Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,

was die Deutschen gut können: organisieren, pünktlich sein, Autos bauen und dabei alle hinters Licht führen, Fußball spielen (jedenfalls früher). Was sie nicht gut können: witzig sein, Revolutionen machen. Dem letzten Punkt widmen wir uns im neuen Heft des SPIEGEL. Vor 100 Jahren, Ende Oktober 1918 meuterten Matrosen der Kriegsmarine gegen das Auslaufen ihrer Schiffe in eine letzte, selbstmörderische Schlacht. Der Aufstand weitete sich bald auf das ganze Land aus und wurde zur Revolution, die dann in die Weimarer Republik mündete, die erste deutsche Demokratie.

Eigentlich ein Grund für große Feiern, aber bislang ist es recht still in diesem Land. Die Weimarer Republik war unzulänglich und ebnete Adolf Hitler den Weg für seine Schreckensherrschaft. Die Revolution hatte sich nicht konsequent von den alten Eliten verabschiedet, zu zögerlich, ängstlich waren vor allem ihre Anführer aus der SPD.

Das ist durchaus ein deutsches Muster. Auch die Revolution von 1848 wurde nicht konsequent durchgezogen, die von 1968 verebbte sehr schnell, und selbst die an sich erfolgreiche Revolution von 1989 in der DDR wurde abgebrochen, weil man sich ganz schnell der Bundesrepublik anschließen wollte.

Wir erzählen die Geschichte dieser Revolutionen, vergleichen sie mit den Revolutionen von oben von Bismarck und Hitler, vergleichen sie mit der amerikanischen, der es gelang, eine Demokratie zu gründen, die seit mehr als 200 Jahren existiert. Und wir schauen ins Heute. Ganz rechts gibt es wieder eine revolutionäre Stimmung. Wohin könnte das führen? Dies ist unsere Titelgeschichte im neuen Heft, das heute am Kiosk liegt: ein Porträt der Deutschen im Spiegel ihrer Revolutionen .

Im Video: Dirk Kurbjuweit über die Schwierigkeiten der Deutschen, erfolgreich Revolutionen durchzuführen

Paul Langrock/Zenit/laif

Drift nach rechts

Eine der Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik ist, dass eine Demokratie wehrhaft sein muss. Deshalb gibt es in der Bundesrepublik die Möglichkeit, verfassungsfeindliche Parteien zu verbieten. Es ist sicherlich falsch, die AfD generell als Wiedergänger der Nazis zu behandeln. Aber unsere Recherche über verfassungsfeindliche Tendenzen  in dieser Partei hat erschreckend viele Fälle eines Nazi-Fantums gefunden, auch umstürzlerische Bestrebungen. Nicht nur an der Basis, sondern auch in der Führung. Es kann daher sinnvoll sein, die AfD durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen.

Borussia Bayern

Morgen ist die Wahl in Bayern und darauf wollen wir Sie in diesem Heft mit mehreren Geschichten einstimmen. Mein Kollege Bartholomäus Grill ist einer der seltsamsten Bayern, die ich kenne, weil er zu Borussia Dortmund hält, wo er doch das göttliche Recht hat, in aller Selbstverständlichkeit Fan vom FC Bayern zu sein, während ich mich, als Kind des Ruhrgebiets, ständig dafür rechtfertigen muss, den Bayern verfallen zu sein, wo doch Borussia Dortmund die natürliche Wahl wäre. Oder Schalke. (Brrr.)

Foto: Peter Nitsch / Plainpicture

Egal. Jener Grill hält in diesem Heft eine Wutrede gegen Bayern , vor allem gegen die CSU. Jan Fleischhauer, der das Glück hat, in München zu leben, aber meint, ohne Dauerkarte auskommen zu können, verteidigt die CSU , obwohl er kein Bayer ist, sondern gebürtiger Hamburger.

Timofey Neshitov hat zudem den Vorsitzenden der Jungen Union Dingolfing in diesem schwierigen Wahlkampf begleitet und darüber eine wunderbare Reportage  geschrieben. Wenn Sie in Bayern leben, finden Sie im neuen SPIEGEL einen Extrateil zu Ihrem Bundesland, mit vielen Interviews.

Das Ende des Zusammenhalts

Ich glaube, niemand wird so oft zitiert wie Francis Fukuyama. Das wäre schön für ihn, würde er nicht mit einem Irrtum zitiert. "Das Ende der Geschichte" hieß sein Buch vom Anfang der Neunzigerjahre, in dem es darum ging, dass die Demokratie den Kampf der Systeme womöglich endgültig gewonnen habe, weil nun mehr oder weniger alle Staaten Demokratien würden. So ist es nicht gekommen, und seither muss Fukuyama für die Hybris des Westens herhalten.

Nun setzt er wieder eine These in die Welt. Es geht dabei um den Schaden, den Identitätspolitik anrichte. Die Gesellschaft zerfalle mehr und mehr in kleine Gruppen, deren Interessen vor allem von linken Parteien vertreten werden. Darauf reagierten die rechten Parteien mit einer nationalen, mitunter rassistischen Identitätspolitik. Die Gesellschaft verliere so ihren Kitt, ihren Zusammenhalt, schreibt Fukuyama. Diesmal irrt er nicht, glaube ich (wobei ich ihm damals auch recht gegeben habe). In einem Essay , den wir in dieser Ausgabe abdrucken, macht er zudem Vorschläge, wie Gesellschaften zusammenhalten können.

Wein oder Hagebuttentee?

Zu Italien haben wir zwei Texte im Blatt, einen dunklen und einen hellen. Der dunkle beschreibt den Zustand der Politik, vor allem das Gebaren von Innenminister Salvini. Es ist eine Horrorgeschichte vom Verfall politischer Kultur , die ich, der klassische deutsche Italienliebhaber, mit Entsetzen gelesen habe. Trump und Salvini sind die großen Verderber der liberalen Demokratie.

Im hellen Text geht es vor allem um Wein. Im neuen Heft haben wir ein Gespräch mit Albiera Antinori , Großwinzerin aus der Toskana. Sie spricht darüber, wie sich der Markt verändert hat, wie man in China Wein verkauft, sie spricht auch über Politik in Italien und die Gepflogenheiten in einer Winzerfamilie. Die sind recht eigen.

Weinberg in der Toskana

Weinberg in der Toskana

Foto: Gianmarco Maraviglia / DER SPIEGEL

"Mit fünf, sechs Jahren", erzählt Antinori, "bekamen wir Kinder am Sonntag zum Essen ein kleines Schnapsglas mit Wein und etwas Wasser darin. Wir sind mit Wein groß geworden. Später stand immer eine Flasche auf dem Tisch, und jeder durfte davon trinken."

Soll ich da neidisch sein? In meiner Kindheit stand immer eine Kanne mit kaltem Hagebuttentee auf dem Tisch. Etwas anderes gab es nicht. Nie mehr würde ich auch nur einen Schluck Hagebuttentee trinken. Da habe ich doch Glück, dass der Wein erst später hinzukam.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende

Ihr Dirk Kurbjuweit

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