Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


für die folgende Zeilen sollten Sie sicherheitshalber ein Taschentuch zur Hand haben. Die Kollegen der "BILD am Sonntag" verbreiteten in der Nacht zum Sonntag (Sperrfrist null Uhr) eine Nachrichtenfassung ihres aktuellen Interviews mit Grünenchef Robert Habeck. Die beiden Überschriften lauteten wie folgt: "Grünen-Chef Habeck muss seit der Geburt seiner Kinder bei kitschigen Filmen weinen." Und: "Für das Styling seiner Frisur braucht er 'zwei Sekunden'". Darunter fand sich eine ausführlichere Version dieser weltbewegenden Neuigkeiten.

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Heft 18/2019
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Das Interview folgte auf diverse hagiografische Abhandlungen, die in jüngster Zeit von anderen Kollegen über Habeck verfasst wurden. Sollten Journalisten den lästigen Ruf loswerden wollen, sie seien mehrheitlich Anhänger der Grünen, sollte sich die professionelle Beschäftigung mit der Partei vielleicht bald mal ändern.

Habeck selbst ist sich durchaus bewusst, dass der Kult um seine Person problematische Seiten hat. Als ich vor einiger Zeit mit ihm über das Schicksal von Martin Schulz sprach, der erst als "Gottkanzler" gefeiert und wenige Monate später von den eigenen Genossen vom Hof gejagt wurde, bekannte Habeck, dass er Angst vor einem ähnlichen Schicksal habe. Und dass er dem Hype misstraue.

Wer aber ist schuld an seiner Verpopstarisierung und der Verkitschung des politischen Diskurses? Gewiss, Habeck könnte weniger Interviews geben, und er könnte bei gewissen Fragen auch mal die Klappe halten. Etwa wenn er wie jetzt in der "Bams" gefragt wird, ob er an Gott glaube und er tatsächlich antwortet, dass er dafür wohl zu viele Philosophen gelesen habe. Aber am Ende sind es wir Journalisten, die solche Kitschfragen stellen und später Agentur-Fassungen zu den Tränen des Robert Habeck verfassen.

Das Karliczek-Experiment

Bernd von Jutrczenka/ DPA

Wie viel Dilettantismus ist in der Politik sympathisch? Und ab welchem Maß an Unkenntnis wird es ärgerlich für ein Land? Diese Versuchsanordnung verbindet sich seit gut einem Jahr mit dem Namen Anja Karliczek. Bei Karliczek, das wissen viele gar nicht, handelt es sich um die amtierende Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Als solche verfügt sie über den viertgrößten Etat in der Bundesregierung. Ihr Ministerium ist wie kein zweites für die künftige Potenz des Landes verantwortlich. Was heute bei der Bildung, der Wissenschaft und der Forschung verschlafen wird, zeigt sich übermorgen in sinkenden Wachstumszahlen und steigender Arbeitslosigkeit.

Da wäre es hilfreich, eine ebenso kompetente wie engagierte Frau an der Spitze des Ministeriums zu haben. Karliczek hingegen, so schreiben es meine Kolleginnen Nicola Abé und Miriam Olbrisch in ihrer Nahaufnahme, verfügte über genau drei Kernkompetenzen, als sie vor einem Jahr den Job bekam: "Sie ist Frau, katholisch und kommt aus Nordrhein-Westfalen." Ihr Beispiel zeigt, was passiert, wenn die Besetzung von Posten in der Politik vor allem von Quoten abhängt.

In diesen Tagen nun verhandelt Karliczek über drei milliardenschwere Pakte, die den Standort Deutschland für die kommenden Jahren maßgeblich prägen werden: den Hochschulpakt, den Pakt für Forschung und Innovation sowie den Qualitätspakt Lehre. Bald wollen Bund und Länder die künftige Architektur des deutschen Wissenschaftssystems vorstellen.

Es wäre beruhigend zu wissen, wenn diese so wichtigen Entscheidungen in der Hand einer Frau lägen, die sich ein wenig auskennt. Karliczek hingegen kokettiert bis heute damit, dass sie im Grunde wenig Ahnung von den Dingen hat, über die sie da verhandelt. "Vielen Dank für den Einblick", sagt sie gern, wenn sie mal wieder irgendwo zu Gast war. "Da ich ja nicht aus diesem Bereich komme, muss ich mir das alles erst mal aneignen." Dieser Ansatz mag zum Amtsantritt herzerfrischend gewesen sein. Inzwischen ist er eine Zumutung.

Tuesdays for Tuna

Britta Pedersen/ DPA

Es ist nicht immer von Vorteil, wenn man als Partei seine politischen Inhalte einer Werbeagentur überlässt. Beim FDP-Parteitag am Wochenende in Berlin stand während der Rede von Christian Lindner (der mit sehr guten 86 Prozent als Vorsitzender wiedergewählt wurde) eine neckische Botschaft getarnt als Frage im Hintergrund: "Brauchen wir Mondays for Economy?" Dass die Liberalen lieber zu Wochenbeginn für ihre Kunden aus der Wirtschaft demonstrieren, als freitags fürs Klima, ist natürlich ihr gutes Recht. Dass sie mit dem Slogan jedes Ressentiment bestätigten, wonach ihnen der Klimaschutz am Allerwertesten vorbeigeht, ist hingegen etwas dämlich.

