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der Umgang deutscher Sicherheitsdienste mit den Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) war eine Schande, er zählt zu den verstörendsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dass Ermittlungsbehörden auf dem rechten Auge sehkrank waren, ist schockierend genug. Dass sie trotz gegenteiliger Indizien lange daran glauben wollten, dass Opfer mit Migrationshintergrund nur von Tätern mit Migrationshintergrund ermordet werden konnten, deutet sogar auf chronischen Rassismus hin. Zumindest aber auf ein sehr simples Weltbild, wonach der Mörder höchstwahrscheinlich der Migrant ist.

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Heft 40/2019
Warum die Ukraine-Affäre Donald Trump das Amt kosten kann

Wie krank es in biodeutschen Hirnen zugehen kann, wollten viele Mitarbeiter in den Behörden offenbar nicht wahrhaben. Wären sie ein wenig mit der deutschen Geschichte vertraut, hätten sie Bescheid gewusst. Auch im Fall des ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke mochten die Ermittler lange nicht in Erwägung ziehen, dass die Tat von einem deutschen Rechtsextremisten begangen wurde.

In Erfurt wird heute der Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses mit dem harmlos klingenden Titel "Rechtsterrorismus und Behördenhandeln" vorgestellt. "Behördenversagen" hätte es eher getroffen.

Die vereitelte "Revolution Chemnitz"

FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Heute beginnt auch der Prozess gegen acht Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz", die dem NSU offenkundig nacheifern wollten. Die Männer im Alter zwischen 21 und 31 Jahren wollten der Anklage zufolge mit gewalttätigen und bewaffneten Anschlägen den Rechtsstaat überwinden. Ihnen wird die Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Ihr Anführer Christian K. postete in einem Chat in Bezug auf die Bundesregierung: "Ihr wollt Krieg, ihr bekommt Krieg." Und er drohte, der NSU werde "wie die Kindergarten Vorschulgruppe wirken!!!" Der Bürgerkrieg der Vereinigung sollte gegen "Linksparasiten, Merkel-Zombi, Mediendiktatur und deren Sklaven" geführt werden.

Anders als beim NSU scheinen die Ermittler im Fall von "Revolution Chemnitz" recht wach gewesen zu sein. Genau das sollte künftig der Geist aller deutschen Sicherheitsbehörden sein. Sie sind es nicht nur den Opfern schuldig. Sie tragen auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eine besondere Verantwortung.

Neue Option für Österreich

Matthias Schrader/ DPA

Viele Jahrzehnte fiel das Wahlergebnis in Österreich mehr oder weniger gleich aus. Entweder lagen die Sozialdemokraten vorne. Oder die ÖVP. Sie hatten dann entweder die Möglichkeit, mit der jeweils anderen Volkspartei eine Große Koalition zu bilden. Oder sie wagten es, wie die ÖVP, die braunen Schmuddelkinder von der FPÖ zum Regierungspartner zu machen. Beides war nicht wirklich gesund.

Bündnisse mit der FPÖ waren ein Pakt mit den Unseriösen. Vorsichtig ausgedrückt. Zuletzt hatte Heinz-Christian Strache in einer ibizenkischen Finca das korrupte, demokratieverachtende Gesicht seiner Partei offenbart. Große Koalitionen hingegen hatten etwas Ewiges, Statisches, Langweiliges, sie machten die FPÖ erst groß.

Nach der gestrigen Nationalratswahl gibt es endlich einen Ausweg aus dem großen politischen Dilemma Österreichs. Zumindest in der Theorie. Die ÖVP von Ex-Kanzler Sebastian Kurz steigerte sich auf mehr als 38 Prozent der Wählerstimmen. Während die Sozialdemokraten auf 21,5 Prozent sackten, verlor die FPÖ beinahe neun Prozentpunkte und landete knapp über 17 Prozent. Da die Grünen sich auf über 12 Prozent steigern konnten, ist nun erstmals eine neue Regierungskoalition möglich: ein Bündnis aus ÖVP und Grünen. Das mag den Beteiligten aus kulturellen Gründen fremd sein. Angesichts der jüngeren Geschichte Österreichs aber wären alle Alternativen ziemlich wahnsinnig.

