Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,

Angela Merkel hat die Eigenschaft, Revolutionen zu kommentieren, als sei ein Glas Wasser umgekippt. Ralph Brinkhaus heißt der neue Chef der Unionsfraktion, er setzte sich gegen Volker Kauder durch, der Merkel 13 Jahre lang treu gedient hatte. Die Wahl von Brinkhaus ist mehr als nur ein Stottern in Merkels Machtmaschine; die Fraktion hat sich in einer der wichtigsten Fragen, die sie zu entscheiden hat, gegen die Kanzlerin gewandt.

"Das ist eine Stunde der Demokratie. Da gibt es auch Niederlagen", sagte Merkel danach in ihrer lakonischen Art. Aber lässt sich die Sache damit aus der Welt schaffen? Merkel, die so oft das richtige Gespür für politische Stimmungen hatte, unterschätzte den Ärger über Kauder und versäumte es, rechtzeitig einen Kandidaten vorzuschlagen, der nicht im Verdacht steht, ein Diener der Regierungszentrale zu sein. So wurde die Abwahl Kauders auch ein Misstrauensvotum gegen sie. Die Fraktion, das wurde gestern klar, ist nicht mehr bereit, der Kanzlerin zu folgen.

Die CDU muss ohne Merkel laufen lernen

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Was folgt daraus? Merkel könnte im Bundestag die Vertrauensfrage stellen, um wenigstens einen Teil ihrer Autorität wiederherzustellen. Doch selbst ein Votum für die Kanzlerin wäre nicht mehr als eine Momentaufnahme - und würde nur beweisen, dass Union und SPD aus Furcht vor der AfD Neuwahlen scheuen. Die CDU muss deshalb ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Im Dezember ist Parteitag in Hamburg, dort wird eine neue Führung gewählt. Derzeit gibt es etliche, die sich zutrauen, Merkel nachzufolgen, auch wenn es niemand offen sagt: Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer, Gesundheitsminister Spahn, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet, Wirtschaftsminister Altmaier. Sie sollten sich in Hamburg ein Herz fassen und gegen Merkel kandidieren.

Die CDU-Chefin ist seit 18 Jahren im Amt, sie hat ganz offenkundig den richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied versäumt. "Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlachtross den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen", schrieb Angela Merkel im Dezember 1999 in der "FAZ". Gemeint war damals Helmut Kohl. Fünf Monate später griff Merkel nach dem Parteivorsitz. Nun muss die CDU ihren Weg ohne Merkel gehen. Der erste Schritt ist getan.

Ferien für immer

Wer das ganze Drama der SPD abschreiten will, kann sich heute Abend das Fernsehduell zur bayerischen Landtagswahl anschauen. Es wird bestritten von Ministerpräsident Markus Söder und dem Grünen-Spitzenkandidat Ludwig Hartmann. Die Bayern-SPD hat in den vergangenen Tagen ihre Bedeutungslosigkeit durch Lautstärke in der Affäre Maaßen wettzumachen versucht; aber Zahlen sind erbarmungslos, und in allen Umfragen liegen die Grünen weit vor der SPD. In Berlin träumen derzeit viele Genossen von der Opposition, in der man sich angeblich regenerieren kann. Ein Blick nach Bayern zeigt, wie wacklig die Theorie ist. Dort erholt sich die SPD seit 1958 in der Opposition.

Der doppelt betrogene Autofahrer

Foto: Fabian Bimmer/ REUTERS

Für alle Dieselfahrer sind es gerade aufregende Zeiten: Jede Schwankung in den Umfragewerten kann sich ganz unmittelbar auf ihren Kontostand auswirken. Lange hat die Regierung Hardware-Nachrüstungen von alten Stinkern abgelehnt. Dann aber verhängte das Verwaltungsgericht Wiesbaden ein Fahrverbot für Frankfurt, es soll vom kommenden Jahr an gelten. Davor aber ist noch Landtagswahl in Hessen, die den Bürgern die Gelegenheit bietet, ihren Unmut über eine CDU kundzutun, die sich bisher immer als Schutzmacht der Autoindustrie verstanden hat.

Gestern nun wurde ein Plan der Bundesregierung bekannt, wonach in alte Diesel nun doch Katalysatoren eingebaut werden sollen. Die Kosten trügen die Autofirmen, allerdings nur zu 80 Prozent. Warum die Industrie nicht voll für den Schaden bezahlen soll, den ihre Betrügereien angerichtet haben, ist das Geheimnis der Kanzlerin. Die Umfragewerte der CDU müssen wohl noch weiter sinken, um sie zur Besinnung zu bringen.

Verliererin des Tages...

Foto: PAUL GROVER/ AFP

... ist Theresa May. In der vergangenen Woche scheiterte die britische Premierministerin damit, ihren Brexit-Plan den übrigen EU-Staats- und Regierungschefs schmackhaft zu machen - was kein Wunder ist, denn nicht einmal ihre eigene Partei ist davon überzeugt. Nun hat auch die Opposition im britischen Unterhaus angekündigt, May bei ihren Plänen nicht zu unterstützen. Die Labour-Party votierte auf ihrem Parteitag mit großer Mehrheit für die Option eines zweiten Brexit-Referendums. Vielleicht gibt es doch noch den Exit aus dem Brexit.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr René Pfister