Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


die Kritik an den Klimabeschlüssen der Bundesregierung verstehe ich gut. Das wirkt nicht entschieden, nicht mutig, es fehlt die große Idee, die klare Linie, soweit ich das beurteilen kann. Die negativen Urteile vieler Experten leuchten mir ein. Allerdings denke ich auch an das Jahr 2003, als Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Hartz-IV-Reformen vorstellte. Wie laut da die Kritik war, aus allen Richtungen. Unsozial, sagten die einen. Nicht entschieden, nicht mutig, es fehle die große Idee, die klare Linie, sagten die anderen (ich war einer von denen).

Boris Roessler/ DPA
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Heft 39/2019
Ein Fanatiker, ein Hitzkopf und der Unberechenbare: Was ein Krieg am Golf für die Welt bedeuten würde

Dem Urteil "unsozial" ist schwer zu widersprechen. Aber Schröders Reformen gelten heute als eine der Grundlagen für den langen Aufschwung der Bundesrepublik, der manchmal sogar ein zweites Wirtschaftswunder genannt wird. Sollten wir daraus nicht lernen?

Klimapolitik und Sozialreformen sind sicherlich schwer zu vergleichen. Aber eine gewisse Skepsis gegenüber dem schnellen Urteil sollten wir uns zugestehen. Wirklich gut gefällt mir an diesem Paket, dass es ständig überprüft und angepasst werden soll, wenn es die Zwischenziele nicht erreicht.

Grüne Machtlosigkeit

Kay Nietfeld/ DPA

Die Grünen in Baden-Württemberg feiern heute ihr 40-jähriges Bestehen mit einem Parteitag in Sindelfingen. Dort wurde damals der erste grüne Landesverband überhaupt gegründet. Der Weg dieser Partei gilt als Erfolgsgeschichte, gerade in diesen Tagen, da sich alles um das Klima dreht. Man kann das aber auch anders sehen.

Seit gut vierzig Jahren bieten sich die Grünen als Alternative an, predigen die Dringlichkeit der Umweltthemen. Aber auf Bundesebene blieben sie im 10-Prozent-Getto stecken, meist lagen sie unter dieser Marke. Den Politikern wird nun zu Recht vorgeworfen, sie hätten die Probleme zu spät und nicht entschieden genug angepackt. Allerdings wollten die meisten Bürger bislang keine Politiker an der Macht sehen, die die Probleme womöglich früh und entschieden angepackt hätten.

Bekommt man überhaupt Bier auf dem Oktoberfest?

Peter Kneffel/ DPA

Als Nicht-Bayer wird man jedes Jahr vom Beginn des Oktoberfests überrascht. Morgen ist es wieder so weit, mitten im September. Der Preis für eine Maß liegt bei mindestens 11,40 Euro, damit Sie Bescheid wissen.

Meine einzige Bierzelt-Erfahrung beim Oktoberfest ist diese: Ich ging in ein Bierzelt und bestellte bei einer Kellnerin eine Maß Bier. Sie sagte mir, Bier gebe es nur für Leute, die einen Sitzplatz haben. Es gab aber keine Sitzplätze. Ich wartete eine Weile auf einen Sitzplatz, um ein Bier zu bekommen, aber da keiner frei wurde, verließ ich das Oktoberfest, ohne ein Bier getrunken zu haben.

Man trifft ja in aller Welt Leute, die auf dem Münchner Oktoberfest mehr oder weniger in Bier gebadet haben. Wenn ich denen von der Unmöglichkeit erzähle, dort ein Bier zu bekommen, schauen sie mich an wie einen Wahnsinnigen.

Verliererin des Tages...

Alan Ortega/ REUTERS

... ist die Avocado. Sie gilt einerseits als cool. In Berlin-Mitte gibt's kaum eine Bowl, ein Sandwich oder einen Salat ohne Avocado, die sozusagen das führende Nicht-Fleisch ist.

