Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Warum die allgemeine Impfpflicht wohl bis Februar kommt

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Kampf gegen Corona – Wer soll künftig mitimpfen?

  2. Digitalisierung – Müssen wir wirklich im papierlosen Büro arbeiten?

  3. Seafall – Wer zerstörte Norwegens Horchposten im Meer?

1. Erst Angebot, bald Pflicht

Es sei wichtig, »dass wir eine allgemeine Impfpflicht etablieren«. Das hat Olaf Scholz heute tatsächlich gesagt. Kein »Ich begrüße die Debatte«-Statement, keine »Ich rege eine dringliche Befassung an«-Floskel – sondern die klare politische Botschaft: Wir brauchen eine allgemeine Impfpflicht. Wenige Monate nach den Impfangeboten, für die es nicht ausreichend Nachfrage zu geben scheint.

Scholz forderte dazu eine »fraktionsübergreifende Initiative aus dem Bundestag«. Diese solle »schnell auf den Weg gebracht« werden. »Ich als Abgeordneter werde ihr jedenfalls zustimmen, um das ganz klar zu sagen«, sagte der künftige Kanzler bei der Videoschalte mit der designierten Ex-Kanzlerin und den Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen. So berichten es Teilnehmer übereinstimmend. Es ist davon auszugehen, dass es dafür eine Mehrheit geben wird, und die Impfpflicht im Februar wohl tatsächlich kommt.

Es ist zwar noch nichts beschlossen, aber die Vorschläge werden konkreter – und auch die Appelle von Scholz eindringlicher. Er forderte Solidarität mit den »Hochinfektionsländern«. Auch Bundesländer mit niedrigeren Inzidenzen sollten Einschränkungen akzeptieren. Konkret verlangte er mit Unterstützung der SPD-Länder:

  • 2G fast flächendeckend, zum Teil 2G plus, auch für den Einzelhandel, ausgenommen wohl Supermärkte, Tankstellen und Apotheken.

  • Einen Quasilockdown für Ungeimpfte: Sie sollen sich privat nur noch mit dem eigenen Haushalt und zwei Personen eines weiteren Haushalts treffen dürfen.

  • Maskenpflicht an allen Schulen.

  • Apotheker, Zahn- und Tierärzte sollen dabei mithelfen, dass bis Weihnachten möglichst 30 Millionen Impfdosen in den Oberarmen landen, also Erst-, Zweit- und Booster-Impfungen.

Das hieße: Künftig könnten all die Fachkolleginnen und -kollegen Lothar Wielers in den Kampf gegen die Pandemie einsteigen. Schließlich nahm der RKI-Chef, wie mein Kollege Arno Frank einmal schrieb , mit seiner Karriere »den denkbar weitesten Umweg – über die veterinärmedizinische Hintertreppe auf die ganz, ganz große Bühne«. Ganz vielleicht klappt es ja doch noch mit der »nationalen Kraftanstrengung«, die Wieler gefordert hatte. Jedenfalls sprach auch Scholz heute von einer »nationalen Aufgabe«.

Am Donnerstag soll es Beschlüsse geben: Dann treffen sich die Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Ländern wieder.

2. Print bebt

Alle Welt spottet über die Faxgeräte in deutschen Amtsstuben, auch wir beim SPIEGEL. Aber zur Wahrheit gehört: Auch wir selbst leiden manchmal wie die Hunde, wenn die Digitalisierung unseren Alltag durcheinanderwirbelt. Ich fluche seit Monaten immer wieder, weil es einer unheiligen Allianz aus IT-Ingenieuren, Systemarchitekten, Prozessberatern, Entwicklungsbeauftragten und ihren Verbündeten gelungen ist, unter dem Deckmantel eines dringend notwendigen Relaunches das papierlose Büro wirklich Wirklichkeit werden zu lassen.

Früher druckten wir jeden Text aus, oft mehrfach, selbst in unserer Onlineabteilung redigierten und korrigierten wir auf Papier. Den fertigen Artikel warfen wir im sogenannten Körbchen ab, einer Plastikschale für Dokumente. Dort fischten sich unsere Chefs und Chefinnen vom Dienst die Geschichten heraus, die sie dringend für die Website haben wollten (und konnten die liegen lassen, auf die sie keine Lust hatten; ein ehemaliger Kollege, nennen wir ihn Carlo I., warf regelmäßig mit spitzen Fingern Texte zurück ins Körbchen und sagte: »Das lese ich jetzt nicht.«) Jetzt schreiben, lesen, bearbeiten wir alles am Bildschirm und setzen Häkchen in Fensterchen, die sich wie Kärtchen nach da und dort schieben lassen. Das macht vieles schneller und übersichtlicher, aber auch besser?

