Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend »Operation London Bridge« – ist eine Welt ohne die Queen denkbar?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Sorge um die Queen – Wie steht es um Elizabeth II.?

  2. Zinserhöhung der EZB – Wie leih-weise sind die Währungshüter?

  3. Neues Infektionsschutzgesetz – Ringtausch bei Coronaregeln?

1. Sorge um die Queen

Natürlich gibt es einen Plan für den Fall, dass die Queen stirbt, das ist schon lange kein Geheimnis mehr: Über die Jahre drangen immer neue Details zur »Operation London Bridge« an die Öffentlichkeit. Vorgesehen ist den Berichten zufolge etwa, dass die Premierministerin über eine abhörsichere Leitung informiert wird mit dem Satz: »London Bridge is down.« (Das Codewort für den Tod von George VI., den Vater der Queen, vor 70 Jahren lautete »Hyde Park Corner«, es wurde laut »Guardian«  verwendet, damit die Telefonistinnen im Palast nichts ausplaudern können.)

Jetzt wächst die Sorge, dass die »Operation London Bridge« bald anlaufen muss. Das Königshaus teilte heute mit, die Ärzte von Elizabeth II. seien besorgt über den Gesundheitszustand der 96-Jährigen. Sie hätten empfohlen, dass sie unter ärztlicher Aufsicht bleibe. Ihre Familie versammelt sich auf Schloss Balmoral in Schottland, wo sich die Queen seit Wochen aufhält. Tochter Prinzessin Anne ist bereits angekommen, ebenso Thronfolger Prinz Charles und seine Gattin Camilla, berichtete die BBC. Auch die anderen Söhne der Queen, Andrew und Edward, seien mit ihren Familien unterwegs zu dem Landsitz, hieß es. Ihre Enkel Prinz William und Harry, Duke of Sussex, machten sich auf den Weg. Ob auch Harrys Frau, Herzogin Meghan, mitkommt, darüber gab es widersprüchliche Berichte.

»Wenn das Leben der Queen tatsächlich auf Balmoral zu Ende ginge, dann wäre das ein schöner Schlusspunkt«, sagt meine Kollegin Patricia Dreyer, die sich wie kaum jemand mit den Royals auskennt. »Dort war sie immer am glücklichsten, weil sie dort leben durfte wie eine ganz normale Frau, zumindest wenn gerade kein Premierminister zur Audienz vorbeikam. Auf Balmoral ging sie auf die Jagd, fuhr mit den Hunden im Jeep durch die Landschaft, machte Picknicks mit der Familie; sie verpackte den Salat in die Tupperdosen, und ihr geliebter Philip stand am Grill und wendete die Würstchen auf dem Rost.«

Erst am Mittwoch hatte die Queen ihre Teilnahme an einer virtuellen Sitzung ihres Geheimrats, dem Privy Council, absagen müssen. Tags zuvor hatte sie zuerst Boris Johnson empfangen, der sein Rücktrittsgesuch einreichte, und gleich darauf Liz Truss, um sie zur neuen Premierministerin zu ernennen.

Meine Kollegin Anja Rützel, die eigentlich gerade für ein Gary-Barlow-Konzert in London ist, berichtet, die BBC-Moderatoren seien schon angewiesen, schwarze Anzüge anzuziehen. »Einige scheinen sich Mühe geben zu müssen, nicht schon jetzt in der Vergangenheitsform über die Queen zu sprechen.«

2. Die Leih-Weisheiten der Währungshüter

Erinnern Sie sich an die Geldsäckchen mit dem furchtbaren Namen »Starterkit«? 10,23 Euro in 20 Münzen gab es damals für 20 Mark (der Staat verschenkte mit jedem Paket rechnerisch einen Pfennig), um uns Geldausgeber an die neue Währung zu gewöhnen: an den Euro, der schon bald den Spottnamen »Teuro« verpasst bekam. Seit damals, seit der Einführung des Eurobargeldes, hat es keinen so großen Zinsschritt mehr gegeben wie heute: Die Europäische Zentralbank erhöht den Leitzins um einen Dreiviertel-Prozentpunkt auf 1,25 Prozent – und stemmt sich damit gegen die Rekordinflation.

