Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,

der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, 48, ist auf zwei Weisen oder auf zwei Ebenen eine große Figur dieser Zeit; es gibt Berührungspunkte zwischen diesen beiden Ebenen und doch auch vieles, was die Ebenen trennt.

In Berlin wird in diesen Wochen der nächste Bundespräsident gesucht, und Kermani, das ist die eine, neue Ebene, ist ernsthaft als Kandidat im Gespräch. Es ist ein knappes Jahr her, dass sein Name erstmals genannt wurde; nach der wundervoll weiten Rede des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels gingen zwei Sätze durch die Paulskirche: "Kermani müsste irgendwann Gaucks Nachfolger werden. Was für ein Zeichen wäre das!"

Navid Kermani

Navid Kermani

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Ein Muslim, der Sohn iranischer Einwanderer. Ein Denker, ein stiller Mann, der sich alles zu sagen traut, aber erst nachdem er es sich hart erarbeitet hat. Einer, der dahin reist, wo die Welt wund und entzündbar ist. Einer, der über Migration und über Religion und Politik schon schrieb, ehe dies die Themen der Zeit wurden. Ja, Navid Kermani wäre der Richtige.

Hat er eine Chance? Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hält Kermani für geeignet, und Kermani soll - anders als vergangene Woche gemeldet wurde - nicht abgelehnt haben. Er tut (nach allem, was ich weiß) das Vernünftige: Er sagt nichts ab und sagt nichts zu, er beteiligt sich einfach nicht an diesem Spiel, das vorerst ohnehin andere mit seinem Namen spielen und in dem es selten um die beste Lösung, sondern um Taktik geht. Die früh Genannten werden es am Ende selten; seine Chancen also?

Wir beim SPIEGEL wären übrigens traurig, wenn einer unserer herausragenden Autoren demnächst im Schloss Bellevue residierte und nur noch mit Leibwächtern reisen und eben wohl nicht mehr unser Autor sein könnte. Denn dies ist die zweite Ebene: Kermani, der Reisende, Suchende, Schreibende.

Im neuen Heft beginnen wir eine vierteilige Serie, der Reporter Kermani reist für uns von Schwerin nach Auschwitz, er fährt zu verunsicherten und ängstlichen, aber auch zu nach wie vor gelassenen und humorvollen Menschen in den Außenbezirken der westlichen Welt und erzählt uns davon.

Den neuen SPIEGEL erhalten Sie heute am Kiosk und digital hier: In unserem neuen Angebot SPIEGEL Plus finden Sie Kermanis Text "Am Riss entlang" hier.

Die Nacht der Hinrichtungen

In der Titelgeschichte des neuen Heftes ergründet Thomas Darnstädt, wie es zu den Nürnberger Prozessen gegen Hermann Göring und andere Verbrecher des NS-Regimes kam; und welche Wirkung diese Prozesse auf die Gegenwart haben. Muss Assad nach Den Haag? Und Putin?

Dem gedruckten Heft liegt eine DVD des SPIEGEL-TV-Autors Michael Kloft bei: "Strafsache Drittes Reich". In der digitalen SPIEGEL-Ausgabe finden Sie ein Multimedia-Spezial.

Im Video: SPIEGEL-TV-Autor Michael Kloft über den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher - und die Nacht der Henker.

DER SPIEGEL

Die Kisten sind gepackt

Und ansonsten stoßen Sie im neuen Heft auf ein SPIEGEL-Gespräch mit Peer Steinbrück, der Abschied von der Politik nimmt: "Und dann: servus!" Digital finden Sie den Text hier.

Im Video: Peitschen-Peer: Vom "schönen Gefühl, Geld zu haben" bis "Hätte, hätte Fahradkette" - Peer Steinbrücks Karriere in Zitaten.

DER SPIEGEL

Der ewig Zweifelnde

Markus Feldenkirchen porträtiert Sigmar Gabriel und beschreibt dessen Ringen mit der Frage, ob er 2017 als Kanzlerkandidat antreten soll oder nicht. Darf ich Ihnen verraten, dass ich vor 34 Jahren wegen der großen politischen Porträts mit der regelmäßigen SPIEGEL-Lektüre begann? Solch ein Text ist die Gabriel-Geschichte.

Im Video: "Ach, der SPIEGEL wieder..." SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen über verbale Tritte vors Schienbein und Sigmar Gabriel als Gesprächspartner.

DER SPIEGEL

Und dann schreiben wir noch über Gravitationswellen, Wolf Biermann, José Mourinho und Pep Guardiola, Facebook oder das Abnehmen, also Diäten. Wir schreiben, wie immer, über das Leben, das politische und das sonstige.

Hier die Nachrichten der Nacht:

Gewinnerin des Morgens...

... ist Gisela Friedrichsen. Die große Gerichtsreporterin kam im Juli 1989 von der "Frankfurter Allgemeinen" zu uns. Damals dachte sie noch, "ich würde über Liebe, Eifersucht und das ganze Leid der Menschen schreiben", das sagte Frau Friedrichsen mir gestern, an ihrem letzten Arbeitstag im SPIEGEL.

Gisela Friedrichsen

Gisela Friedrichsen

Foto: Ronald Wittek/ dpa

Dann fiel die Mauer, und sie schrieb über Honecker, Mielke und die juristische Aufarbeitung der DDR; sie schrieb über die Geiselnahme von Gladbeck (eine ihrer ersten Geschichten) ebenso wie über all die anderen großen und kleinen Verfahren des vereinten Deutschlands. "Fleiß" ist ein niedliches Wort, aber Gisela Friedrichsen ist im besten Reportersinne fleißig: Woche für Woche und Tag für Tag ist sie unterwegs und in irgendeinem Gerichtssaal zu finden. Mut, Urteilssicherheit und natürlich die ganz eigene Sprache dieser Autorin führten zu Texten, auf die wir stolz sind. Darum sagen wir Danke. Lesen Sie hier ihre aktuelle Geschichte über Beate Zschäpe im NSU-Prozess auf SPIEGEL Plus.

Ihnen eine erkenntnisreiche und anregende Lektüre, mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Brinkbäumer

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