Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Wie geriet die »Moskau« in Brand?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Russisches Kriegsschiff »Moskwa« – Gesunken oder nicht?

  2. Neue Familienministerin Paus – Warum entschieden sich die Grünen für eine Unbekannte?

  3. Radikale Coronaleugner – Wollten Sie Lauterbach entführen?

1. Stolz der russischen Schwarzmeerflotte außer Gefecht

Moskau brennt – oder genauer: die »Moskau«. Das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte mit dem Namen »Moskwa« steht in Flammen. Womöglich sinkt es sogar oder ist bereits gesunken, nachdem es von Neptun-Antischiffsraketen getroffen wurde – das ist die ukrainische Version. Oder es gab einen Unfall an Bord, Munition ist detoniert, und jetzt wird es zur Reparatur in einen Hafen geschleppt – das ist die russische Version.

Für Russland bedeutet der Ausfall des Schiffs »vor allem einen Prestigeverlust«, berichtet mein Kollege Oliver Imhoff. Er könnte auch einige strategische Probleme mit sich bringen: Mit ihren Raketen schützte die »Moskwa« zum Beispiel andere russische Schiffe vor Angriffen aus der Luft. Zudem binde die Überlegenheit der Russen im Schwarzen Meer wichtige ukrainische Truppen bei Odessa, die woanders gebraucht werden könnten. Jetzt ist das Schiff im Wortsinn außer Gefecht.

»Der Krieg fing schon nicht gut an für die Besatzung«, schreibt Oliver. »Vielleicht hatte sie gehofft, in der Ukraine wie Befreier empfangen zu werden.« Stattdessen schallte ihr nach Angaben aus Kiew gleich am ersten Tag ein mittlerweile weltweit bekannter Ausruf entgegen: »Russisches Kriegsschiff – fick dich!«

Ob es den Funkspruch wirklich gegeben hat, wird sich, wie vieles im Krieg, wohl nie endgültig klären lassen. Vielleicht ist es mit der Brandursache an Bord der »Moskwa« ähnlich. In die Geschichtsbücher könnten es beide trotzdem schaffen.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Warum China als Friedensmakler ausfällt: Die Volksrepublik hat zwar Einfluss auf Wladimir Putin, ist aber nicht willens, ihn wegen des Kriegs in der Ukraine unter Druck zu setzen. Welche Strategie verfolgt Peking in dem Konflikt? 

  • Die Geschichte einer toxischen Beziehung: Solidarität mit der Ukraine bekundete die deutsche Politik in der Vergangenheit oft. Doch seit gut hundert Jahren geht es vor allem um deutsche Interessen – und das Muster setzt sich bis heute fort .

  • Nirgendwo ist Russland näher an der EU als hier: In Estland, Lettland und Litauen ist die Angst vor einem russischen Angriff groß – die Empörung über die Deutschen auch.

  • »Die Bilder sind apokalyptisch«, sagt Litauens Präsident über Borodjanka: Gitanas Nausėda ist erschüttert von seinen Ukraine-Eindrücken. Er glaubt: Solche Besuche würden auch andere entschlossener handeln lassen. Und: Wladimir Putin will Energieexporte nach Asien umleiten. Der Newsblog.

2. Zweite Reihe, zweite Wahl?

Die Grünen haben die Nachfolgerin für die zurückgetretene Anne Spiegel benannt: Das Familienministerium übernimmt Lisa Paus . Kennen Sie nicht? Kein Wunder, sie war nie Parteivorsitzende, nie Fraktionschefin, nie Ministerin in einem Bundesland, sie taucht nicht dauernd bei Lanz und Maischberger auf. Sie ist auch keine Expertin für Familienpolitik, kein Mitglied des Familienausschusses.

Lisa Paus: Finanzexpertin im Familienministerium

Lisa Paus: Finanzexpertin im Familienministerium

Foto:

Bernd von Jutrczenka / dpa

Eine Anfängerin im politischen Geschäft ist Paus aber keineswegs. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende sitzt seit 2009 im Bundestag und hat sich einen Ruf als Fachfrau für Finanzen erarbeitet. Sie gilt als Architektin der Kindergrundsicherung, eines zentralen sozial- und familienpolitischen Projekts der Grünen in der Ampelkoalition.

