Alexander Neubacher
Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Haben Sie Ihren Notfallrucksack schon gepackt?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, das sind heute unsere drei Fragezeichen:

  1. Deutschland und der Ernstfall – Was wäre, wenn?

  2. Rekonstruktion – Was genau geschah in Butscha?

  3. Kostenvergleich – Mit der Bahn oder doch lieber mit dem Auto?

1. Deutschland stellt sich auf Katastrophen ein

Seit Russland die Ukraine überfallen hat, steht eine lange verdrängte Frage im Raum: Ist Deutschland auf den Ernstfall vorbereitet? Es muss ja nicht gleich eine Invasion sein. Aber würden die Rechenzentren, in denen die wichtigsten Daten des Staates gespeichert sind, einen Bombenanschlag überstehen? Was passierte bei einem Zusammenbruch der Energieversorgung? Wo könnte sich die Bevölkerung bei einem Terrorangriff in Sicherheit bringen? Und würden die Menschen rechtzeitig gewarnt, oder träfe es sie so unvorbereitet wie bei der Flutkatastrophe im vergangenen Sommer?

Ein SPIEGEL-Team hat recherchiert, wie in Ministerien und Behörden jetzt wieder Katastrophenszenarien durchgespielt werden: »Schutzkonzepte werden über den Haufen geworfen, Einsatzpläne neu geschrieben. Das bislang Undenkbare erscheint auf einmal möglich.«

Der Verfassungsschutz zieht Sabotageakte russischer Dienste gegen den politischen Betrieb, militärische Einrichtungen oder die kritische Infrastruktur in Betracht. Im Informationstechnikzentrum Bund wird diskutiert, weitere Sicherheitskopien in Daten-Clouds anzulegen. Das Umweltministerium bereitet sich gedanklich sogar auf einen Angriff mit Atomwaffen vor. Im Entwurf eines neuen Notfallplans »für nukleare Unfälle und andere radiologische Notfälle« werden diverse Szenarien erwähnt, von Pannen in Kernkraftwerken bis zum Fall einer »Nuklearwaffenexplosion«.

Wie aus dem Koma erwacht ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, eine Behörde in Bonn, geleitet vom ehemaligen CDU-Abgeordneten Armin Schuster. »Deutschland war lange ein krisenarmes Land«, sagt Schuster. »Jetzt haben wir gleichzeitig mehrere schwere Krisen: die Pandemie, den Ukrainekrieg, den Klimawandel mit all seinen Folgen.« Meinen Kollegen hat er erklärt, was auf seiner Liste steht: mobile Zeltstädte für bis zu 5000 Menschen, ein neues Handywarnsystem. In jeden Haushalt gehöre ein gepackter Notfallrucksack mit solarbetriebenem Radio, Kurbeltaschenlampe und Verbandszeug.

Auf der Homepage der Behörde kann man eine Broschüre mit Hinweisen für die Notfallvorsorge herunterladen. Ein Tipp lautet, pro Person 14 Liter Flüssigkeit auf Vorrat zu haben. 14 Liter! Noch vor Kurzem hätte ich mich über einen solchen Vorschlag amüsiert. Doch inzwischen ist einem das Lachen leider vergangen. Sieht es in unserem Keller demnächst aus wie im Getränkestützpunkt?

2. Das Butscha-Protokoll

Als meine Kollegen Christian Esch und Thore Schröder am vergangenen Sonntag nach Butscha auf die Jablunska-Straße kamen, lagen dort elf Leichen. Einen Monat lang hatten russische Truppen in der Kleinstadt nördlich von Kiew gewütet, Menschen gefoltert, Frauen vergewaltigt, Hunderte ermordet, das zeigen alle Recherchen. Noch immer werden in den Häusern Leichen entdeckt. Christian und Thore haben versucht, zu rekonstruieren, was genau geschah. Ihr Butscha-Protokoll finden Sie im neuen SPIEGEL.

Am Anfang der Besatzung teilten die Russen die Stadt in fünf Sektoren auf. Ihre Panzer und Schützenpanzer fuhren direkt in die Vorgärten, sie walzten die Zäune um und bezogen Stellung zwischen den Wohnhäusern. Die Zivilisten werden so zu menschlichen Schutzschilden gegen die ukrainischen Verteidiger. Dann durchkämmten die Besatzer die Stadt mit einer Namensliste: Aktivisten, Kriegsveteranen, Lokalpolitiker. Die erste Grube mit 54 Toten wurde wohl bereits am 10. März angelegt, andere Leichen verscharrte man in Gärten oder Parks.

