neuschwanstein auftauchen, kurz staunen, um wenig später nach Venedig aufzubrechen. Derzeit gibt es sie nicht mehr, Leere vor dem Brandenburger Tor, Leere vor dem Schloss Neuschwanstein. Traurige Leere.

Denn mir fehlen sie, vor allem die Individualreisenden. Ihre Abwesenheit bringt mich um einen Nebenjob, der zwar nicht lukrativ, aber sinnstiftend war: Deutscher Botschafter in Berlin für Chinesen und Japaner.

Vor der Pandemie war ich als politischer Reporter viel zwischen Hauptbahnhof, Kanzleramt, Reichstag und Brandenburger Tor unterwegs, genau wie jene Fernreisenden. Häufig haben sie mich angesprochen und liebenswürdig nach dem Weg gefragt, wahrscheinlich weil ich, erstens, langsam, beinahe träge gehe, also gut aufzuhalten bin, und, zweitens, im Dienst oft einen Anzug trage und bestrickend seriös aussehe.

Ich habe mir immer viel Mühe gegeben, dass sie ihr touristisches Ziel erreichen, mich in chinesisches oder japanisches Englisch reingehört, mich auf Huawei-Handys in Google Maps vertieft, beflissen erklärt und gestikuliert und verspätetes Erscheinen bei Pressekonferenzen der Bundeskanzlerin riskiert. Ich wollte unbedingt, dass die Chinesen und Japaner zu Hause erzählen, dass die Deutschen (also ich in diesem Fall) ein freundliches und hilfsbereites Volk sind. Ich wollte, dass wir einen guten Eindruck machen. Corona nimmt uns diese Chance.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version unserer Morgen-Lage wurden schon Krawatten abgeschnitten. Kleine Verwechslung natürlich: Die Schlipse müssen erst an Weiberfastnacht dran glauben. Und die liegt im kommenden Jahr auf dem 11. Februar. Der 11. November ist einfach der Auftakt der Karnevalssession.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

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