Natürlich hätte es andere Kandidatinnen gegeben, Katrin Göring-Eckardt etwa, die Vizepräsidentin des Bundestages. Sie prägt die Partei seit Jahrzehnten, hat Führungserfahrung aus acht Jahren an der Fraktionsspitze, ist bekannt und hat das Familienkapitel in den Koalitionsgesprächen federführend verhandelt. »Auf dem Papier die perfekte Kandidatin«, sagt mein Kollege Jonas Schaible. »Aber sie kommt aus dem falschen Flügel.« Nach Grüner Arithmetik musste es jemand von den Parteilinken werden, früher gern »Fundis« genannt. So ist Göring-Eckardt offenbar nicht einmal gefragt worden – und Paus ist es geworden. (Hier mehr zu den Hintergründen. )

Wie sehr die Spitzenpolitik an den Kräften zerren kann, darüber hat meine Kollegin Anna Reimann mit einer anderen Grünen gesprochen , mit Antje Kapek, bis vor Kurzem Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus. Kapek spricht in einer Offenheit, die untypisch ist für Interviews mit Politikerinnen und Politikern, über die Arbeitsbelastung und das aus ihrer Sicht »toxische System«: »Es wird auf Zermürbung gesetzt«, sagt sie. »Man steht permanent in der Öffentlichkeit. Einen Shitstorm auf Twitter halte ich aus, aber wenn mich dann noch die Partei kritisiert – dann ist das in der Summe zu viel negative Energie.« Es werde »von allen Seiten geballert«.

3. Müssen wir eine Corona-RAF fürchten?

Ende der Neunzigerjahre lief im Fernsehen das Dokudrama »Todesspiel« über den Deutschen Herbst, 20 Jahre nach der Entführung Hanns Martin Schleyers. Das »Zeit Magazin« druckte Auszüge aus dem Begleitbuch, ich las sie mehr oder weniger zufällig – aber es weckte mein Interesse an der Geschichte der »Roten Armee Fraktion«. Ich wollte alles wissen über diese Terrortruppe und fragte in einem linksalternativen Buchladen nach dem »Baader Meinhof Komplex« von Stefan Aust. Der Buchhändler war so empört, dass er kaum aufhören konnte, über diesen »Schund« zu schimpfen, verkaufte mir das Buch aber doch. Allerdings drängte er mir auch »Texte und Materialien zur Geschichte der RAF« auf, einen Sammelband, in dem sich vieles findet, was die Terroristen herausgegeben hatten – vom »Konzept Stadtguerilla« bis zur Erklärung zur Erschießung von Detlev Karsten Rohwedder. Auf dass ich verstünde, wofür die Genossen gekämpft hatten, und damit ich nicht auf die angebliche Staatspropaganda hereinfiele.

Ich frage mich, ob es irgendwann ähnliche Momente gibt, wenn sich ein Jugendlicher Literatur über die Coronapandemie besorgen möchte. Drängt ihm dann jemand die gesammelten Schriften des Attila H. auf?

Ja, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Aber angesichts der Radikalisierung in der »Querdenker«-Szene gibt es schon seit Längerem Warnungen vor einer »Corona-RAF«. Heute las ich den Begriff wieder. »Geld, Waffen, Sprengstoffanschläge und Entführungen: Auf den ersten Blick sieht das aus wie der Versuch einer #Corona-RAF von rechts«, twitterte  unser Kolumnist Nikolaus Blome. Er bezog sich auf die Meldung, dass die Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz gegen Mitglieder von Chatgruppen wie den »Vereinten Patrioten« ermittelt.

Karl Lauterbach: Sollte laut Ermittlern entführt werden

Karl Lauterbach: Sollte laut Ermittlern entführt werden

Foto:

OLIVIER HOSLET / EPA

Wegen des Verdachts der Vorbereitung von Sprengstoffanschlägen und anderer Gewalttaten gab es bundesweit Durchsuchungen und Festnahmen im »Querdenker«- und »Reichsbürger«-Milieu. Die Ermittler stellten zahlreiche Waffen und Munition sicher und nahmen vier Verdächtige fest.