Klar, es wird dem Klimaschutz nicht zuträglich gewesen sein, bei bis zu 150 Onlinegeschichten täglich ein paar Hektar Wald wegzudrucken. Aber ich behaupte, wenigstens der Orthografie war es zuträglich. Zugegeben, in der Pandemie und im Homeoffice wäre der alte Workflow nur unter Einsatz eines Botenheeres aufrecht zu erhalten gewesen. Aber auch das nur, weil jemand vor Jahrzehnten leichtsinnig das Rohrpostsystem eingemottet hat, statt die Wohnungen aller Mitarbeitenden anzuschließen.

Ich will Sie nicht mit Heldengeschichten langweilen, aber es gelang mir mit ein paar Gleichgesinnten, den Systementwicklern einen Knopf abzutrotzen, mit dem sich Geschichten noch immer ausdrucken lassen, auch wenn das im offiziellen Workflow nicht vorgesehen ist. Still und heimlich drucken wir vor uns hin, streichen Fehler an, kürzen, stellen Wörter um und tippen das dann brav wieder ab.

Nun jedoch bekommen die Papierlosen weitere Argumentationshilfe: IT-Experten haben Sicherheitslücken in zahlreichen Druckern von HP entdeckt, wie mein Kollege Patrick Beuth berichtet. »Eine davon erfordert nur einen einzigen Klick. Angreifer könnten alle Dokumente mitlesen und sich im Unternehmensnetzwerk ausbreiten.« Ihr habt mir schon das Körbchen genommen, bitte nehmt mir nicht auch noch die Drucker!

3. Seafall

Es klingt wie der Beginn eines James-Bond-Films: Vor der norwegischen Küste lauschen Meeresforscher mit einem hochmodernen Observatorium nach Geräuschen im Ozean – in einer Region, die auch russische U-Boote befahren. Dann sabotiert jemand die Station, durchtrennt das tonnenschwere Stromkabel . Es ist aber eine wahre Geschichte, über die mein Kollege Christoph Seidler aus unserem Wissenschaftsressort berichtet. Denn nun wurden die Überbleibsel des Kabels am Meeresgrund entdeckt, einige Kilometer entfernt von der Station. Christoph hat sich dazu in Norwegen umgehört: »Wer für den Schaden verantwortlich ist, steht nicht fest«, sagt er. »Womöglich wird man das auch nie herausfinden.« Einen Unfall halten alle Beteiligten aber für höchst unwahrscheinlich.

Der Fall könnte in Deutschland einige Erinnerungen wecken, sagt Christoph. »Im August 2019 waren zwei schwere Gestelle einer Unterwassermessstation des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung vom Boden der Ostsee vor Eckernförde verschwunden. Eines davon konnte Monate später bei einer Suchexpedition wiedergefunden werden, vom anderen fehlt bis heute jede Spur.« Am Institut vermutet man Fischer als Schuldige – obwohl das Forschungsgerät eigentlich in einem Sperrgebiet stand. Womöglich lassen sich auch die Geschehnisse in Norwegen so erklären, ganz ohne Geheimagenten. Einen James-Bond-Film würde das langweiliger machen, im echten Leben könnte man aufatmen – ein potenzieller internationaler Konflikt weniger.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • General Corona soll es nun richten: Überraschend besetzt der designierte Kanzler den Chefposten des neuen Corona-Krisenstabs mit einem Bundeswehrgeneral. Carsten Breuer gilt als beherzter Anpacker – davon würde auch Olaf Scholz gern profitieren .

  • Die Sehnsucht nach einem weiteren magischen Moment des Tiger Woods: Nach einem schweren Crash verlor Tiger Woods fast ein Bein, seine Karriere schien beendet. Doch nun spricht er über eine mögliche Rückkehr – und die Golfwelt ist elektrisiert .

  • So vermeiden Sie, dass Ihre neue Solaranlage zum Verlustgeschäft wird: Das Umweltbundesamt warnt, dass es sich ab kommendem Sommer für viele Hausbesitzer nicht mehr lohnt, neue Kollektoren zu installieren. Doch es gibt Kniffe, mit denen sich der Sonnenstrom wieder rentiert .

Was heute weniger wichtig ist

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Auf großer Bühne, zur besten Sendezeit bei ›Anne Will‹, kündigte Christian Lindner, der designierte FDP-Finanzminister der Ampel, einen völlig neuartigen Corona-Kristenstab an.« 

Cartoon des Tages: Adventskalender 2021

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Wolfgang Höbel folgen und die sechsteilige Serie »Faking Hitler« anfangen zu schauen. »Die RTL-Reihe macht aus dem Tagebücherskandal des ›Stern‹ einen heiteren Krimi – und will zugleich ein zeitkritisches Lehrstück sein«, schreibt Wolfgang. Es ist der Stoff, aus dem der Kinoerfolg »Schtonk!« von 1992 gebastelt war, nur dass Götz George alias Heidemann jetzt von Eidinger gespielt wird und Uwe Ochsenknecht alias Konrad Kujau von Moritz Bleibtreu. (Die ausführliche Rezension finden Sie hier.)

Lassen Sie sich kein F für ein A vormachen. Und haben Sie einen schönen Abend, herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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