Martin Knobbe

Die Lage am Morgen Eine Orchidee namens Olaf

Martin Knobbe
Von Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um eine große Reise des Kanzlers nach Südostasien, um einen Protest von »Systemkritikern« in Erfurt und die Frage, wer Joe Biden nachfolgen könnte.

Auf Asienkurs

Während das Auswärtige Amt vor Kurzem seinen fast 60 Seiten langen Vorschlag für eine neue Chinastrategie der Bundesregierung zur Ressortabstimmung an verschiedene Ministerien und das Kanzleramt verschickt hat, setzt der Kanzler seine eigene Strategie einfach schon mal um.

Heute Abend reist er nach Vietnam und Singapur, wo er am Montag gemeinsam mit Wirtschaftsminister Robert Habeck an der 17. Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft teilnimmt – bevor es dann am Dienstag und Mittwoch zum G20-Gipfel nach Bali geht, wo der russische Angriff und seine Folgen im Mittelpunkt der Beratungen stehen wird, aus Russland wird Außenminister Sergej Lawrow erwartet.

Russischer Außenminister Lawrow: An Putins Stelle

Russischer Außenminister Lawrow: An Putins Stelle

Foto: Maxim Shipenkov / dpa

Auf seiner ersten Station, in Vietnam, wird Scholz versuchen, das umzusetzen, was er Diversifizierung nennt: nicht völlig die Drähte zum wichtigen Handelspartner China kappen, aber dennoch nach Alternativen suchen, um die Abhängigkeit zu reduzieren.

Vietnam ist dafür ein recht geeignetes Land, vor allem, was seine Rohstoffe anbelangt. Es ist unter anderem reich an Zink, Zinn, Kupfer, Antimon oder Titan.

Die schlechte Nachricht: Vietnam ist ein enger Partner Chinas, weil es auch von der Kommunistischen Partei regiert wird. Erst kürzlich wurde der vietnamesische Generalsekretär der KP, Nguyen Phu Trong, von Chinas Staatschef Xi Jinping herzlich empfangen.

Die gute Nachricht: Auch zwischen Deutschland und Vietnam gibt es eine »historische Nähe«, wie es neulich ein Regierungsbeamter ausdrückte. In der DDR lebten einst viele Vietnamesen, zuletzt unterstützten sich beide Länder in der Coronapandemie: Vietnam half Deutschland mit einer Maskenspende, Berlin revanchierte sich mit zehn Millionen Impfdosen. Da ist schon fast in Vergessenheit geraten, dass vor fünf Jahren mutmaßlich der vietnamesische Geheimdienst mitten auf den Straßen Berlins thrillergleich einen vietnamesischen Politiker entführte.

Ich freue mich besonders auf zwei Rituale dieser Reise: Auf Bali wird der Kanzler eine Mangrove pflanzen, in Singapur wird er Namenspate einer Orchidee werden. Diese Ehre wird allen hochrangigen Gästen zuteil, auch Angela Merkel ist in der Orchideenwelt bereits verewigt: »Dendobrium Angela Merkel« (Traubenorchidee) heißt das Exemplar.

Für Scholz hätte ich folgenden Vorschlag: Phalaenopsis Olaf Scholz. Der Name steht für Nachtfalter.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Kampf am großen Fluss: Die russischen Streitkräfte ziehen rund um Cherson ab, die Ukrainer gewinnen Dorf um Dorf zurück. Dadurch erhöht sich die Reichweite ihrer Geschütze – bis an die Grenze der Krim .

  • »Eine große Niederlage für Russland«: Die russischen Truppen haben sich an das Ostufer des Dnjepr zurückgezogen. Verteidigungsexpertin Claudia Major erklärt, was das für Putin bedeutet und wie sich nun der Verlauf des Krieges ändert.

  • Wie ein Augenzeuge den russischen Abzug aus Cherson erlebt: Ein ukrainischer Unternehmer aus Cherson berichtet dem SPIEGEL seit März, wie die Besatzung die Stadt verändert. Jetzt sollen sich Russlands Soldaten zurückgezogen haben. Ist die Lage wirklich wieder sicher? 

  • Newsblog: Uno fordert freien Export für Dünger aus Russland – die Welt könne es sich nicht leisten, dass die Probleme bei der Verfügbarkeit von Düngemitteln zu einer Nahrungsmittelknappheit führen, mahnt die Uno. Und: Cherson ist laut Selenskyj noch nicht völlig befreit.

