Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

es wird jetzt unmenschlich, es wird hässlich. Es geht um einen Begriff aus der Technik: Ventil. Ein Ventil regelt Strömungen, von Flüssigkeiten oder Gasen. Je weiter man es öffnet, desto mehr strömt hindurch, und umgekehrt. Leider hat es den Anschein, als fühle sich der türkische Präsident Erdogan als Herr über ein Ventil, mit dem er den Strom von Menschen steuert. Millionen Syrer sind in seinem Land, viele wollen weiter nach Europa. Manchmal schaffen es wenige über die Ägäis, manchmal viele. Und man wird den Eindruck nicht los, als werde das politisch geregelt, um mehr oder weniger Druck auf die EU auszuüben.

Im Moment fliehen wieder viele Menschen über die Ägäis auf die griechischen Inseln. Bundesinnenminister Horst Seehofer ist seit gestern in Ankara, um dieses Thema zu besprechen. Er sollte auch deutlich machen, wie zynisch eine Ventil-Politik mit Menschen ist. Im Laufe des Freitags fliegt Seehofer weiter nach Athen.

Ein kranker Auftritt

Foto: Kevin Lamarque/ REUTERS

Ein Mann verliert sich. Er redet und redet, seine Hände fliegen, er presst die Worte raus, schimpft, beleidigt, er sieht sich als Opfer eines Putsches. Es ist ein kranker Auftritt, am Mittwoch in den USA. Der finnische Präsident war zu Besuch bei Donald Trump, den Journalisten bei dieser Gelegenheit nach dem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten und dem Impeachment-Verfahren fragten. Der Herr über ein riesiges Atomwaffenarsenal verlor die Kontrolle über sich.

Es wird immer schlimmer. Das festzustellen, ist beinahe müßig. Wir kennen Trump jetzt. Was wir nicht wissen, ist, wie seine Anhänger auf seine Ausbrüche reagieren werden. Er mobilisiert sie durch aggressive Emotionalisierung, er wiegelt sie auf, um sich zu retten, um ein Amtsenthebungsverfahren abwenden zu können. Das ist ein brandgefährliches Spiel in einem Land mit so vielen Waffen.

Kreuzberger Skelette

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Wenn ich nur meinen Kiez in Berlin-Kreuzberg betrachte, könnte ich den Eindruck haben, der Bürgerkrieg stünde bevor oder sei schon ausgebrochen.

Im Sommer brannten rund um den Chamissoplatz zehn Autos ab. Einige verkohlte Wracks standen wochenlang am Rand der Straßen, ich sah sie jeden Morgen auf dem Weg zur U-Bahn, wobei ich immer an die Skelette großer Tiere in Wüsten denken musste. Unheimlich.

Seit einiger Zeit sehe ich Plakate oder auf das Pflaster gesprühte Worte, die dazu auffordern, Berlin zu blockieren. Das Wort Rebellion lese ich ziemlich oft. Inzwischen habe ich verstanden, dass es eine Gruppe mit dem Namen Extinction Rebellion gibt, die mit zivilem Ungehorsam für eine schärfere Klimapolitik kämpfen will (mit den Skeletten hat sie nichts zu tun).

Heute macht Extinction Rebellion eine Pressekonferenz in Berlin, um die geplante Blockade der Stadt am 7. Oktober zu erläutern. Nun bin ich beruhigt und lege keine Vorräte an. Soweit ich weiß, wurden die großen Revolutionen nicht auf Pressekonferenzen angekündigt.

Gewinner des Tages...

Foto: Evan Vucci/ DPA

... sind die Finnen. Dass diese ein kleines, tapferes Volk sind, ist schon länger bekannt. Sie trotzen Jahr für Jahr langen, harten Wintern, sie sind gut in Sportarten, in denen man waghalsig oder wahnsinnig sein muss, Eishockey, Skispringen, Rallyefahren. In diese Tradition stellte sich nun Staatspräsident Sauli Niinistö bei jenem wilden Auftritt von Donald Trump und wird so zum Gewinner des Tages.

Während seines Ausbruchs klatschte ihm Trump auf den Oberschenkel, aber das ließ sich Niinistö nicht bieten und wischte die Hand des US-Präsidenten weg. Nicht mit mir, sagte sein Blick. Hätte Trump vor dem Treffen die Website "this is Finland" aufgerufen, hätte er unter der Rubrik "Finnische Sitten und Bräuche"  lesen können, dass die Finnen Körperkontakt nicht gerade schätzen. Er liest einfach zu wenig.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.
Ihr Dirk Kurbjuweit

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.