Martin Knobbe

Die Lage am Morgen Werden wir jetzt Europameister?

Martin Knobbe
Von Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um den überraschenden Rückzug von DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff, die Kritik am Königsteiner Schlüssel und ernüchternde Erkenntnisse zum Black Friday.

Der Abgang

Oliver Bierhoff verlässt den Deutschen Fußball-Bund nach 18 Jahren. Die Neuigkeit gestern Abend war ein Wumms. Wird sie zum Doppelwumms?

Der Druck auf den DFB nach dem frühen WM-Ausscheiden einer mittelmäßigen Mannschaft muss groß gewesen sein, er ist es in Wahrheit ja schon seit der Schlappe von 2018.

Dass aber nun der aufhören muss, der relativ wenig mit Spieltaktik oder Spielereinsatz zu tun hat, ist sonderbar. Ist es nur der Anfang, wackelt auch die Trainerbank von Hansi Flick?

Künftig getrennt: Nationaltrainer Flick, DFB-Geschäftsführer Bierhoff

Künftig getrennt: Nationaltrainer Flick, DFB-Geschäftsführer Bierhoff

Foto: epa Karl Mathis/ picture-alliance/ dpa

Mein Kollege Peter Ahrens hat sich bereits vor vier Tagen gefragt , warum sich der Zorn über eine Niederlage so gerne beim Geschäftsführer entlädt. »Bierhoff ist so etwas wie der Prügelknabe beim Deutschen Fußball-Bund«, schrieb Peter. Er wies auf das schwierige Verhältnis von DFB-Chef Bernd Neuendorf zu seinem Geschäftsführer hin und auf Bierhoffs unglückliche Rolle im Trubel um das Tragen – oder besser Nichttragen – der »One Love«-Binde bei den Spielen in Katar. Reichte all das aus für diesen Rückzug?

Der DFB steht vor einer Zäsur und wie immer in solchen Fällen vor einer großen Chance. Die Zeit drängt, die EM im eigenen Land findet in eineinhalb Jahren statt. Gelingt eine gute Personalwahl, dann dürfen die Deutschen wieder träumen. Werden wir Europameister 2024?

Verhasster Schlüssel

Wenn die Bundesländer ein gemeinsames Projekt finanzieren wollen, dann errechnet sich der Beitrag eines jeweiligen Landes am Königsteiner Schlüssel. Die Sache ist eigentlich ganz einfach: Der Anteil richtet sich zu zwei Dritteln nach dem Steueraufkommen und zu einem Drittel nach der Bevölkerungszahl. Erfunden wurde diese Formel schon vor rund 70 Jahren, sie geht auf das Königsteiner Staatsabkommen von 1949 zurück, das in Königstein im Taunus unterzeichnet wurde.

Die Zauberformel wird längst nicht nur für eine gerechte Finanzierung angewandt, auch Geflüchtete, die nach Deutschland kommen, werden beispielsweise nach diesem Schlüssel in die Bundesländer verteilt.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Nonnemacher: Andere Verteilung gefordert

Brandenburgs Gesundheitsministerin Nonnemacher: Andere Verteilung gefordert

Foto: Soeren Stache/ dpa

Nun aber steht die Formel gleich mehrfach in der Kritik.

Zuerst meldete sich Peter Tschentscher von der SPD zu Wort. Der Erste Bürgermeister von Hamburg hält die Verteilung von Flüchtlingen nach dem Königsteiner Schlüssel für ungerecht. Hamburg habe zwar Wirtschafts- und Finanzkraft, »aber es fehlen uns Flächen und Gebäude«, sagte Tschentscher der Hamburger »Mopo«.

Nun gut, mag man denken: Wer Geld hat, könnte sich ja provisorische Gebäude bauen. Aber Tschentscher scheint es um etwas Grundsätzlicheres zu gehen.

So ähnlich wie Ursula Nonnemacher, Gesundheitsministerin der Grünen aus Brandenburg. Sie fordert, Geburtskliniken in dünn besiedelten Regionen stärker zu unterstützen. Dafür dürften die Mittel aber nicht wie geplant nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt werden, schrieb Nonnemacher in einem Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach von der SPD. Denn so würden dünn besiedelte Regionen deutlich weniger Geld bekommen, als eine für das Thema eingesetzte Regierungskommission ursprünglich empfohlen hatte.

Der Königsteiner Schlüssel unter Existenzdruck, das dürfte einmalig sein in der deutschen Geschichte. Was aber wäre die Alternative? Ein Berliner Schlüssel? Die Länder zahlen nichts, der Bund alles?

Die besagte Regierungskommission jedenfalls stellt heute zusammen mit dem Bundesgesundheitsminister ihre Reformvorschläge zur Krankenhausversorgung vor.