Aufstand der »Systemkritiker«

Die Meldung in der Vorschau der Deutschen Presseagentur hat mich irritiert: Um 15.30 Uhr findet heute eine »Protestkundgebung von Systemkritikern« vor dem Thüringer Landtag statt. Systemkritiker?

Protest in Chemnitz (September): Rücktritt der Bundesregierung gefordert

Protest in Chemnitz (September): Rücktritt der Bundesregierung gefordert

Foto:

HärtelPRESS / IMAGO

Ich kann ja verstehen, dass man gegen die hohen Energiepreise demonstriert, auch gegen Coronamaßnahmen oder Russlandsanktionen, das soll alles möglich sein in diesem Land. Aber gleich gegen das ganze System? Und was ist damit gemeint? Die Demokratie?

Und noch etwas fand ich irritierend: Zum anschließenden »Aufzug« durch die Stadt werden 10.000 Menschen erwartet, darunter auch Anhängerinnen und Anhänger von Pegida und den Freien Sachsen, eine Gruppe, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer »Verdachtsfall« beobachtet wird. Bei der Gegendemo hingegen rechnet die Polizei mit 500 Protestierenden. Das wäre ein sonderbares Ungleichgewicht: Zwanzigmal mehr »Systemkritiker« als wehrhafte Demokraten?

Ich denke dabei an eine Äußerung von Wolfgang Kraushaar, den wir im neuen SPIEGEL zu den Klimaaktivisten der »Letzten Generation« und zu rechtsradikalen Tendenzen in der Gesellschaft befragt haben. Wir sollten uns in Sachen Rechtsradikalismus als Gesellschaft nicht »zurücklehnen« und den Behörden die Arbeit »alleine überlassen«, mahnt der Terrorismusforscher. »Wir müssen uns zur Wehr setzen.«

Wer kommt nach Biden?

Das endgültige Ergebnis der Midterm-Elections in den USA steht noch immer aus und damit auch die Antwort auf die spannende Frage, wer die Mehrheit im Senat haben wird. Dennoch richtet sich der Blick längst auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2024. Bei den Republikanern haben die von Donald Trump unterstützten Kandidatinnen und Kandidaten ihre Anhänger enttäuscht, weshalb plötzlich ein anderer Name als Hoffnungsträger der Partei gehandelt wird: Ron DeSantis, ein konservativer Hardliner, der seinen Gouverneursposten in Florida souverän verteidigte. Und bei den Demokraten?

US-Präsident Biden: An der Spitze einer »Gerontokratie«

US-Präsident Biden: An der Spitze einer »Gerontokratie«

Foto: Alex Brandon / AP

Nachdem Vizepräsidentin Kamala Harris in ihrer Amtszeit überraschend blass geblieben ist, gibt es keinen Favoriten für den Kandidatenposten – außer den bisherigen Amtsinhaber Joe Biden. Dieser aber wird in acht Tagen 80 Jahre alt und offenbart bisweilen verstörende Aussetzer, wie mein Kollege René Pfister in seinem Ausblick auf die kommenden Monate schreibt.

Erst suchte Biden bei einer Ansprache im Weißen Haus im Publikum nach einer Abgeordneten (»Jackie, bist du hier?«), die zwei Monate zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Dann behauptete er bei einem Auftritt vor Aktivisten, er habe mit »ein, zwei Stimmen« Vorsprung ein Gesetz durch den Kongress bugsiert, das es so nie gegeben hat.

Tröstlich aus Sicht Bidens dürfte sein, dass er sich in guter Gesellschaft befindet. Donald Trump ist 76 Jahre alt, Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten im Abgeordnetenhaus, 82, Mitch McConnell, der Chef der Republikaner im Senat, 80, Chuck Schumer, der demokratische Senator, 71. Dagegen ist Olaf Scholz mit 64 Jahren ein Jungspund.

SPIEGEL-Veranstaltung: Deep Dive

Am kommenden Dienstag, 15. November um 20 Uhr findet die nächste SPIEGEL Deep Dive-Veranstaltung mit Susanne Koelbl und dem Risikoberater mit Schwerpunkt Geopolitik bei PwC, Dr. Peter Eitel, zum Thema »Die neue Weltordnung nach dem Ukrainekrieg: Wie umgehen mit Russland?« statt.