Meinen Kollegen Tim Bartz in Frankfurt am Main habe ich gefragt, was das in drei knackigen Sätzen heißt. Seine Antwort: »Die EZB will, vereinfacht gesagt, Bankkredite verteuern und Investitionen drosseln, auf dass die Verbraucher weniger konsumieren und die Preise wieder sinken. Bloß: Die Energiepreise werden wegen Russlands Krieg munter weiter steigen, da kann die EZB machen, was sie will. Die Menschen sollten also nicht darauf hoffen, dass sich die Inflation rasch verflüchtigt, Zinsschritte wirken immer nur verzögert. Der heftige Schritt zeigt aber, dass die EZB sehr spät dran ist, die Inflation zu bekämpfen. Weitere Zinserhöhungen dürften folgen – und die europäischen Finanzmärkte nach einem Wahlerfolg der Rechtspopulisten in Italien noch stärker unter Stress stehen als jetzt schon. Kurzum: Die Lage der EZB ist verfahren, und so bald wird sich daran nichts ändern.«

Das sind vermutlich mehr als drei Sätze, jedenfalls in Mark gerechnet. Danke trotzdem, Tim.

3. Corona-Ringtausch

Der Bundestag hat neue Coronaregeln für den Herbst beschlossen. Es wirkt, als habe die Ampel beim Infektionsschutzgesetz wieder aufs Prinzip Ringtausch gesetzt: Die FDP will das eine, dafür bekommt Karl Lauterbach das andere. So fällt im Flugzeug die Maskenpflicht – in Zügen, Pflegeeinrichtungen und Praxen bleibt sie bestehen. Im Nahverkehr kann jedes Bundesland machen, was es will. An Schulen und Kitas sollen Tests vorgeschrieben werden können. Möglich wird auch dort die Maskenpflicht – aber erst ab der fünften Klasse. (Hier mehr.)

Die Psychologin Cornelia Betsch erfasst regelmäßig, wie es den Deutschen mit Corona ergeht. Meine Kollegin Julia Koch aus unserem Wissenschaftsressort hat mit ihr gesprochen. In dem Interview sagt die Expertin: »Mit schlechter Kommunikation kann man viele Menschen verlieren.« Die Krisenkommunikation müsse endlich einfacher, zielgenauer und positiver werden. (Hier das ganze Interview .)

Bis dahin: Im Zweifel lieber Maske tragen. Warum das oft sinnvoll ist, auch wenn man es nicht muss, erklärt meine Kollegin Katherine Rydlink hier.

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Podcast Cover
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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Die Ukrainer wissen sehr genau, wo sie hinfeuern müssen«: Was braucht Kiew jetzt für die Schlachten im Süden? Hier erklärt Forscherin Claudia Major, auf welche Waffen es ankommt – und welche Rolle MacGyver-Bastellösungen dabei spielen .

  • Was der Ringtausch gebracht hat – und wo er scheitert: Zähe Verhandlungen, unzufriedene Partner: Das deutsche Ringtausch-Modell galt schnell als Flop. Inzwischen hat sich die Bilanz verbessert – zumindest in Teilen. Der Überblick .

  • US-Außenminister Blinken verspricht Milliardenhilfen: Bereits zum zweiten Mal ist US-Außenminister Blinken in die Ukraine gereist. Dort besuchte er Regierungsvertreter, ein Krankenhaus – und sagte weitere finanzielle Hilfen für die Region zu.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

  • »Der Sound der Selbstkritiklosigkeit«: Ein angriffslustiger Wirtschaftsminister, eine wütende Opposition und ein heftiger Schlagabtausch mit der Linkspartei: Der Bundestag hat die Politik von Robert Habeck debattiert. Die Szenen im Video.

