Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Warum "Covidioten" keine Idioten sind, Frau Esken

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit dem Schulbeginn im Norden, mit den Gegnern der deutschen Corona-Politik, mit dem Rechtsstaat in den USA und mit einem fröhlichen Rücktritt.

Corona I

Heute werden die Schüler in Mecklenburg-Vorpommern alle zu Scouts, zu Pfadfindern. Sie gehen voran, sie beschreiten einen unbekannten Weg. In ihrem Bundesland beginnt die Schule, und sie beginnt im Regelbetrieb, nachdem der Unterricht zuletzt vor allem zu Hause stattfand, wenn überhaupt. Nach und nach soll das in ganz Deutschland so sein.

In Mecklenburg-Vorpommern wird man einen ersten Eindruck davon bekommen, wie das funktioniert mit Abstandsregeln, Maskenpflicht und Gruppenbildung. Und man kann nur hoffen, dass es gut funktioniert. Im Schulbetrieb entscheidet sich das Schicksal von Kindern, der Schulbetrieb hat Einfluss auf die Stimmung in Familien, auf die Möglichkeit von Eltern, ihrer Arbeit ordentlich nachzugehen. In Phase eins der Coronakrise war die Schule eines der größten Probleme.

Einen guten Überblick zur Lage am Beginn des neuen Schuljahrs finden Sie im SPIEGEL dieser Woche.

Corona II

Nachlese: Am Samstag demonstrierten in Berlin zehn- bis zwanzigtausend Menschen gegen die Corona-Politik, gegen Beschränkungen ihrer Freiheit. Ich war den ganzen Tag zu Hause, bekam nicht viel mit von den Ereignissen. Die Fenster standen alle offen, es war ein heißer Tag. Am Abend fiel mir irgendwann die ungewohnte Geräuschkulisse auf. Ständig Polizeisirenen, ständig Hubschrauber in der Luft. Es klang ein wenig nach Bürgerkrieg, über Stunden.

Ich checkte häufig Nachrichtenportale und erwartete, Berichte über Straßenschlachten zu lesen. Aber sie blieben aus. Auch die Berichte in den Zeitungen von heute decken sich nicht mit dem Eindruck, den ich von der Geräuschkulisse hatte.

Möglichkeit eins: Ich bin ein wenig paranoid und sehe ständig die Demokratie in Gefahr. Ist wohl nicht von der Hand zu weisen.

Möglichkeit zwei: Paranoid sind derzeit der Staat und manche Politiker. Sie reagieren zu heftig auf alles, was die Corona-Politik grundsätzlich infrage stellt. Ich stelle sie nicht infrage, aber ich würde die Demonstranten auch nicht pauschal "Covidioten" nennen, wie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Es ist noch weniger als sonst die Zeit, in der man etwas genau wissen kann. Und deshalb ist derjenige, der eine andere Meinung hat, nicht ein Idiot, sondern einer, der einer anderen Erzählung folgt.

Nationaler Albtraum I und II

In der Biografie, die Edmund Morris über Ronald Reagan geschrieben hat, fand ich gestern ein paar Sätze, von denen man sich nur wünschen kann, das sie auch am 4. November 2020 gelten, nach der Abwahl von Donald Trump, falls es dazu kommt. 

Sie stammen von Gerald Ford, kurze Zeit Vizepräsident von Richard Nixon, und Ford sagte sie, nachdem Nixon 1974 endlich wegen des Watergate-Skandals zurückgetreten war und er dessen Nachfolger wurde. Hier sind sie: "Liebe Landsleute, unser langer nationaler Albtraum ist beendet. Unsere Verfassung funktioniert; unsere großartige Republik gründet auf einer Herrschaft des Rechts, nicht der Herrschaft einzelner Männer."

Trump spekuliert darüber, die Wahl zu verschieben. Er weckt Zweifel, ob er eine Niederlage akzeptieren würde. Die Herrschaft des Rechts ist in den USA keine Selbstverständlichkeit mehr. (Oder gilt auch hier Möglichkeit eins von oben?)

Gewinner des Tages...

...ist Sandro Wagner, Fußballprofi, unter anderem bei Hoffenheim, bei Bayern München, zuletzt in China. Am Wochenende hat er seinen Rücktritt erklärt, und zwar ohne Jammerei. Das ist das Besondere. Zuletzt gab es einige Rücktritte von Profis, die darüber klagten, wie schlimm dieses Gewerbe sei, wie wenig menschlich, zum Beispiel von den 2014er Weltmeistern André Schürrle, Benedikt Höwedes und Per Mertesacker.

Wagner sagte nun, der Fußball habe ihm "ein wunderbares Leben ermöglicht", er sei "unglaublich dankbar". Das war erfrischend. Auch wenn man mal leidet, ist doch anzunehmen, dass das Schicksal eines erfolgreichen Fußballprofis zu den angenehmeren in dieser Welt zählt.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.