Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Warum Olaf Scholz sogar im Lotto gewinnen würde

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um das Umfragehoch der SPD, das Ende des Westens, wie wir ihn kannten, den Bahnstreik, einen Boxer, der Politiker werden will und die Revolution von 1848.

Lächeln, Lachen, verblüfft sein

Womöglich hat Olaf Scholz eine Glaskugel, mit der er in die Zukunft schauen kann. Im Herbst 2020 hat er mir erzählt, dass ihm die schlechten Umfragewerte keine Sorgen machen würden. Spätestens im August 2021 komme die Wende. Ich fürchte, dass ich mokant gelächelt habe.

Im März waren die Werte nicht besser. Olaf Scholz sagte, er sei unbesorgt. Spätestens im August komme die Wende. Ich fürchte, dass ich kurz gelacht habe.

Olaf Scholz

Olaf Scholz

Foto: Henning Schacht / POOL / EPA

In einer ersten Umfrage vom Wochenende liegen Union und SPD gleichauf. Schreibe ich ganz ohne Lächeln oder Lachen im August. Ich bin einfach nur verblüfft. Oder sollte mir das unheimlich sein? Mit dieser seherischen Kraft sollte Scholz mal Lotto spielen. Oder mir die Zahlen durchgeben.

Heute setzt Scholz seinen Wahlkampf in Heilbronn fort.

Abu Ghuraib, Guantanamo, Kabul

Die schrecklichen Bilder aus Kabul werden uns auch heute begleiten. Das »normative Projekt« des Westens (Heinrich August Winkler) ist mit dieser Katastrophe an einem toten Punkt angekommen. Normativ heißt erstens: sich an die eigenen Werte halten, Menschenrechte, Freiheit, Demokratie. Und zweitens: sich darum bemühen, diese Werte in aller Welt durchzusetzen.

Taliban-Einheit in Afghanistan

Taliban-Einheit in Afghanistan

Foto: STRINGER / EPA

Erstens: Seit den US-Foltergefängnissen Abu Ghuraib und Guantanamo hat alle Welt gesehen, dass die USA, die Führungsmacht des Westens, bereit ist, die eigenen Werte grob zu verletzen.

Zweitens: In Afghanistan zeigt der Westen in eklatanter Weise, dass er nicht die Kraft hat, seine Werte langfristig zu etablieren. Er ist sogar bereit, die Menschen, die an diese Werte geglaubt haben, im Stich zu lassen und den Taliban auszuliefern.

Abu Ghuraib, Guantanamo, Kabul – in diesem Dreieck hat der Westen seine Glaubwürdigkeit endgültig eingebüßt. China kann frohlocken, die Moral ist im Wettbewerb der Systeme kein starkes Argument mehr für die USA und ihre Verbündeten.

Die Bahnstreik-Resilienz

Display an einem Bahnhof (Symbolbild)

Display an einem Bahnhof (Symbolbild)

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Wer heute mit dem Zug reisen muss, tut mir aufrichtig leid. Denn der Bahnstreik wird fortgesetzt. Wer schwarzen Humor nicht scheut, könnte sich allerdings sagen: Corona hat immerhin einen Sinn, einen einzigen – uns auf Bahnstreiks vorzubereiten, auf Immobilität, Ortsgebundenheit. Wir kennen das schon, wir sind resilient, üben Geduld, wir sind in unserem Homeoffice für eine stillstehende Welt gerüstet.

Der Boxer

Manny Pacquiao hat den leichteren Teil seines Lebens vielleicht schon hinter sich. Er war Boxer, holte viele Weltmeistergürtel, musste aber auch eine Menge einstecken. Am Wochenende bestritt er seinen womöglich letzten Kampf. Er verlor, schlug sich jedoch achtbar für einen 42-Jährigen.

Pacquiao (l.)

Pacquiao (l.)

Foto: ETIENNE LAURENT / EPA

Von Pacquiao ist bekannt, dass er damit liebäugelt, Präsident der Philippinen zu werden. Als er gefragt wurde, ob er bei der Wahl wirklich antritt, sagte er: »Ich weiß es nicht, es ist eine sehr viel kompliziertere Arbeit als Boxen.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das auch so sehe. Wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, ob ich mit meinem boxenden Schwergewichtsfreund Takis in den Ring steigen oder mir mit Armin Laschet ein Fernsehduell liefern müsste, würde ich mich wohl knapp für Laschet entscheiden.

Gewinnerin des Tages…

Foto: Fabian Sommer / dpa

…ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Sie hat ein Gremium eingesetzt, dass aus der Frankfurter Paulskirche einen nationalen Erinnerungsort machen soll, meldet die »FAZ«. Vorsitzender wird der ehemalige Unionsfraktionschef Volker Kauder sein.

In der Paulskirche trat nach der Revolution von 1848 eine Nationalversammlung zusammen, um aus den vielen deutschen Königreichen, Fürstentümern und Städten einen demokratischen Gesamtstaat zu bilden. Zwar ist dieses Projekt an Uneinigkeit und Unentschlossenheit gescheitert, aber es war immerhin ein erster deutscher Großversuch in Demokratie.

Dieser hellere Teil der Geschichte sollte nicht ganz hinter der unbedingt notwendigen Erinnerung an die Übel des Nationalsozialismus verschwinden. Deshalb ist es gut, dass Grütters die Paulskirche aufwerten will.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht:

  • Drogenbeauftragte plädiert für Sechs-Gramm-Grenze bei Cannabis: Der Besitz von Cannabismengen bis zu sechs Gramm sollte künftig bundesweit keine Straftat mehr sein – dafür spricht sich die Bundesdrogenbeauftragte aus. Damit würden auch Polizei und Justiz entlastet.

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Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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