Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


ein halbes Jahr ist vergangen, seit Bundespräsident Gauck seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit erklärt hat. Und noch immer sucht Angela Merkel nach einem Nachfolger. Die letzte erstaunliche Wendung war, dass sie Winfried Kretschmann als neues Staatsoberhaupt ins Spiel brachte. Das ist insofern erstaunlich, als dass es im Kanzleramt über Monate hieß, ein Grüner komme nicht infrage, weil das konservative Wähler verstören würde. Hinter Merkels Sinneswandel steckt auch die Lust an der Rache und eine gehörige Portion Eitelkeit. Einerseits wollte sie SPD-Chef Gabriel ein Schnippchen schlagen. Der hatte sie mit der vorzeitigen Ausrufung von Außenminister Steinmeier als SPD-Kandidaten gehörig in die Bredouille gebracht. Andererseits ist die Kanzlerin durchaus empfänglich für Schmeicheleien. Und wenn es um die Merkel-Verehrung geht, lässt sich der baden-württembergische Ministerpräsident von niemandem übertreffen. Nun wird es mit einem Präsidenten Kretschmann wohl nichts werden. Die CSU hat schon ihr Veto angemeldet. Es könnte sein, dass die Union am Ende mangels Alternativen Steinmeier mitträgt. Allerdings offenbart die komplizierte Kandidatenkür, dass selbst in Merkel dunkle Leidenschaften schlummern. Oder anders gesagt: Ein bisschen Trump steckt auch in ihr.

Trump im Sumpf von Washington

Titelbild
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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

In dieser Woche geht Donald Trump mit seinem transition team ans Werk, um die Machtübernahme in Washington vorzubereiten. Während des Wahlkampfes hat sich Trump als Kandidat des Anti-Establishments vorgestellt. Nun zeigt sich, wie schnell er sich an die Gepflogenheiten der Hauptstadt anpasst. In keiner anderen Demokratie ist das dynastische Prinzip so verbreitet wie in den USA. Joseph Kennedy beförderte mit seinem Geld die politische Karriere seines Sohnes John F., der wiederum seinen Bruder Robert zum Justizminister machte, als er 1961 ins Weiße Haus einzog. Prescott Bush vertrat den Staat Connecticut im US-Senat, sein Sohn George H.W. war der 41., sein Enkel George W. der 43. Präsident der USA.

In Trumps transition team sitzen drei seiner fünf Kinder sowie Schwiegersohn Jared Kushner. Gut möglich, dass Trumps Wähler bald vor dem Weißen Haus stehen und dem neuen Hausherren eine Parole entgegen brüllen, die dieser im Wahlkampf selbst so gern benutzt hat: "Drain the swamp!"

AFP

Der Kater der Frauenbewegung

Nach der Wahl Trumps ist überall in den USA Wehklagen zu hören, aber besonders übel ist der Kater in der amerikanischen Frauenbewegung. Trump galt ihr als hässliche Fratze des Patriarchats. Bei der Wahl stellte sich allerdings heraus: Nicht nur die weißen Männer haben dem Supermacho den Weg ins Weiße Haus geebnet, sondern auch die weißen Frauen, die ihn mit 53 Prozent gewählt haben. Was ist da schiefgelaufen? Gerade der akademische Feminismus in den USA hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in immer gewagtere Theoriehöhen geschraubt und war schon dabei, das Geschlecht als Kategorie abzuschaffen. Nun stellen seine Vertreterinnen entsetzt fest, dass er außerhalb der Seminarräume völlig einflusslos ist. "Schirmt uns unsere weltentrückte Art des linksliberalen Denkens von der Wahrheit ab?", schreibt Judith Butler, die im kalifornischen Berkeley lehrt und auch an deutschen Universitäten wie eine Heilige verehrt wird. Es ist wohl eher eine rhetorische Frage.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

DPA

Verlierer des Tages...

... sind die Grünen. Auf ihrem Parteitag haben sie Projekte beschlossen, die ihnen vor vier Jahren den Erfolg bei der Bundestagswahl vermasselt haben. In Münster sprachen sie sich für die Einführung einer Vermögensteuer aus und für die Abschaffung des Ehegattensplittings. Wahrscheinlich hat keine Partei die Bundesrepublik in den vergangenen 30 Jahren so verändert wie die Grünen. Ohne sie gäbe es keinen Atomausstieg, keine Energiewende, keine Frauenquote. Nun aber rücken sie im Wunsch nach Unterscheidbarkeit immer weiter nach links. Dort aber steht schon Sahra Wagenknecht. Und für eine Linkspartei mit Krötenschutzprogramm gibt es keinen Bedarf.

Ich wünsche Ihnen einen munteren Start in die Woche,

Ihr René Pfister

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
rkinfo 14.11.2016
1. Steinmeier 2017, Merkel 2022 ?!
Denke man wird sich auf Steinmeier 2017 und Wahl von Merkel im Frühjahr 2022 heute einigen. Dann wäre auch die Kandidatur für die CDU/CSU entschieden.
accvlin 14.11.2016
2. wo sind den die grünen nach links gerückt?
der parteitag hat genau das gegenteil gezeigt.eine vermögenssteuer so zu formulieren das man damit linke einbindet unnd genau zu wissen das sie so nie kommt ist schon populismus pur.die grünen sind nix .nicht links nicht rechts sie sind genau in der mitte und da gibt es schon die union und die spd.also braucht kein wähler die grünen .schade eigentlich
steveleader 14.11.2016
3. Überraschungskandidat als BP...
wäre für Frau Merkel ein möglicher nächster Schritt. Ein Bundespräsident der nicht dem Verdacht ausgesetzt ist ein Politiker zu sein. Der aber mit Sicherheit in der breiten Bevölkerung beliebt ist. Vorschlag: Günter Jauch
MKAchter 14.11.2016
4. Kein Thema
Das Problem der Grünen ist, dass die meisten ihrer großen, zugkräftigen und für sie spezifischen, Themen "durch" sind. Jetzt stürzen sie sich auf Felder, wo sie ersichtlich wenig Ahnung haben, und nicht wirklich punkten können und werden. Auch recht.
istvanfred 14.11.2016
5.
Die Grünen hatten mal ihre Daseinsberechtigung.
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