Womöglich spielt auch der ungeliebte Schlüssel eine Rolle.

Ein Tag in Tirana

Seit fast zehn Jahren treffen sich die Staaten der EU, die EU-Kommission und die sechs Länder des Westbalkans regelmäßig zu einem Austausch, dennoch gibt es heute eine Premiere: Das Treffen findet erstmals in einer Hauptstadt der sechs Länder statt, diesmal in Tirana.

Schauplatz des Westbalkangipfels: Albanische Hauptstadt Tirana

Schauplatz des Westbalkangipfels: Albanische Hauptstadt Tirana

Foto: LUDOVIC MARIN / AFP

Die Tagesordnung dürfte dicht gedrängt sein: Es geht um eine weitere Annäherung der sechs Länder an die EU, die vor allem Russlands Angriff auf die Ukraine beschleunigt haben. Kanzler Olaf Scholz hat sich zuletzt erstaunlich vehement für einen baldigen EU-Beitritt von Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Serbien, dem Kosovo und Bosnien-Herzegowina ausgesprochen, gerade aus Gerechtigkeitsgründen. Während vor allem eine EU-Perspektive der Ukraine öffentlich debattiert werde, warteten die Westbalkanländer teilweise seit Jahrzehnten auf den nächsten großen Schritt.

Die EU-Kommission hingegen will noch ein anderes Thema ansprechen: Sie will die Westbalkanländer auffordern, unerlaubte Migration einzudämmen. In diesem Jahr wurden auf Balkanrouten 130.000 rechtswidrige Grenzübertritte registriert.

Es dürfte zu kontroversen Debatten kommen in Tirana.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Die jüngsten Entwicklungen: Bei mindestens einem der Drohnenangriffe auf russische Militärbasen sollen ukrainische Spezialeinheiten weit hinter der Grenze operiert haben. Russland antwortet mit heftigem Beschuss. Der Überblick.

  • Mehrheit der Deutschen will die Ukraine unterstützen – aber nicht um jeden Preis: Eine neue Studie zeigt: In Europa sinkt die Bereitschaft, die Ukraine zu unterstützen und Geflüchtete aus dem kriegsgeplagten Land aufzunehmen. Auch in Deutschland.

  • »Wenigstens werden wir gemeinsam sterben«: Seit die Ukraine die Stadt Cherson zurückerobert hat, bildet der Dnjepr die Grenze zu russisch besetzten Gebieten. Am Ufer warten Menschen auf Angehörige, die auf der anderen Seite festsitzen. Das Video.

  • Gandhi, Klima, Fachkräfte – und immer wieder Russland: Außenministerin Baerbock besucht Indien. Deutschland will die Beziehung zur größten Demokratie der Welt stärken – und hadert zugleich mit ihrer Nähe zu Russland. 

Schwarze Illusion

Früher hieß es Schlussverkauf, heute Black Friday. In den USA ist der »Schwarze Freitag« traditionell der Tag nach Thanksgiving, mit dem das Weihnachtsshopping eingeläutet wird. Rabatte locken allerorten.

Massive Werbung für den Black Friday

Massive Werbung für den Black Friday

Foto: PHIL NOBLE / REUTERS

Nun ist es ohnehin ein wenig albern, diesen Tag zu adaptieren, während das gemeinsame Truthahnessen hierzulande kaum zelebriert wird. Ein noch gewichtigeres Argument aber ist: Man spart beim Black Friday häufig kein Geld, man muss zum Teil sogar draufzahlen, das ganze Brimborium ist reine Illusion.

Das ist im Kern das Ergebnis einer aufwendigen Datenanalyse meiner Kollegen Holger Dambeck und Simon Uhl. Die beiden haben Preisverläufe von 1000 Produkten des Vergleichsportals billiger.de ausgewertet.

Demnach sparten Kunden am Schnäppchentag im Mittel gerade mal zwei Prozent, verglichen mit den Durchschnittspreisen im Oktober. Häufig mussten Käufer sogar draufzahlen: 364 der 1000 Produkte waren am Black Friday teurer als im Vormonat, 586 günstiger. Vielleicht sollte man diesen Tag in Zukunft besser nutzen – zum Beispiel mit einem Truthahnessen bei Freunden.

SPIEGEL-Veranstaltung: »Die NS-Zeit in meiner Familie«

Deep Dive heißt eine Veranstaltung, die wir eigentlich exklusiv für unsere Abonnentinnen und Abonnenten organisieren. Mit etwas Glück können Sie auch dabei sein.

In Geschichtsbüchern und Medien ist die Nazizeit allgegenwärtig – doch wie haben sich eigentlich die eigenen Verwandten zur Herrschaft Hitlers gestellt? Waren sie Gegner, Opfer, Mitläufer, Täter? Viele wollen sich auf die Suche machen, um herauszufinden, was die eigenen, oft schon verstorbenen Vorfahren wirklich für oder gegen das Regime unternommen haben – sie wissen nur oft nicht wie.