  • Sprit ist in Bayern am teuersten und in Berlin am günstigsten: Benzin und Diesel kosten nach dem Ende des Tankrabatts wieder deutlich mehr – doch nicht überall gleich viel: Das regionale Preisgefälle ist groß. Manchmal liegen zwischen sehr teuer und sehr billig nur hundert Kilometer.

  • Truss friert Energiepreise für zwei Jahre ein: Die neue britische Premierministerin startet mit einer drastischen Maßnahme zur Eindämmung der Energiepreise: Strom- und Heizkosten für Privathaushalte werden für zwei Jahre festgeschrieben. Die Maßnahme soll etwa 150 Milliarden Pfund kosten.

  • Angela Merkel will 2024 politische Memoiren veröffentlichen: Nun wird es persönlich: Angela Merkel will in ihren Memoiren Einblicke in ihr Leben gewähren. Der Verlag verspricht »exklusive« Geschichten der Altkanzlerin, auch jenseits ihrer politischen Laufbahn.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Zufallsgewinne abschöpfen? Gar nicht so einfach: Kohlemeiler und Windparks verdienen am teuren Strom, obwohl ihre Kosten kaum gestiegen sind. Deutschland und die EU wollen nun ran an diese Profite – und damit Kunden entlasten. Doch dabei gibt es drei große Probleme .

  • Sieben Regeln fürs Bergwandern: Sie wollen zum ersten Mal in den Bergen wandern gehen? Unser Kolumnist hat viel Erfahrung gesammelt und mit Bergführern und anderen Experten gesprochen. Hier kommen die wichtigsten Tipps .

  • Party im Rathaus: Udo Lindenberg ist Hamburger Ehrenbürger, erst der zweite Musiker nach Johannes Brahms. Der Festakt verwandelte das ehrwürdige Rathaus für eine Nacht in eine Traumfabrik – die Party brachte dann Jan Delay .

  • Das unbezahlbare WG-Zimmer: Binnen einem Jahr sind die Warmmieten für ein WG-Zimmer in Deutschland im Schnitt mehr als elf Prozent gestiegen. Studierende fluchen, jobben und verzweifeln .

Was heute weniger wichtig ist

Mit den Zweien sieht man besser: George Clooney, 61, und Julia Roberts, 54, haben sich vor der Premiere des Films »Ticket ins Paradies« gemeinsam in London gezeigt. In der Romcom spielen sie geschiedene Eltern, die sich zusammentun, um die Hochzeit ihrer Tochter auf Bali zu verhindern. Über die Dreharbeiten sagte der Schauspieler: »Wir haben es genossen, schnippisch miteinander umzugehen. Das fanden wir lustig.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Er hatte 2016 wegen der hohen Anzahl von ›nicht echten‹ Konten eine Übernehme abgesagt.«

Cartoon des Tages: Geschlossen

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie den Roman von Nils Minkmar anfangen zu lesen, der gestern erschienen ist (Glückwunsch!). Er heißt »Montaignes Katze«; in der Verlagsmitteilung steht über den Inhalt: »In einer Winternacht des Jahres 1584 reitet ein geheimnisvoller Besucher zum Schloss von Michel de Montaigne, der gerade mit Frau und Tochter Karten spielt. Montaigne, Diplomat, Philosoph und Menschenkenner, wird gemeinsam mit seiner klugen Frau Françoise nach Paris gerufen, in die vor Unruhen gärende Stadt, die sich auf keinen König einigen will.«

Erwarten Sie jetzt bitte keine Buchbesprechung, ich habe »Montaignes Katze« noch nicht gelesen, empfehle es aber trotzdem. Denn Nils gehört zu den Kollegen, dessen Texte zu lesen sich immer lohnt – ob es sich um seinen Newsletter  handelt, seine Texte für die »SZ« oder eben seine Bücher.

Ich habe kurz nach Montaigne-Zitaten gegoogelt. Schönster und schnellster Treffer: »Wie mein Geist mäandert, so auch mein Stil.«

Miau revoir, bis morgen. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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