Die Truppen, die in Butscha während der Besatzung eingesetzt wurden, kamen offenbar aus ganz Russland. Eine Frau und ihre Tochter hatten mit einigen von ihnen zu tun, »junge Kerle, viele mit asiatischen Gesichtern. Mal wollten sie das ganze Viertel anzünden, mal eine Granate in ein Haus werfen, mal hieß es: komm, ich bring dich um«. Die Mutter berichtet von ihrer Vergewaltigung.

Um den 20. März herum nahmen die Grausamkeiten offenbar nochmals zu. Fast jeder der Überlebenden hat eine Geschichte von Terror und Bedrohung durch die russischen Truppen zu erzählen. »Willst du schnell oder langsam sterben?«, so habe ein Soldat Tatjana gefragt, eine Verkäuferin mit rot gefärbten Haaren. »Wenn du schnell sterben willst«, erklärte der Soldat, »dann zieh ich jetzt diesen Stift aus der Handgranate und werfe sie in den Keller, dann gibt’s euch in 15 Sekunden nicht mehr. Langsam sterben heißt: ein Schuss ins Knie.«

Am Morgen des 1. April waren die Peiniger plötzlich verschwunden. Menschen wie Irina Gawriljuk, die sich versteckt gehalten hatte, kehrten nach Hause zurück. In ihrem Garten fand sie drei erschossene Männer. Einer war Sergej, Irinas Mann. Einer Roman, Irinas Bruder. Den Dritten kannte sie nicht. Auch Irinas Hunde waren tot, der eine lag erschossen in der Schubkarre, der andere in der zusammengestürzten Hundehütte.

Christian und Thore schreiben: »Butscha ist zum Inbegriff von Putins Kriegführung in der Ukraine geworden. Butscha heißt: Putins Russland ist bereit, zu wiederholen, was es schon in Tschetschenien oder Syrien getan hat. Und es ist bereit, dabei sein eigenes Selbstbild aufs Spiel zu setzen. In Butscha hat Putins Russland nicht gesiegt, niemanden befreit. Es hat ein militärisches wie ein moralisches Fiasko erlebt.«

Es tut körperlich weh, den Text zu lesen. Ich empfehle es trotzdem, vor allem jenen, die aus falsch verstandenem Pazifismus noch immer zögern, der Ukraine alle Waffen zu liefern, die sie braucht (hier mehr dazu, wie die Bundesregierung zögert). Ich bin der Meinung, wir sollten alles tun, damit sich Gräueltaten wie in Butscha nicht wiederholen.

Und hier mehr Hintergründe und Nachrichten zum Krieg in der Ukraine

  • Bundesregierung plant Gesetz gegen Oligarchenvermögen: Bei der Durchsetzung der Sanktionen gegen Russland hapert es bisweilen. Nach SPIEGEL-Informationen will die Regierung das nun ändern – mit einem Spezialgesetz.

  • Europas Bombe: Putins Krieg entfacht in Berlin eine Debatte, die über Jahrzehnte als tabu galt: Braucht Europa eigene Atomwaffen, um Russland im Notfall auch ohne die USA abschrecken zu können?

  • Pass aus der Ukraine, Einkaufsbelege aus Bulgarien: Der Bundespolizei sind an den Grenzen angebliche Geflüchtete aufgefallen, die einen Aufenthalt in der Ukraine wohl nur vorgetäuscht hatten. Manche erkundigten sich direkt nach Sozialleistungen.

  • »Betonstaub legte sich über uns wie Mehl«: Am 16. März traf eine Bombe das Theater von Mariupol, in dem Hunderte Menschen Zuflucht vor russischen Truppen gesucht hatten, darunter Frauen und Kinder. Dutzende Menschen kamen um. Überlebende berichten.

  • »Da wusste ich, dass er einen großen Krieg lostreten würde«: Russische Faschisten, Zaristen, Metaphysiker: Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff hat die Denker studiert, die Putins Weltsicht prägen. Seine Prognose für den Krieg ist düster.

  • Deutschland könnte noch 2022 unabhängig von russischem Gas werden: Wirtschaftsminister Habeck geht davon aus, dass sich Deutschland erst Mitte 2024 von russischem Gas emanzipieren kann. Das DIW hält eine unabhängige Versorgung bereits bis zum kommenden Winter für machbar.

  • Nato zu jahrelangen Waffenlieferungen an Ukraine bereit: Nato-Chef Jens Stoltenberg hat der Ukraine eine langfristige Unterstützung gegen Russland zugesichert. »Die Alliierten sind bereit, mehr und auch modernere und schwerere Waffen zu liefern«, kündigte er an.

  • Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine im News-Update

3. Die Bahn ist für Familien zu teuer

Denken Sie darüber nach, Ihr Auto abzuschaffen und auf die Bahn umzusteigen? Für Menschen auf dem Land ist das oft leider oft keine Option, doch auch für Städter kann es teuer werden, wie mein Kollege Arvid Kaiser recherchiert hat. Insbesondere für Familien. Berechnungen von Greenpeace haben ergeben, dass eine Familie mit zwei Kindern über 14, also jenseits der Altersgrenze fürs kostenlose Mitfahren, mit einem eigenen Fahrzeug oft billiger wegkommt. Trotz hoher Spritpreise, trotz des geplanten Nahverkehrsrabatts im Entlastungspaket der Bundesregierung.

Wo bereits ein Auto vorhanden ist, sind Bahnfahrten ohnehin eine teure Option, schreibt Arvid. Die Fixkosten fürs Auto sind dann bereits bezahlt, der Spritverbrauch für zusätzliche Fahrten fällt weniger ins Gewicht, das Ticket für die einzelne Bahnfahrt aber schon. Genauso geht es mir und meiner Familie. Am Wochenende nach Ostern wollen wir zu meiner Schwester nach Bayern fahren. In unserem alten Bus bedeutet das Spritkosten von etwa 220 Euro. Bei der Bahn zeigt mir das Buchungssystem trotz diverser Bahncards einen Preis von über 500 Euro an. Und dann müsste uns meine Schwester auch noch vom Bahnhof abholen.

Wie es möglicherweise besser geht, zeigt Österreich, das im Oktober ein landesweites Jahresticket für Fern- und Nahverkehr mit einer Flatrate von 1065 Euro eingeführt hat. Oder die teure, aber sehr leistungsfähige Schweizer Bahn. »Eine Tarif- und Preisreform könnte auch in Deutschland den Abschied vom Auto erleichtern«, urteilt Arvid, »wenn sie ein einfaches und durchschaubares System schafft – vor allem über die Grenzen der lokalen Verkehrsverbünde hinweg.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Macron nennt Polens Premierminister »rechtsradikalen Antisemiten«: Mateusz Morawiecki kritisierte Emmanuel Macron für seine Telefonate mit Kremlchef Putin. Nun provoziert Frankreichs Präsident in einem Interview den polnischen Premier – und erhebt schwere Vorwürfe.

  • Union klagt gegen Nachtragshaushalt: 60 Milliarden Euro will die Bundesregierung aus Mitteln für die Pandemiebekämpfung in den Energie- und Klimafonds überführen. Unionsfraktionschef Merz wirft der Ampelregierung vor, die Schuldenbremse zu umgehen.

  • Jury befindet Boris Becker in mehreren Anklagepunkten für schuldig: Boris Becker hat sich der Insolvenzverschleppung schuldig gemacht: Zu diesem Schluss ist die Geschworenenjury in London gekommen. Damit droht dem 54-Jährigen eine Haftstrafe.

  • Sportgericht weist Einspruch des SC Freiburg zurück: In der Bundesligapartie beim SC Freiburg hatte Bayern München für wenige Sekunden zwölf Spieler auf dem Feld. Freiburg legte Einspruch beim DFB ein – der wurde nun abgewiesen. Laut Urteilsbegründung liege die Schuld bei den Schiedsrichtern.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Setzt Katzen in deutsche Autos

Dächte ganz Deutschland so wie der Vater meines Kolumnistenkollegen Jochen-Martin Gutsch: Wir wären nie in Abhängigkeit von russischem Gas geraten. Vor vielen Jahren baute Jochens Vater für sein Haus einen Holz- und Kohleofen. Wann immer Jochen sagte, man habe doch Gasheizung, erwiderte sein Vater: Behalte lieber den Ofen. »Mit meinem Vater als nationalem Energieberater wäre Deutschland heute ein rauchendes, schmauchendes, aber total autarkes Ofen-Land«, schreibt Jochen.

Stattdessen geht er jetzt jeden Morgen in den Keller und kontrolliert die Gasheizung, durch die vermutlich russisches Gas fließt, und macht sich Gedanken übers Energiesparen. Heizung runter auf 15 Grad? Pullover anziehen? Kalt duschen?

