Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Das Scholz-Manöver

Guten Tag, die drei Fragezeichen heute drehen sich alle um die Kampfpanzer-Entscheidung:

Kampfpanzer I - Wie erklärt der Kanzler seine Entscheidung?
Kampfpanzer II - Wer liefert wann welches Modell?
Kampfpanzer III - Wie reagiert Kiew, wie Moskau?

1. Scholz-Mantra, Scholz-Methode

»Schönen Dank für die Frage.« Viele Antworten von Olaf Scholz beginnen heute im Bundestag immer gleich – ob es nun um Wohnungsbau, erneuerbare Energien oder Zuwanderung geht. Mit einer solchen automatisierten Routine, dass er sich einmal selbst korrigiert: »Schönen Dank für die Frage. Nein, nicht schönen Dank.« Da ist er von einem AfD-Abgeordneten gerade sinngemäß gefragt worden, ob der Herr Bundeskanzler auch finde, dass viele Ausländer in Deutschland nichts verloren hätten.

Bei der Fragestunde im Bundestag am Tag eins nach der Kampfpanzerwende – oder am Tag null, je nach Zählweise – klingt vieles schon wieder nach Alltag, nach business as usual, nach Klein-Klein. Dabei hat Scholz gerade erst die – nicht nur aus seiner Sicht – große Entscheidung begründet, Leopard-2-Panzer an die Ukraine zu liefern. Und er hat verteidigt, was viele – nicht nur Agnes Strack-Zimmermann von der FDP – als Zögerlichkeit kritisieren: »Es war richtig und es ist richtig, dass wir uns nicht haben treiben lassen«, so Scholz. Die Abstimmung mit internationalen Verbündeten sei wichtig gewesen.

Keine Alleingänge, enge Abstimmung, das ist das Scholz-Mantra seit Kriegsbeginn. Die Scholz-Methode ist mittlerweile ähnlich vorhersehbar: »Er erklärt seine Politik nicht im Voraus, nicht während des laufenden Prozesses«, sagt mein Kollege Christian Teevs  aus unserem Hauptstadtbüro. »Scholz kommuniziert nur Ergebnisse und erklärt seine Entscheidungen im Nachhinein.« Ob nun Zeitenwende, Doppelwumms oder Atomstreit – irgendwann wagt sich Scholz aus der Deckung. »Er demonstriert damit Entscheidungsmacht, in der öffentlichen Debatte wird dem Kanzler nach den Auftritten häufig Führungsstärke attestiert«, so Christian Teevs. Doch das Vorgehen berge Risiken: »In den langen Zwischenphasen wirkt er schwach und zögerlich.«

Herr Bundeskanzler, warum die immer gleiche Leier? Schönen Dank für die Frage!

2. Drei Bataillone, zwei aus Europa

Wer liefert wann welche Kampfpanzer an die Ukraine? Hier der schnelle Überblick:

  • Insgesamt wollen europäische Länder zwei Bataillone mit jeweils etwa 40 Leopard-Kampfpanzern so schnell wie möglich zur Verfügung stellen.

  • Die Deutschen beteiligen sich mit einer Kompanie von Leopard-2-A6-Panzern an einem Bataillon, zu dem auch Finnen, Spanier und Niederländer Panzer dieses Modells beisteuern sollen.

  • Ein zweites Bataillon aus Leopard-Panzern des Typs 2 A4 stellen Polen und Norweger zusammen.

  • Ein drittes Bataillon soll aus den USA mit 31 Kampfpanzern des Typs M1 Abrams kommen (mehr dazu hier.)

  • Die Bundesregierung geht wohl davon aus, dass sie bis Ende März liefern kann.

  • Die Ausbildung ukrainischer Soldaten an einem Bundeswehrstandort soll baldmöglichst beginnen und sechs bis acht Wochen dauern.

Lesen Sie hier mehr: Ukraine soll insgesamt 80 Kampfpanzer aus Europa erhalten 

3. Kiew dankt, Moskau droht

  • Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj twittert, er sei dem Kanzler und »all unseren Freunden in Deutschland aufrichtig dankbar«.

  • »Danke, Kanzler Olaf Scholz«, twittert auch Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki. Die Entscheidung sei »ein großer Schritt« dahin, die russische Invasion zu stoppen. »Gemeinsam sind wir stärker.«

  • Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärt, die Entscheidung könne der Ukraine in einem »kritischen Moment« des Krieges helfen, »sich zu verteidigen, zu gewinnen und als unabhängige Nation zu bestehen«.

  • Russlands Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, bezeichnete die Lieferung dagegen als »extrem gefährlich«. Sie werde »den Konflikt auf eine neue Ebene der Konfrontation führen«, so Netschajew bei Telegram. Der Westen befinde sich in einer Logik der »permanenten Eskalation«.

Zugegeben, alle Äußerungen sind nicht wahnsinnig überraschend. Aber die Perfidie Moskaus, sich einerseits als eigentliches Opfer zu präsentieren und andererseits unverhohlen zu drohen, ist jedes Mal wieder bemerkenswert. Als könne der arme Aggressor Russland gar nicht anders, als das Nachbarland mit Tod, Verderben und Zerstörung zu überziehen. Noch bemerkenswerter, dass es immer wieder Leute gibt, bei denen das verfängt.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Es zeigt sich ein Muster in Scholz’ Kanzlerschaft«: Erst langes Zaudern, jetzt plötzliches Handeln in der Panzerfrage – und wie geht es weiter mit der Unterstützung der Ukraine? SPIEGEL-Redakteur Veit Medick analysiert die jüngste Kehrtwende von Kanzler Olaf Scholz.