Dabei war der Ansatz nicht mal schlecht. In einem debattenarmen Land wäre es durchaus wohltuend, die großen politischen Fragen wieder auf die Straße zu bringen. Leider gab sich die FDP mit dem Montag als Demonstrationstag zufrieden - obwohl noch weitere Wochentage frei sind. Warum nicht dienstags gleich gegen das Leerfischen der Meere auf die Straße gehen ("Tuesdays for Tuna") und mittwochs für eine bessere Bildungs- und Forschungspolitik ("Wednesdays for Wisdom", siehe oben)? Für die Liberalen schlummert hier die Chance für eine tiefgreifende Imagekorrektur: als Begründer einer neuen Protestkultur im Lande.

Spanien hat gewählt - es ist kompliziert

Pablo Blazquez Dominguez/ Getty Images

In Spanien hat die Sozialistische Arbeiterpartei (PSOE) unter Ministerpräsident Pedro Sánchez die Parlamentswahl klar gewonnen, sie holte mit 28,7 Prozent ihr bestes Ergebnis seit elf Jahren. Die absolute Mehrheit verfehlte die Partei aber - und Sánchez droht nun eine schwierige Regierungsbildung.

Einen Erfolg verbuchte auch die rechtsextreme Partei Vox. Die wurde erst im Jahr 2013 gegründet, nun zieht sie mit rund zehn Prozent der Stimmen erstmals in das Parlament ein. "Wir sind hier, um zu bleiben", sagte Vox-Chef Santiago Abascal am Sonntagabend in Madrid. "Das ist erst der Anfang." Mehr zur Wahl in Spanien - und was das Ergebnis für die Verhandlungen Sánchez' bedeutet - hat mein Kollege Claus Hecking hier aufgeschrieben.

Gewinner des Tages...

Matthias Merz / DPA

... ist der 1. FC Nürnberg. Er hat den Endspurt um die deutsche Fußballmeisterschaft doch noch spannend gehalten. Borussia Dortmund hatte am Samstag das Revierderby gegen den FC Schalke 04 verloren, woraufhin Dortmunds Trainer Lucien Favre voreilig erklärte, das Rennen um die Meisterschaft sei gelaufen.

Aber Favre hatte nicht mit dem 1. FC Nürnberg gerechnet. Der zeigte im gestrigen Heimspiel gegen Bayern München einen heroischen Kampf, trotzte dem haushohen Favoriten ein 1:1 ab und versemmelte kurz vor Schluss sogar noch einen Elfmeter zum Sieg. Dortmunds Trainer Favre hat nun ein Problem. Sein Team kann mit nur zwei Punkten Rückstand durchaus noch Meister werden, obwohl er selbst schon aufgegeben hatte.

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insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
heinri_sch 29.04.2019
1.
"Gewiss, Habeck könnte weniger Interviews geben, und er könnte bei gewissen Fragen auch mal die Klappe halten. Etwa wenn er wie jetzt in der "Bams" gefragt wird, ob er an Gott glaube und er tatsächlich antwortet, dass er dafür wohl zu viele Philosophen gelesen habe." Ich versteh beim besten Willen nicht, was an dieser Antwort auszusetzen ist? Ist die Antwort für Herrn Feldenkirchen zu unchristlich? Überhaupt, hat Herr Feldenkirchen schlecht geschlafen? Die Kolumne ist so launisch und negativ, dass ich schon schlechte Laune kriege. Vielleicht sollte Feldenkirchen mal lieber seinen Tipp an Habeck selber befolgen.
kirschlorber 29.04.2019
2. Gute Fragen
Eine gute Frage der Journalisten an Herrn Habeck könnte z.B. lauten: „Herr Habeck, die Grünen haben ja Übung in Enteignung. Z.B Rentenenteignung durch RotGrün. Wie stehen Sie dazu, Herr Habeck?“
hausfeen 29.04.2019
3. Gewiss, Dissing dieser Art passiert, wenn einer Partei ...
... nichts wirkliches Schlechtes anzuhängen ist in solchen Wahlkampfzeiten. Zumal offensichtlich der persönliche Frust des Ex-Kollegen darüber, dass seine bevorzugte Partei, welche immer es auch ist, z.Z. so schlecht dasteht, hier die die Triebfeder war. Der grünwählende Teil der Zunft wird sich von so etwas nicht beeinflussen lassen. Beim unbedarften Grün-Leser hoffe ich auf die gleiche Reaktion.
conrath 29.04.2019
4. Sie ist eine Zumutung.
Aber hey: Wir haben ja alle mal ganz unten angefangen. Und mussten uns erst mal einarbeiten. Bei den meisten Menschen war das sinnigerweise im 1. Lehrjahr oder im 1. Praktikum im Studium. Das wir eine Ministerin haben, die diese putzigen Antworten gibt und nicht merkt, dass sie sich damit als ernstzunehmende Gesprächspartnerin desavouriert hat ist peinlich. Ein Beispiel für das avanti dilletanti GroKo - Mix. Sie merken es nicht mal. Zukunftsfähigkeit, Innovation, Aufbruch ist passé. Dafür beschäftigt man sich mit sich selbst, wer wo was wird und merkelt weiter.
schnabelnase 29.04.2019
5. Ich bin etwas irritiert.
Warum sollte Habeck auf die Frage, ob er an Gott glaube, etwas anderes antworten als er gesagt hat? Wenn ich das richtig verstanden habe, soll seine Antwort, dass er dafür zuviele Philosophen gelesen habe, schlecht für sein Image sein. Was ist denn jetzt los? Man kann in Deutschland (auch als Journalist) jemanden die Frage nach seinem Glauben oder seiner Weltanschauung stellen, wenn man es denn unbedingt möchte und der Gefragte kann darauf antworten, wenn er will und vor allem, wie er es will. Wo sind wir denn? Ich muss irgendetwas nicht richtig begriffen haben.
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