»Es geht ums Gefühl«, schreibt Jochen, Hauptsache, was tun, irgendwas tun für die Ukraine. Und dann kauft man eben den verdammten Sparduschkopf. Doch ob’s hilft? »So verständlich ich das Anliegen finde, Energie zu sparen und etwas gegen den Krieg tun zu wollen, so irritierend finde ich den Glauben, dass eine deutsche Armee von Pulloverträgern, Sparduschern, Stoßlüftern und Gürtel-enger-Schnallern irgendwie kriegsentscheidend sein könnte und Putin in die Knie zwingt.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wenn der Troll den Laden kauft: Elon Musk ist Twitters größter Star und nun auch größter Aktionär des Unternehmens. Der Tesla-Gründer will auf der Plattform mehr Meinungsfreiheit durchsetzen – zumindest, wenn es um seine eigene Meinung geht.

  • Ein Mann mit »unbewusst gesteuertem Verdrängungsmechanismus«: Frank Ullrich soll als Biathlet ins Dopingsystem der DDR verstrickt gewesen sein. Nun ist er Sportausschussvorsitzender im Bundestag und wurde in den Nada-Aufsichtsrat berufen. Hat er wirklich mitgedopt?

  • Facebook muss Kopien verletzender Kommentare löschen: Betroffene müssen bisher jede einzelne Beleidigung oder Verleumdung melden, damit Facebook sie löscht. Renate Künast will das ändern, nun fiel in Frankfurt am Main ein möglicherweise wegweisendes Urteil.

  • Was stimmt bloß mit diesem Auto nicht? Die erfolgsverwöhnten Silberpfeile sehen sich mit einer neuen Realität konfrontiert: Sie sind nur noch dritte Kraft in der Formel 1. Über ein Auto, das beinahe hüpft – und die schwierige Aufgabe, hier gegenzusteuern.

Was heute weniger wichtig ist

Nur für Erwachsene: Ana de Armas, 33, stößt mit ihrer Darstellung von Marilyn Monroe in »Blonde« auf Hürden. In den USA hat die Netflix-Produktion eine Altersbeschränkung auferlegt bekommen. Wegen »sexueller Inhalte« soll der Film nur Zuschauern über 18 gezeigt werden. Die Beschränkung erschwert das Kinogeschäft erheblich. Die Premiere von »Blonde« war angeblich für Mai vorgesehen, in Cannes außerhalb des Wettbewerbs. Jetzt sei das nicht mehr der Fall, berichtet der »Hollywood Reporter«, ein neuer Termin nicht bekannt. Für Ana de Armas, die zuletzt an der Seite von James Bond im Kino zu sehen war, dürfte die Warterei schwer zu ertragen sein. Dem Magazin »Allure« sagte sie, die Rolle der Monroe sei sehr wichtig für sie gewesen, eine große Herausforderung, und sie habe sich sehr lange darauf vorbereitet.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Mehrere Polizeistrafen waren im Einsatz.«

Cartoon des Tages: Kalt

Foto: Chappatte

Und am Wochenende?

Gern hätte ich Ihnen zum Wochenende die Single »Hey Hey Rise Up« von Pink Floyd empfohlen, den ersten Song der Band seit fast 30 Jahren. David Gilmour und Nick Mason (Roger Waters ist nicht dabei) haben sich mit dem ukrainischen Musiker Andrij Chlywnjuk zusammengetan, für ein Protestlied gegen den Krieg. Eine ehrenwerte Sache, zumal alle Einnahmen für humanitäre Hilfe in der Ukraine gespendet werden sollen. Leider fiel es mir aus rein musikalischen Gründen schwer, den Song bis zum Ende zu hören. Vielleicht urteilen Sie selbst.

Suchen Sie noch nach Spannungslektüre für die Ostertage? Dem deutsch-niederländischen Krimiautorenteam Hoeps & Toes sei etwas extrem Unwahrscheinliches gelungen, schreibt mein Kollege Marcus Müntefering: »Sie haben einen relevanten EU-Thriller geschrieben.« »Der Tallinn-Twist« spielt in Brüssel und Estland, es geht um mafiöse Geschäfte und einen russischen Plan, Estland von der EU zu entfremden und zu destabilisieren, möglicherweise als Vorbereitung für einen Einmarsch.

Marcus schreibt: »Ohne das hochkomplexe Gebilde Europäische Union zu übersimplifizieren, nutzen sie die bürokratischen Hindernisse, die Interessenkonflikte zwischen den Mitgliedstaaten, die Hoffnungen, Missverständnisse und Rückschläge als Hintergrundrauschen, vor dem sich ihre Spionagegeschichte entspinnt. So unterhaltsam war politische Bildung selten.«

Schön, dass ich Sie durch die Woche begleiten durfte. Schicken Sie mir gern eine Mail, falls Ihnen etwas aufgefallen ist. Am Montag begrüßt Sie hier meine Kollegin Anna Clauß.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, herzlich
Ihr Alexander Neubacher

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