SPIEGEL-Redakteurin Koelbl, Berater Eitel

SPIEGEL-Redakteurin Koelbl, Berater Eitel

Foto: Herlinde Koelbl; Katharina Draheim / Atlantik Brücke

Weitere Informationen finden Sie hier. 

Die Veranstaltung ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten des SPIEGEL, aber wir verlosen zehn freie Zugänge unter Leserinnen und Lesern der Morgenlage. Interesse? Dann schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@events.spiegel.de, Betreff: SPIEGEL Deep Dive. Einsendeschluss: Montag, 14.11. bis zehn Uhr.

Wer bereits Abonnentin oder Abonnent ist, kann sich hier  anmelden.

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Verliererin des Tages…

…die Illusion, dass es in der Politik so etwas wie Freundschaft geben könnte (obwohl in kaum einem anderen Milieu genau diese angebliche Freundschaft so oft beschworen wird). Wie schnell aus einer partnerschaftlichen, engen und fairen Zusammenarbeit eine soziale Eiszeit entstehen kann, beschreiben meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Politikressort in einer großen Geschichte über Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Minister Habeck, Baerbock: Einst das Traumpaar

Minister Habeck, Baerbock: Einst das Traumpaar

Foto: Clemens Bilan / EPA

Als Parteivorsitzende galten sie einst als Traumpaar, sie legten ihre Büros zusammen, hielten Parteitagsreden gemeinsam und posierten einträchtig vor der Kamera. Sie wirkten wie zwei, zwischen die kein Blatt zu passen schien.

Doch mit dem Amt kam die Rivalität. Heute herrscht ein ständiger Wettkampf um die stärkeren Bilder, den besseren Auftritt. Auch die Teams der Minister, so heißt es, würden jede Äußerung der Gegenseite eifersüchtig verfolgen. Man sollte den Begriff Freundschaft also keinesfalls inflationär verwenden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Strick mit Henkersknoten an Baustelle des Obama-Zentrums gefunden: Die Bauarbeiten sind vorerst unterbrochen: Am künftigen Präsidentenzentrum von Barack Obama wurde ein Strick mit Henkersknoten entdeckt. Auf den oder die Täter ist eine Belohnung ausgesetzt.

  • Aktienkurs von Insulinhersteller fällt nach Fake-Tweet: Kostet Anleger das Hickhack um die Twitter-Verifikation möglicherweise Millionen? Nach einem Fake-Tweet fällt der Aktienkurs des Pharmaunternehmens Eli Lilly.

  • Banksy bestätigt Werk auf zerstörtem Haus in der Ukraine: Ein Instagram-Post des Streetart-Künstlers Banksy gilt traditionell als Zeichen, dass ein Werk wirklich aus seiner Hand ist. Jetzt war er wohl in der verwüsteten Stadt Borodjanka und hat dort einen Gruß hinterlassen.

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Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Die Welt zu Gast bei Despoten: Die autokratischen Golfstaaten spielen eine Schlüsselrolle für die neue Weltordnung – und für Deutschlands Wirtschaft. Droht die nächste fatale Abhängigkeit, wenn man sich mit den Scheichs einlässt? Die SPIEGEL-Titelstory. 

  • Die Frau aus Stahl: Jahrelang wurde Saskia Esken belächelt. Es hieß, ihr Aufstieg an die Spitze der SPD sei das Ende der Partei. Nun ist sie eine der wichtigsten Stützen des Kanzlers. Über eine Wandlung. 

  • Wenn Weiße Haie auf Killerwale treffen: An der Küste Südafrikas greifen Orcas immer häufiger Weiße Haie an und reißen ihnen die Leber raus. Nun konnten Meeresbiologen erstmals einen solchen Kampf der Giganten beobachten – und ergründen, was es damit auf sich hat .

  • Vom »Fickt-euch-alle-Modus« zum Sternekoch: Der Berliner Sternekoch Max Strohe zählt zu den hippsten seiner Zunft. In seinem Buch erzählt er schonungslos von Alkohol- und Drogenexzessen – und wie ihn die Küche rettete .

Ich wünsche Ihnen ein ereignisreiches Wochenende!

Ihr Martin Knobbe

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