Einige sollen auch die Entführung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geplant haben. Bundesinnenministerin Nancy Faeser spricht von einer »schwerwiegenden terroristischen Bedrohung«. Lauterbach selbst twitterte  dazu, die Coronapolitik werde »zunehmend durch Staatsfeinde missbraucht«. Er dankte den Ermittlern und kündigte an: »Gegner und Befürworter meiner Arbeit will ich auch weiter zusammenführen. Aber Gewalt weiche ich nicht.«

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

  • EZB lässt Leitzins bei null Prozent: Die Europäische Zentralbank hält vorerst an ihrer Nullzinspolitik fest. Bei Ökonomen trifft das angesichts hoher Inflationsraten auf zum Teil scharfe Kritik.

  • Größte illegale Cannabis-Plantage Europas vernichtet: Cannabis, soweit das Auge reicht. Drohnenaufnahmen der spanischen Polizei zeigen die größte illegale Hanfplantage Europas. Insgesamt mussten 415.000 Pflanzen vernichtet werden. Drei Personen wurden festgenommen.

  • Israel testet erfolgreich Laser-Raketenabwehr: Eine neue Raketenabwehr soll das System »Iron Dome« unterstützen. Israel hat mit »Iron Beam« bei einem Test Drohnen und Mörsergranaten abgewehrt – und feiert die Übungen als großen Erfolg.

  • Elon Musk will Twitter für 41 Milliarden Dollar kaufen: Elon Musk startet einen Versuch, Twitter zu kaufen. Der Tesla-Chef will nach eigenen Angaben alle Aktien übernehmen – und den Social-Media-Dienst dann von der Börse nehmen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Können Schiffe eine Region spalten? Kreuzfahrtschiffe sind für viele Venezianer ein Fortbewegungsmittel aus der Hölle. Im gut hundert Kilometer entfernten Monfalcone hängt eine ganze Stadt an den Riesen. Die Kulturwissenschaftlerin Janine Schemmer über die Fehde zweier Städte .

  • Wo Jesus'n'Jünger das WM-Lied trällern: Der Sender RTL erzählt die biblische Ostergeschichte auf moderne Weise nach – mit einem Castingshowjesus, Currywurst und vielen ulkigen Einfällen mehr. Unsere Autorin war vor Ort. 

  • »Der Tourismus war wie ein Schutzschild«: Bislang nahm die Wissenschaft an, dass die Anwesenheit von Menschen schlecht für Wildtiere ist. Tatsächlich ist es komplizierter, sagt der Biologe Christian Rutz. Warum das Ende der Pandemie auch für die Tierwelt von Vorteil sein kann. 

Was heute weniger wichtig ist

  • Queen Elizabeth II., 95, nimmt entgegen der Tradition nicht am Ostergottesdienst in der St. George's Chapel in Windsor teil, wie mehrere britische Medien übereinstimmend berichten. Über die Gründe wird nur spekuliert; als wahrscheinlich gilt, dass die Königin, deren allgemeiner Gesundheitszustand von Familienmitgliedern zuletzt als stabil und gut bezeichnet wurde, in ihrer Mobilität stark eingeschränkt ist. Jüngst sagte sie selbst: »Wie Sie sehen, kann ich mich nicht bewegen.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Ökonomen äußerten sich in ersten Analysten kritisch zum Zinsentscheid.«

Cartoon des Tages: Bedrückende Zeiten

Foto:

Thomas Plaßmann

Und am Osterwochenende?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Oliver Kaever aus unserem Kulturressort folgen und die Serie »Outer Range« bei Amazon Prime Video  anfangen zu gucken. Es sei ein »düsteres Western-Drama mit bizarren ›Twin Peaks‹-Wendungen« und ein »Meisterwerk«, findet Oliver. (Hier die Rezension.)

Ich wünsche Ihnen schöne Ostern.
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.