Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Die Katarstrophe

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die morgen beginnende Skandal-WM. Um einen stolzen runden Geburtstag. Und um die prekäre Lage auf dem deutschen Wohnungsmarkt.

Die Katarstrophe

Sind Sie auch schon so aufgeregt? Am Sonntag geht sie endlich los, die Fußballweltmeisterschaft in Katar, jenes Turnier, auf das wir seit Jahren hinfiebern! Und es beginnt, jetzt halten Sie sich fest, auch noch mit einem Fußball-Klassiker, einem echten Leckerbissen: Katar gegen Ecuador.

Und jetzt Schluss mit Ironie.

FIFA-Boss Infantino bei einer Pressekonferenz am Freitag in Doha

FIFA-Boss Infantino bei einer Pressekonferenz am Freitag in Doha

Foto: Martin Meissner / AP

Diese WM ist eine Katastrophe. Sie hilft einem menschenrechtsverachtenden Regime, sich mithilfe des beliebten Fußballs als modernes Land zu tarnen. Einem Regime, in dem Frauen weit weniger Rechte haben als Männer, in dem Homosexualität mit Gefängnis oder gar dem Tod bestraft werden. Einem Land, in dem nur wenige (meist wohlhabende) Einheimische leben, die ihre ausländischen Arbeitskräfte (nicht nur die Arbeiter auf den WM-Baustellen) zum Teil sklavenähnlich behandeln. Dass man sich mit Geld alles kaufen kann, nicht nur eine Fußball-WM, scheint in Katar Lebensmotto zu sein.

An dieser WM klebt tonnenweise Blut. Weil Tausende Arbeiter bei der Errichtung der Turnier-Infrastruktur ihr Leben lassen mussten, unzählige sich schwer verletzten. Dass es entgegen ursprünglicher Ankündigung nun doch kein Bier in den Stadien gibt, ist da noch das geringste Problem.

Fast am verlogensten aber finde ich das Argument aller Katar-Lobbyisten (Grüße an die Rolex-Rummenigges dieser Welt!), wonach die Vergabe der WM die Situation im Land verbessert habe und weiter verbessern werde. Die Frage ist, welche Verbesserungen gemeint sind. Ja, die Autobahnen sind jetzt besser. Die Menschen- und Freiheitsrechte gewiss nicht. Und spätestens nach Turnierende gibt es wieder Diktatur as usual. Die Herrscher von Katar wollen sich mit dieser WM ein besseres Image kaufen, aber gewiss nicht ihre Macht gefährden.

Wer ernsthaft glaubt, die WM würde Katar demokratischer machen, der glaubt vermutlich auch, dass Katar Fußballweltmeister wird.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zur Fußball-WM in Katar finden Sie hier:

  • Darum ist die WM in Katar so in Verruf – Menschenrechtslage, Korruption, Sportswashing: Der Fußball steht im Vorfeld der WM in Katar im Hintergrund. Die wichtigsten Fakten zu dem umstrittenen Turnier im Überblick .

  • »Das ist ethno-futuristischer Kitsch« – Hier erklärt der Architekt Friedrich von Borries, warum die Fußballstadien von Katar für Nationalismus und Unterdrückung stehen – und ohnehin nicht das beste Licht auf seine Branche werfen .

  • Der echte Bierskandal von Doha – Wer ein WM-Spiel in Katar besucht, kann vor und in den Stadien kein Bier trinken. Na und? Alkohol ist in Katar nun einmal verboten. Problematischer ist, wie sich die Fifa dem Emirat komplett ausliefert.

Happy Birthday, Mr. President!

US-Präsident Biden

US-Präsident Biden

Foto: Andrew Harnik / AP

Diesen Sonntag wird Joe Biden 80 Jahre alt. Er ist schon seit Längerem der älteste Präsident in der Geschichte der USA. Ronald Reagan war am Ende seiner Amtszeit 77 Jahre alt. Im Schnitt waren US-Präsidenten bei Amtsantritt 55 Jahre alt. Der Jüngste, Theodore Roosevelt, der 1901 im Alter von 42 ins Weiße Haus einzog, übernahm das Amt von seinem ermordeten Vorgänger. Der jüngste gewählte Präsident ist bis heute John F. Kennedy.

Ich bin gegen jede Form von Altersdiskriminierung. Wenn jemand fit genug fürs Amt ist, kann er von mir aus auch 90 Jahre alt sein. Ich muss auch gestehen: Wenn ich mit 80 Jahren noch so fit wirke (und aussehe) wie Joe Biden, wäre ich dem Herrgott dankbar. Natürlich hat der Präsident den ein oder anderen unglücklichen Auftritt hingelegt. Die Vorwürfe rechter Propagandisten, wonach er nicht mehr ganz zurechnungsfähig sei, sind hingegen bösartig. Gerade in letzter Zeit konnte Biden zudem innen- wie außenpolitisch ein paar überraschende Erfolge vorweisen.

Trotzdem steht Biden unter Rechtfertigungsdruck, sollte er eine zweite Amtszeit kandidieren. Die würde er im Erfolgsfall als 82-Jähriger antreten.

Sein Vorgänger dürfte heute in jedem Fall wenig zu lachen haben. Die Vorwürfe gegen Donald Trump sind zahlreich – und massiv. Am Freitag gab nun das US-Justizministerium bekannt, dass ein unabhängiger Sonderprüfer klären soll, wofür der Ex-Präsident belangt werden kann.

  • Dieser Mann nimmt Donald Trump nun juristisch ins Visier: Seine Arbeit wird juristisch komplex und politisch kompliziert: Das US-Justizministerium hat Jack Smith als Trump-Sonderermittler eingesetzt. Wer ist der Jurist? Ein Kurzporträt.