Tschingderassabum in Peking

NOEL CELIS/AFP

In der chinesischen Hauptstadt Peking wird es heute ein ordentliches Tschingderassabum geben. Die Volksrepublik feiert den 70. Jahrestag ihrer Gründung mit einer wuchtigen Militärparade. Ähnlich viele chinesische Panzer hat man zuletzt im Juni 1989 auf der Straße gesehen - während der sehr blutigen Niederschlagung der Freiheitsproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Ohne die Panzer von damals würden die Panzer von heute vielleicht gar nicht auffahren.

Seit den dunklen Tagen von '89 hat die chinesische Kapitalismusdiktatur zweifellos eine Menge Wohlstand generiert. Zugleich aber wurde sie noch repressiver. Während heute in Peking gesäbelrasselt wird, hoffen die Freunde der Freiheit in Hongkong darauf, die Jubilare endlich loszuwerden. Und dass die Panzer nicht bald bei ihnen aufrollen.

Verlierer des Wochenendes...

Oliver Weiken/ DPA

... ist der Sport. Wer auch immer dazu beigetragen hat, dass die Leichtathletik-WM in Katar stattfindet, sollte sich schämen. Und wer daran mitgefingert hat, dass die Fußball-WM in drei Jahren dort stattfinden soll, ebenfalls. Die aktuellen Wettkämpfe der Leichtathleten zeigen, was mit dem Sport passiert, wenn seine Funktionäre von Geldgier und Korruption geleitet werden. Diese WM ist ein Witz, sie ist ein Skandal.

Abgeschirmt von der klimatischen Wirklichkeit müssen die Wettkämpfe im auf 26 Grad runtergekühlten Stadion stattfinden. Mit dieser Haltung ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Ski-WM in Katar stattfindet. Der Marathonlauf der Frauen konnte übrigens nicht klimatisiert stattfinden, weil es noch keine 42 Kilometer lange Halle gibt. Er musste daher um Mitternacht starten, bei vergleichsweise kühlen 35 Grad. Zuschauen will den Athleten in Katar auch kaum jemand.

Warum also dieser Irrsinn? Das Emirat Katar will sich mithilfe solcher Events politische Akzeptanz für seine Diktatur erkaufen. Das ist nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist, dass die großen Leichtathletik- oder Fußballverbände dabei mitmachen. Sie verraten ihre Athleten und alle Sportfans weltweit.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
haresu 30.09.2019
1. Ich bin raus ...
... aus der Sportguckerei. Im Fall der Vergabe nach Katar kann sich ja eigentlich nur noch die Frage stellen, ob einem korrupte oder dumme Sportfunktionäre lieber sind. Aber ich habe auch einfach keine Lust mehr auf Profisport. Fußballer kaufen sich schon mal drei Autos am Tag, Leichtathleten kriegen Sporthilfe, und beides nennt man Sport. Das ist doch irgendwie schief und krank.
vothka 30.09.2019
2.
Zitat von haresu... aus der Sportguckerei. Im Fall der Vergabe nach Katar kann sich ja eigentlich nur noch die Frage stellen, ob einem korrupte oder dumme Sportfunktionäre lieber sind. Aber ich habe auch einfach keine Lust mehr auf Profisport. Fußballer kaufen sich schon mal drei Autos am Tag, Leichtathleten kriegen Sporthilfe, und beides nennt man Sport. Das ist doch irgendwie schief und krank.
Ihre Entscheidung den Spass nicht mehr sehen zu wollen kann ich verstehen. Schief und krank ist es aber kaum - man kann nur das Geld an die Sportler ausschütten das reinkommt. Das ist beim Fußball nun mal etwas mehr als beim Hochsprung
kuac 30.09.2019
3.
Katar hat diese WM gekauft, weil die Sportfunktionäre sie verkauft haben. Die Fußball WM ist genauso. Vielleicht will Saudi Arabien auch eine WM veranstalten. Geld haben sie ja genug.
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