  • »Die ständigen Querschüsse haben mehr geschadet als genutzt«: Zögerte Kanzler Scholz zu lange mit der Entscheidung, Leopard-Panzer an die Ukraine zu liefern? SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich rüffelt Kritiker des Regierungschefs – und fordert »mehr Demut und Zurückhaltung«.

  • Bericht über Angriff in Makijiwka weckt Zweifel an bislang genannten Opferzahlen: Die Ukraine fügte russischen Truppen in Makijiwka schwere Verluste zu. Laut BBC starben dabei mehr Soldaten als von Moskau offiziell bestätigt. Doch auch Kiews Darstellung war demnach ungenau – und stark übertrieben.

  • Selenskyj: »Es geht nicht um fünf oder zehn oder 15 Panzer. Der Bedarf ist größer«: Der ukrainische Präsident reagiert zurückhaltend auf Berichte über Leopard-Lieferungen. Kommt bald die Forderung nach Kampfflugzeugen? Und: Moskau wirft den USA eine »eklatante Provokation« vor. Die jüngsten Entwicklungen.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Zwei Tote bei Messerangriff in Regionalzug zwischen Hamburg und Kiel: In einem Zug bei Brokstedt hat ein Mann Mitreisende angegriffen, es gab zwei Tote. Das sagte Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack. Weitere fünf Menschen wurden verletzt.

  • Erzbistum München will in brisantem Missbrauchsfall Schadensersatz leisten: Nach Köln stellt sich nun auch das Erzbistum München den gerichtlichen Schadensersatzforderungen eines Missbrauchsbetroffenen. Man wolle eine »angemessene Lösung« finden, heißt es. Experten erwarten eine Klagewelle.

  • Habeck erwartet Konjunkturaufhellung ab Frühjahr: Robert Habeck legt den Jahreswirtschaftsbericht vor – und scheint fast selbst überrascht von den glimpflichen Aussichten. Die Inflation geht demnach zurück, bleibt aber hoch.

  • Ja zu Quereinsteigern, Nein zu großen Klassen: Eltern von Schulkindern spüren den Lehrermangel. 62 Prozent der Befragten berichten von Unterrichtsausfall. Die meisten fürchten Auswirkungen auf den Lernerfolg – allerdings nicht unbedingt beim eigenen Kind.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Die Zinsen müssen noch weiter steigen«: Die Inflationsraten in Europa sinken wieder, doch Joachim Nagel traut der Entspannung nicht: Der Bundesbankpräsident fürchtet, dass es noch Jahre dauern wird, bis die Währungshüter die Teuerung im Griff haben .

  • Was Kindern hilft, wenn die Eltern psychisch krank sind: Annikas Mutter hatte eine bipolare Störung, der Vater Depressionen. Sie musste allein damit klarkommen, dass Mama nicht aufstehen konnte und Papa traurig war. Was hat ihr geholfen? 

  • »Jetzt, mit 21, weiß ich, was ich brauche. Ich will so oft wie möglich alleine sein«: Ein Sammelband, der sich mit dem Glück (und Unglück) des Alleinseins beschäftigt, ein schauriger Mordfall in Hamburg – und wie erklärt man eigentlich Jugendlichen den Holocaust? Diese sechs neuen Taschenbücher lohnen sich.

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Michael Tran / AFP

It-Baby: Die US-amerikanische Unternehmerin Paris Hilton, 41, und ihr Ehemann Carter Reum, ebenfalls 41, sind durch Leihmutterschaft Eltern geworden, wie das Magazin »People« berichtet. Die früher It-Girl genannte Geschäftsfrau überbrachte die frohe Kunde der Öffentlichkeit, indem sie bei Instagram ein Foto veröffentlichte von einer Hand, mutmaßlich ihrer eigenen, deren Daumen von den Fingern eines Babys umklammert wird. Dazu metapherte sie: »Unsere Herzen explodieren vor lauter Liebe für unseren kleinen Sohn.«

Mini-Hohlspiegel

Ksta.de über eine Tatverdächtige:

»Der Frau wird vorgeworfen, unter falschem Namen Werkzeuge geklaut zu haben.«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie auf Ihrem Dachboden oder in Ihrem Keller nach dem Karton suchen mit den »Die drei ???«-CDs. Oder den TKKG-Kassetten. Oder, falls Sie weniger retroromantisch veranlagt sein sollten, gucken Sie halt bei einem Streamingdienst danach. Es wäre die Gelegenheit, den Synchronsprecher Wolfgang Draeger noch einmal zu hören, der gestern gestorben ist. Bei TKKG sprach er den Kommissar Glockner, den Vater von Gaby, bei den »Drei ???« seit Ende der Achtzigerjahre den Kommissar Reynolds. (Hier mehr über Draegers Karriere.)

Natürlich gab Draeger auch zwei berühmten New Yorkern eine deutsche Stimme, nämlich Woody Allen und Bibo, dem großen Vogel aus der »Sesamstraße« . Aber wer hat davon schon Videokassetten oder DVDs auf dem Dachboden oder im Keller?

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.