Die Avocado gilt andererseits als Umweltkiller, weil ihr Anbau extrem viel Wasser verschlingt, und das in Regionen, in denen Wasser knapp sein kann.

Davon kann der Chilene Rodrigo Mundaca berichten. In der Region Petorca kämpft er dafür, dass alle Menschen freien Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen. Ein großes Problem ist dabei der Anbau von Avocados. Mundaca wird am Sonntag mit dem Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Und Berlin-Mitte sollte vielleicht nochmal neu über die Avocado nachdenken.

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
tubolix 21.09.2019
1.
Ja, die H4-Reform von Schröder war asozial. Auch, weil am folgenden Aufschwung viele nicht teilhaben konnten. Vor allem aber, weil sie DE zu einem Billiglohnland gemacht hat. Wohin es die Abgehängten heute zieht kann man bei Wahlen beobachten. Auch das ist eine Folge der Schröderpolitik. Die Grünen kreisen um die 10 Prozent, und das ist gut so. Als warnender Zeigefinger in der Opposition, oder bestenfalls als Juniorpartner in einer Regierung können sie dem Volke dienen. Eine rein grüne Politik wäre aber für den Großteil der Bevölkerung weder trag- noch bezahlbar.
haresu 21.09.2019
2. Zu wenig, zu spät
Wieso dieser Vergleich mit der Agenda- Politik? Das lenkt doch nur ab. Zur Klimapolitik kann man nur sagen: vorhersehbar wenig. Dass wusste aber jeder vorher schon, da brauche ich keine Experten. Man fängt jetzt mal an, das ist alles. Viele hoffen, dass das irgendwie reicht. Ein großer Wurf konnte es schon deshalb nicht werden, weil ihn niemand wollte. Man wird diese Regierung von der ersten Minute an antreiben müssen. Zudem wird es diese Regierung kaum noch sehr lange geben. Vielleicht geschieht ja wirklich etwas, aber es ist reichlich wenig und es kommt reichlich spät.
mhuz 21.09.2019
3.
Weil der Mensch nicht von den Affen abstammt, sondern von den Lemmingen. Mal sehen, was die Leute sagen, wenn zum ersten mal die Heizkosten Abrechnung kommt, wenn zum ersten mal die Anzeige an der Tankstelle aufleuchtet.
fabi.c 21.09.2019
4. Den Grünen....
Den Grünen Gratulation zum 40. Die, hätten es mit CO2 Abgabe besser machen können sind mit der FDP feige in die Büsche gesprungen. Das Volk wollte Jamaika. Die Koalition ist ein ungewolltes. Das was die Koalition bisher erreicht hat kann sich sehen lassen. Mit CO2 tut sich jede Partei schwer,denn dann würde und müsste radikal verändert werden. Autofahrer dürfen um Gotteswillen nicht angefasst werden. Denn die Grünen waren es die gewollt haben,dass Benzin 5 DM pro Liter kosten sollte. Was ist davon übrig geblieben? Herr Kretschamen ! Der hat die Dieselfahrer im Regen stehen lassen als es um Entschädigung der Autofahrer ging :nach dem Motto : die Autoindustrie darf auf keinen Fall übergeühr belastet werden : So wird jede Regierung an CO2 scheitern,denn niemand soll Schaden nehmen. Auch grüne Bäume wachsen nicht hoch.
haresu 21.09.2019
5. Mittige Schizophrenie gibt es überall
Tja, aber die eigene Avocado ist nun mal die eigene Avocado. Und bestimmt keine böse Avocado, denn sie ernährt ja einen Guten. Einen, der auf der richtigen Seite steht. Außerdem isst man ja kaum Fleisch. Und überhaupt, wenn alle Avocados essen, wieso soll ausgerechnet ich darauf verzichten? Mein Nachbar fliegt nach Thailand, ich nur nach Griechenland, da habe ich doch noch was gut. Und überhaupt sind die Chinesen die schlimmsten Umweltsünder und überhaupt gibt es einfach zu viele Menschen auf der Welt.
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