Der Historiker Dr. Oliver von Wrochem kann dazu Auskunft geben, er ist Vorstand der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, zu der unter anderem die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gehört.

Bei SPIEGEL Deep Dive wird er mit Eva-Maria Schnurr, Ressortleiterin Geschichte, darüber sprechen, wie man solche Recherchen angehen kann, warum die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte so wichtig ist und wie man mit ihr konstruktiv umgehen kann.

Weitere Infos zur Veranstaltung »Die NS-Zeit in meiner Familie: Wie ich herausfinde, ob unter meinen Vorfahren Täterinnen oder Täter waren« finden Sie hier.

Unter den Leserinnen und Lesern der Morgenlage verlosen wir zehn freie Zugänge. Interessenten schreiben an: info@events.spiegel.de, Betreff: SPIEGEL Backstage Verlosung. Einsendeschluss Mittwoch, 7. Dezember um zehn Uhr.

Wer bereits Abonnentin oder Abonnent ist, kann sich hier  direkt anmelden.

Fragen an die Referenten können vorab hier  gestellt werden.

Hier geht's zum aktuellen Tagesquiz

Gewinner des Tages …

… sind heute ausnahmsweise mal eine Kollegin und zwei Kollegen: Alexandra Rojkov, Matthias Gebauer und Konstantin von Hammerstein haben gestern Abend den Deutschen Reporterpreis in den Kategorien Investigation und Beste Reportage bekommen. Gebauer und Hammerstein für ihre krimigleiche Rekonstruktion des überstürzten Abzugs der Bundeswehr aus Afghanistan; Rojkov für ihre Reportage über den 17-jährigen Kolja, der bei der Bombardierung von Mariupol als Einziger seiner Familie überlebte.

Man mag solche Verleihungen für eitle Nabelschau halten (was sie in Teilen auch sind), ich finde solche Preise dennoch gut und wichtig. Ermuntern sie uns doch immer wieder, das anzustreben, was unseren Beruf ausmacht: In die Tiefen einer Recherche einzutauchen, mutig und unbequem zu sein, Probleme anschaulich zu erklären, Missstände aufzudecken, Menschen mit ihren Anliegen zu Wort kommen zu lassen und nicht zuletzt: spannend zu erzählen und zu unterhalten.

Herzlichen Glückwunsch Alexandra, Matthias und Konstantin!

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Indonesien verbietet außerehelichen Sex – bis zu ein Jahr Haft: Trotz massiver Proteste hat das Parlament in Indonesien ein neues Gesetz abgesegnet: Demnach ist Sex außerhalb der Ehe untersagt, es droht eine Haftstrafe. Zudem dürfen unverheiratete Paare nicht mehr zusammenleben.

  • Facebook-Mutterkonzern Meta droht bei neuem US-Mediengesetz mit Nachrichtenboykott: In den USA soll bald ein neues Gesetz gelten, das vor allem Lokalzeitungen schützt. Facebook allerdings fühlt sich benachteiligt – und bringt radikale Maßnahmen ins Spiel.

  • Kirstie Alley ist tot: Mit der Sitcom »Cheers« wurde die US-Schauspielerin berühmt, im Kino war sie an der Seite von John Travolta zu sehen. Später machte sie vor allem mit ihrem Gewicht Schlagzeilen. Nun ist Alley im Alter von 71 Jahren gestorben.

Podcast Cover

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Im Wasserstoffwunderland: Auf seiner Reise nach Namibia will Wirtschaftsminister Robert Habeck ein Projekt zur Gewinnung erneuerbarer Energie voranbringen. Doch die unrühmliche Geschichte deutscher Kolonialherren verfolgt ihn. 

  • Oben die Ärztin, unten die deutsche Politik: Viele Jahre setzt sich die Gießener Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel für die Abschaffung des Paragrafen 219a ein. Sie erreicht ihr Ziel. Und nun? 

  • Und schon wieder fällt die Schule aus: Der Staat hat Millionen ausgegeben, um die Schulen zu digitalisieren. Trotzdem klappt es nicht mit dem Onlineunterricht. Dabei bräuchten wir ihn gerade jetzt, da Tausende Kinder zu Hause bleiben müssen. 

  • Warum es in Kentucky Fleisch vom Himmel regnete: Es sah aus wie Rind – aber was da 1876 wirklich über einer Farm in Kentucky niederging, gab Fachleuten jahrzehntelang Rätsel auf. Ihre Lösung ist unappetitlich. 

Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Dienstag!

Ihr Martin Knobbe

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