Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Kann Freude verletzend sein? Ja, das kann sie. Die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL handelt vom Kinderwunsch. Als wir sie vorbereitet haben, saßen wir gemeinsam mit dem Titelbildressort vor einer Magnetwand, an der zwanzig Fotografien von Babys hingen - bezaubernd, begeisternd. In der Begeisterung für andere Kinder schwingt immer auch die Freude über die eigenen Kinder mit - ja, auch der Stolz auf sie.

Titelbild
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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Diese Freude, dieser Stolz kann aber verletzend sein für all jene, die freiwillig oder unfreiwillig keine Kinder haben. Was passiert, wenn es aus biografischen oder medizinischen Gründen nicht klappt mit dem Kinderkriegen? Etwa jedes siebte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Vergangenes Wochenende hat der Verband der Reproduktionsmedizin einen neuen Rekord verkündet: 103.981 Kinderwunschbehandlungen gab es im Jahr 2016, damit ist ein Höchststand erreicht.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Dramen, über die kaum je öffentlich gesprochen wird. Unsere Titelgeschichte schildert sie.

Der letzte Akteur von Stuttgart 21

Seit 21 Jahren arbeite ich beim SPIEGEL, manche Themen haben mich von Anfang an begleitet. Vor fast 20 Jahren habe ich das erste Mal den Architekten Christoph Ingenhoven zu einem SPIEGEL-Gespräch getroffen, er hatte damals gerade den Wettbewerb für Stuttgart 21 gewonnen, eines der aufwendigsten Infrastrukturprojekte Europas. Er war der aufkommende Star der Branche.

Stuttgart 21 wurde teurer und teurer, der Bau verzögerte sich, es gab so heftige Proteste dagegen, dass das Projekt sogar einen neuen Typus des Deutschen hervorgebracht hat: den Wutbürger. (Diese Wortneuschöpfung geht übrigens auf meinen Kollegen Dirk Kurbjuweit zurück.) Wer also für den SPIEGEL über Städtebau und Architektur berichtet, wie meine Kollegin Ulrike Knöfel es regelmäßig tut, und ich gelegentlich, hatte genug Anlässe, immer mal wieder auf Ingenhoven zu treffen. Nun wird sich die Fertigstellung des Bahnhofs noch einmal verzögern, angeblich bis 2024. Und die Kosten werden sich noch einmal erhöhen. Also regte Ulrike Knöfel ein erneutes Gespräch mit Ingenhoven an, der inzwischen der letzte der Stuttgart-21-Akteure ist, der von 1997 an dabei war.

DPA

Wir führten das Gespräch gemeinsam mit unserer Kollegin Simone Salden aus dem Wirtschaftsressort, die lange Jahre aus Deutschlands Südwesten berichtet hat. Ingenhoven zeigte sich seinerseits verzweifelt über den Gang der Ereignisse: Im Verhältnis zu seiner Lebenszeit dauere das Projekt "einfach zu lange", man hätte es in zehn Jahren realisieren können. Die jetzt angekündigten Kosten von 7,9 Milliarden Euro seien zu knapp kalkuliert, inklusive aller Bahnstrecken seien es zehn Milliarden Euro.

Die Ideale von damals

Über einen langen Zeitraum Entwicklungen im Blick behalten zu dürfen, das ist eines der Privilegien unseres Berufsstandes, ein echtes Geschenk. Nicht immer aber sind es Entwicklungen zum Guten hin, wie zwei eindrucksvolle Geschichten in unserem Auslandsteil zeigen. Mein Kollege Bartholomäus Grill ist 1993 nach Südafrika gezogen. Er hat die ersten freien Wahlen 1994 dort erlebt, den sagenhaften Aufstieg des ANC von der Befreiungsbewegung zur Regierungspartei. Jetzt am Wochenende beginnt der Parteitag des ANC, zu diesem Anlass zieht Grill im neuen SPIEGEL eine bedrückende Bilanz: Die Führer des ANC verraten die Ideale, mit denen sie einst angetreten sind.

Mein Kollege Jan Puhl wiederum berichtet seit 20 Jahren über Osteuropa. Im neuen SPIEGEL zieht auch er eine traurige Bilanz: Wie sich Osteuropa in den Neunzigerjahren euphorisch dem Westen öffnete und sich nun immer mehr verschließt.

Außerdem im neuen Heft:

Gewinner des Tages...

DPA

...ist Harald Wohlfahrt, der 37 Jahre lang Küchenchef im Spitzenrestaurant Schwarzwaldstube in Baiersbronn gewesen ist. Er ist hier ein Gewinner, weil er sich im SPIEGEL-Gespräch freimütig darüber äußert, wie riskant es ist, wenn der Beruf zur eigentlichen Lebensbestimmung wird: "Ich habe alles gegeben und nicht genügend gefordert für mich selbst, Operationen habe ich in meinen Urlaub gelegt. Was ich gemacht habe, war unverantwortlich."

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
susanne.tews 16.12.2017
1.
Zählen Sie mal bitte wie oft in dem Text meine/e Kollege/in xy vorkommt. Es liest sich ein bisschen wie eine Werbeschrift für den Spiegel und die Redaktion. Ich Wünsche mir einen größeren Fokus auf die Inhalte. Auch wenn das natürlich nett gegenüber ihren Kollegen ist.
haresu 16.12.2017
2. Das Glück der Anderen ...
... kann schon mal daran erinnern, dass einem selbst etwas fehlt. Daraus folgt allerdings genau nichts.
okav 16.12.2017
3. Wenn Freude verletzend ist
in Bezug auf das Glück von anderen sollte man sich selber Fragen, warum man sich nicht über Fremde Gärten freuen kann. Ist das nicht auch ein Ausdruck immer alles selbst haben zu müssen?
Lykanthrop_ 16.12.2017
4.
Auf der einen Seite werden viele Babys abgetrieben und auf der anderen Seite wird alles versucht um Babys zu erzeugen. Das ist für mich ein Symbol unserer egoistischen, narzisstischen und Besitz orientierten Gesellschaft. Der Wunsch des Egos zählt alles, alles Andere hat sich zu fügen.
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