Armutsfalle Wohnen

Die Schmidts, zwei Eltern, drei Kinder, wohnten bis vor einigen Monaten so, wie es sich viele Familien wünschen. In einem Haus mit Kinderzimmern, Carport, Hühnern und Enten im Garten. Doch dann kündigte ihnen der Vermieter. Ein neues, bezahlbares Haus fand sich auch nach intensivster Suche nicht. Nun haust Familie Schmidt in einem Wohnwagen in Colbitz, Sachsen-Anhalt. Bei Schneegeriesel und Herbstwind, auf 2,3 mal 6 Metern.

Altbauten in Berlin-Kreuzberg

Altbauten in Berlin-Kreuzberg

Foto: Jürgen Ritter / imago images

Ihr Fall spiegelt eine neue Realität im Land. Es ist eine Wohn-Abwärtsspirale, die meine Kollegen um Redakteur Simon Book in der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte beschreiben. Erst explodierten die Mieten, dann die Kaufpreise, dann stiegen die Zinsen. Nun lassen die Energiekosten die Lage für immer mehr Menschen unkontrollierbar werden.

Wer auf Linderung durch den Staat hofft, etwa durch die Gaspreisbremse, dürfte enttäuscht werden. Denn erstens ist die Förderung gedeckelt, zweitens wird der Preis pro Kilowattstunde trotzdem viel höher als vor der Krise sein. Energie, so das Fazit meiner Kollegen, wird auf absehbare Zeit in Deutschland teuer bleiben – und damit die Wohnkosten. Beides dauerhaft zu subventionieren kann und will sich die Regierung aber nicht leisten. Für Millionen Menschen liest sich die klassische Wohn-Annonce deshalb künftig wohl so: Drei Zimmer, Küche, bankrott.

  • Drei Zimmer, Küche, bankrott: Erst explodierten die Mieten, dann die Kaufpreise, danach die Zinsen. Und jetzt auch noch die Nebenkosten. Der Wohnungsmarkt ist außer Kontrolle, da hilft auch keine Gaspreisbremse. Gesellschaftlich tickt eine Zeitbombe .

Hier geht's zum aktuellen Tagesquiz

Gewinner des Tages…

… könnten Sie werden, liebe Leserinnen und Leser. Am Montag startet ein neues Format für unsere Abonnentinnen und Abonnenten: »SPIEGEL Spotlight«. Meine Kollegin Aleksandra Janevska trifft spannende Menschen und will gemeinsam mit Ihnen über aktuelle gesellschaftspolitische Themen diskutieren.

Das erste Thema lautet: »Role Models, Hassfiguren, Menschen – wie Tessa Ganserer und Linus Giese für die Rechte von queeren Menschen kämpfen«. Ganserer ist eine der ersten offen transgeschlechtlichen Abgeordneten im Bundestag. Trans Mann Linus Giese lebt in Berlin, ist Buchhändler, Blogger und Autor des Bestsellers »Ich bin Linus«.

Die Veranstaltung ist exklusiv für Abonnenten, aber wir verlosen zehn freie Zugänge. Interessenten schreiben bitte an: info@events.spiegel.de, Betreff: Verlosung SPIEGEL Spotlight. Einsendeschluss: Montag, 21. November, um 10 Uhr.

Wer bereits ein Abo hat, kann sich hier anmelden .

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Heftige Kämpfe in Donezk, Selenskyj drängt Westen zu neuen Sanktionen: Rund 30 Prozent des Territoriums der Ukraine sind infolge des russischen Angriffskrieges nach Angaben aus Kiew vermint. In der Region Donezk gibt es schwere Gefechte.

  • Musk lässt User über Rückkehr Trumps zu Twitter abstimmen: Auf Twitter läuft seit vergangener Nacht eine Umfrage: Darf Ex-Präsident Trump zur Social-Media-Plattform zurückkehren? Der Chef des Unternehmens persönlich ruft zum Abstimmen auf.

  • Elizabeth Holmes muss mehr als elf Jahre ins Gefängnis: Sie wollte mit ihrem Start-up Theranos angeblich Bluttests revolutionieren – und wurde am Ende als Betrügerin verurteilt: In Kalifornien ist das Strafmaß gegen die schwangere Unternehmerin verkündet worden.

Podcast Cover

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Rechnen Sie mit einem Handelskrieg, Herr Dombrovskis?: Die USA versprechen Milliarden für Investitionen in grüne Technologie und provozieren damit die Europäer. Hier spricht EU-Handelskommissar Dombrovskis über die nächsten Schritte und die Idee einer »Buy European«-Verordnung .

  • Back in Japan: Mehr als zwei Jahre hatte sich die Inselnation abgeschottet, seit kurzem dürfen ausländische Touristen fast unbeschränkt wieder einreisen. Noch kommen wenige. Wie sich die Hauptstadt jetzt anfühlt .

  • Traumjob Pilot – auf dem A320 und auf YouTube: Hauptberuflich fliegt Pascal Schmidt Flugzeuge von Airbus, nebenberuflich auch – allerdings virtuell: Auf YouTube streamt er für Tausende Abonnenten Flüge an Microsofts Flugsimulator. Wie realitätsnah ist das Spiel? 

  • So können Sie bei Mobilfunk-Tarifen wirklich sparen: Bis zu zwei Jahre lang querfinanziert für lau surfen? Mit etwas Glück und Wechselwille sind bei Handyverträgen echte Schnäppchen möglich. Doch viele vermeintlich attraktive Angebote haben Haken .

Ein heiteres Wochenende wünscht Ihnen.

Ihr Markus Feldenkirchen

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