Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


heute wird in Hofgeismar, einem kleinen Ort bei Kassel, eine Schatztruhe geöffnet: Steuer- und Kriminalbeamte ziehen eine erste Bilanz der "Panama Papers", des Datenkonvoluts über rechtlich fragwürdige bis illegale Offshore-Steuersparmodelle. Die Task Force aus Finanzbeamten, Steuerfahndern, Staatsanwälten und BKA-Beamten werten die Akten mit einer speziellen Software zentral aus und leiten ihre Erkenntnisse weiter an die zuständigen Bundesländer.

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Heft 17/2019
Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen

Die "Panama Papers", über die in Deutschland 2016 die Kollegen der "Süddeutschen Zeitung" als Erste berichteten - bei allem professionellen Neid sei unseren Wettbewerbern dieser Erfolg gegönnt - stehen für ein gewaltiges Datenleck aus einer Anwaltskanzlei: 3,7 Terabyte, fast 49 Millionen Dokumente, von kurzen Mails bis zu Dateien über Hunderte Seiten.

Ausländische Banken helfen gerne

Insider haben sich nach den ersten Auswertungen ernüchtert über das Treiben der Steueroasen gezeigt. Auch in Ländern, die sich öffentlich der Bekämpfung von Geldwäsche und Steuerhinterziehung verpflichtet hätten, sei es problemlos möglich, anonym oder über Strohleute Firmen zu gründen und Geld ohne Prüfung der Herkunft auf Konten zu lagern. Dabei seien ausländische Banken nach wie vor gerne behilflich. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) betont trotzdem unermüdlich, dass "wir versuchen, Kriminellen bis in den letzten Winkel nachzusteigen".

Steuerfahnder (Symbolbild)
DPA

Steuerfahnder (Symbolbild)

Genauso wie wir Journalisten den Politikern dieser Tage in die letzten Winkel nachsteigen. Es sind harte Zeiten für uns, vor allem in der Hauptstadt: Nichts ist los. Niemand ist erreichbar. Alle sind verreist. Mein treuer Begleiter, die dpa-Themenvorschau, listet vermutlich aus Verzweiflung eine Latte von Terminen auf, die man an meiner alten Wirkungsstätte, dem Bonner "General-Anzeiger", vielleicht eher in der Kategorie "Regionales" (Geburtstagsempfang für Gerhard Schröders 75. Geburtstag im Rathaus von Hannover) oder "Mäßig Interessantes" geführt hätte ("Sondersitzung des Verwaltungsrats des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherungen zu aktuellen Gesetzesplänen").

Komisch wie eine weißrussische Büttenrede

Aus diesem Grund, und auch um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, erfolgt hier noch der Hinweis, dass in der gestrigen Aufzählung der Polit-Komiker ein "hidden champion" aus der Provinz fehlte: Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen. Seinen jüngsten Streich, so komisch wie eine Büttenrede des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko, mögen interessierte "Lage"-Leser bitte im Fachmedium Twitter nachschlagen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks traf Trump den Twitter-Gründer um sich über die Diskussionskultur auf Twitter zu unterhalten...

Aber es gibt noch Lichtblicke: Ein prominenter CDU-Politiker hat sich bereit erklärt, extra für ein SPIEGEL-Interview heute aus seiner Heimatstadt nach Berlin zu fahren. Vorerst soll seine Identität hier geheim bleiben, aber möge er sich auf seiner Reise von Lorbeer bekränzt und von Nachtigallen besungen fühlen für das Entgegenkommen.

Boeing stemmt sich gegen den Absturz

Boeing-Fabrik in Renton
Lindsey Wasson / Reuters

Boeing-Fabrik in Renton

Spannender ist der Blick ins Ausland, zum Beispiel nach Chicago, wo heute der Flugzeugbauer Boeing Quartalszahlen vorlegt. Dieser Termin ist tatsächlich auch politisch, denn es sind die ersten Zahlen von Boeing seit dem verheerenden Flugzeugabsturz in Äthiopien. Seither mussten 400 Maschinen des Typs 737 Max am Boden bleiben, forderten die Airlines und die Aktionäre Schadensersatz, musste Boeing-Chef Dennis Muilenburg viel Kritik für sein schlechtes Krisenmanagement anhören. Unser USA-Korrespondent Marc Pitzke wird sich die Telefonkonferenz mit Muilenburg anhören und dann berichten.

Außerdem wird mein Kollege Florian Diekmann aus dem SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort Ihnen heute verraten, "wo in Deutschland die Gutverdiener wohnen - und wo die armen Schlucker". Diekmann hat eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ausgewertet, in der die durchschnittlichen Einkommen aller gut 400 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands aufgelistet werden. München liegt wenig überraschend ganz vorne, Berlin erstaunlicherweise nicht ganz hinten. Ich werde mir meine Heimatregion, den Rhein-Sieg-Kreis, genau ansehen.

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In Hongkong wird heute ein Gericht die Strafen für neun Anführer der sogenannten Regenschirm-Proteste von 2014 verkünden. Die Bewegung hatte 2014 für mehr demokratische Rechte protestiert, nachdem der nationale Volkskongress von China beschlossen hatte, die Kandidaten für Wahlen in Hongkong künftig vorab zu kontrollieren. Schuldig wurden die neun Angeklagten, darunter Abgeordnete, Akademiker und Studenten, schon gesprochen. Wegen Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung drohen ihnen Freiheitsstrafen bis zu sieben Jahren. Es war eine sehr höfliche Verschwörung, nicht vergleichbar mit etwa den gewaltsamen Ausschreitungen der Gelbwesten in Frankreich - die Protestler sammelten sogar ihren Müll selbst auf. Juristisch mögen die Angeklagten verloren haben. Aber eben auch nur in dieser Hinsicht.

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lalito 24.04.2019
1. Guten Morgen!
Von Tannenbusch an die Spree, ein logischer Schritt, fehlt wohl lediglich die Dreispurige nach Köln und die unaufgeregte Beschaulichkeit. Der GA war und ist wohl ein gutes Sprungbrett in die Welt hinaus. Hatte eine schöne Zeit dort, von der Akzidenz bis zur Rota, alles da - Rasterpunkte holen, gleich durchschaut . . . ;-)) Und ja, im Osterloch hält man sich mit Wichtigem zurück und bereitet sich auf die Themen für's Sommerloch vor. Schon ein erstaunlicher Rhythmus angesichts von 24/7 im Netz. Denke, ohne solch christlich basierter Auszeiten wären die Ausfälle durch Burnout noch eklatanter, wie in einem anderen Artikel hier beschrieben. Eustress und Distress kann in einer Unausgewogenheit nicht dauerhaft ohne Schaden gelebt werden. Da ist der Rückzug auf das Regionale, vermeintlich eher Unwichtige, Kleine, Beschauliche doch konsequent. Und es schärft den Blick, da die großen Zusammnhänge doch so oft nur die Schatten der unendlich vielen kleinen, sich rund um die Welt sehr ähnelnden sind. Allen einen schönen Tag gewünscht.
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