Philipp Wittrock

Die Lage am Morgen Ein Papst als Komplize

Philipp Wittrock
Von Philipp Wittrock, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros
Von Philipp Wittrock, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es einmal mehr um die diplomatischen Entspannungsbemühungen im Russland-Ukraine-Konflikt, um das erschütternde Gutachten zum Missbrauch in der katholischen Kirche – und um die erste Kabinettsklausur der Ampelregierung.

Sie reden wieder

Das nennt man Reisediplomatie: Am Mittwoch flog Antony Blinken nach Kiew, gestern machte er Station in Berlin, traf Kanzler Olaf Scholz, Außenministerin Annalena Baerbock und seine Amtskollegen aus Frankreich und Großbritannien, heute nun steht der wichtigste Termin an: In Genf, sozusagen auf neutralem Territorium, kommt der amerikanische Außenminister mit seinem russischen Counterpart Sergej Lawrow zusammen.

Blinken (l.), Lawrow

Blinken (l.), Lawrow

Foto: Russian Foreign Ministry / imago images/ITAR-TASS

Dass die beiden miteinander reden, ist zunächst einmal ein gutes Zeichen. Ob das Treffen am Ende die Kriegsgefahr im Osten Europas wirklich nachhaltig entschärfen kann, daran aber darf man zumindest Zweifel haben. Zu verhärtet sind die Fronten derzeit, täglich baut Russland seine Drohkulisse an der Grenze zur Ukraine aus. Inzwischen trafen auch in Belarus russische Soldaten ein, für die nächsten Wochen kündigte Moskau große Marinemanöver mit mehr als 140 Kriegsschiffen im Mittelmeer, im Atlantik und in der Nordsee an.

In dieser Lage sorgt ausgerechnet der US-Präsident für Verunsicherung. Beim Auftritt zum ersten Jahrestag seiner Amtszeit erweckte Joe Biden den Eindruck, der Westen könnte wegen Uneinigkeit Milde walten lassen, sollte Russland sich nur zu einem »kleineren Eindringen« (»minor incursion«)  in die Ukraine entschließen. Was genau er damit meinte, sagte er nicht. Ganz egal, nicht nur der ukrainische Präsident traute seinen Ohren nicht, weswegen Bidens Leute anschließend eilig Schadensbegrenzung betrieben: Alles nur ein Missverständnis.

Auch Blinken betont, dass man von einem Angriff ausgehe, wenn auch nur ein russischer Soldat die Grenze zur Ukraine überquert – und dass ein solcher Angriff Konsequenzen hätte. Einmarsch ist Einmarsch, Invasion ist Invasion – er täte gut daran, das auch gegenüber Lawrow noch einmal klarzustellen.

Noch besser wäre es, wenn er Putins Chefdiplomaten zugleich die Botschaft übermitteln würde, dass auch jede Art der hybriden Kriegsführung eine Grenzüberschreitung darstellt. Die Frage ist nur, ob man das in Washington tatsächlich so sieht.

Kirche des Schreckens

Der frühere Papst betet also für die Opfer. Das ist es auch schon fast. Persönliche Reue, Demut, keine Spur davon. Benedikt XVI. hätte die letzte Chance gehabt, Größe zu zeigen, Verfehlungen zuzugeben, Verantwortung zu übernehmen für den Missbrauch, den Kinder und Jugendliche in seiner Diözese erleiden mussten – aber er hat diese Chance jämmerlich vergeben. Stattdessen beruft er sich auf Unkenntnis und argumentiert mit ungeheuerlichen, rechtlichen Spitzfindigkeiten.

Emeritierter Papst Benedikt XVI.

Emeritierter Papst Benedikt XVI.

Foto: SVEN HOPPE / AFP

Man darf davon ausgehen, dass die Opfer auf die Gebete des Papstes gut verzichten können.

Dass die katholische Kirche die zahllosen Vergehen an Mädchen und Jungen seit jeher zu verschleiern versuchte, ist keine neue Erkenntnis. Dies haben schon frühere Gutachten in verschiedenen Bistümern ans Licht gebracht. Doch was eine Anwaltskanzlei nun auf 1900 Seiten über die Zustände im Erzbistum München beschreibt , erschüttert den Klerus noch einmal besonders heftig. Weil nun auch ein früherer Papst nachweislich in den Skandal verstrickt ist. Und weil auch dem aktuellen Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx Fehlverhalten belegt werden kann.

Fast 500 Opfer wurden allein in München für die Zeit von 1945 bis 2019 ausgemacht, die Dunkelziffer dürfte noch viel größer sein. Die Gutachter sprechen von einer »Bilanz des Schreckens«. Zum Schrecken gehört, dass die Kirche bis hinauf zu ihren obersten Repräsentanten ein menschenverachtendes System des Vertuschens etabliert hat. Nie ging es ihr um die Opfer, immer nur um den Selbsterhalt, selbst dann noch, als sich in der Öffentlichkeit das ganze Ausmaß der Verbrechen abzeichnete.

Und jetzt? Kardinal Marx, der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, wollte schon im Juni letzten Jahres gehen, wollte Verantwortung übernehmen für das institutionelle Versagen der Kirche in den Missbrauchsskandalen. Papst Franziskus lehnte das Rücktrittsgesuch ab, das Marx mit der Diagnose verband, die Kirche sei an einem »toten Punkt« angekommen.

Toter als tot geht nicht – oder doch? Gut möglich, dass Marx nun noch einmal um seine Demission bittet. Die Kirche, der in den letzten zehn Jahren schon Millionen Gläubige den Rücken gekehrt haben, wird das nicht retten, genauso wenig wie die »Scham«, die Würdenträger nun gern öffentlich bekunden, als hätte sie die Wirklichkeit völlig überrascht.

Wer soll dieser Kirche noch glauben?

Die Ampel schwört sich aufs Regieren ein

Es wurde schon mehr Aufhebens gemacht, wenn sich die Bundesregierung zum Teambuilding zurückzieht: Gerhard Schröder versammelte seine rot-grünen Ministerinnen und Minister 2003 im Schloss Neuhardenberg und belebte die Tradition der Kabinettsklausuren damit überhaupt erst wieder. Angela Merkel lud später meist nach Schloss Meseberg, wo die Bundesregierung ein Gästehaus hat. Als es 2018 mal speziell um die Digitalisierung ging, traf man sich im Hasso-Plattner-Institut in Babelsberg.

Gruppenbild des Ampelkabinetts

Gruppenbild des Ampelkabinetts

Foto: Michael Kappeler / dpa

Doch es ist gerade nicht die Zeit für große Ausflüge. Also bittet Olaf Scholz zur ersten Ampelmannschaftssitzung abseits der regulären, mittwöchlichen Kabinettsrunden schlicht ins Kanzleramt. Dort wollen sich die Ministerinnen und Minister von SPD, Grünen und FDP den ganzen Freitag über »als Team noch besser kennenlernen« und auf die gemeinsame Regierungsarbeit einschwören, die jetzt, sechs Wochen nach der Kanzlerwahl, ja erst richtig beginnt.

Von geplanten Eisbrecherspielen wie »Zwei Wahrheiten und eine Lüge« oder anderen zusammenhaltsfördernden Maßnahmen ist nichts bekannt. Auf der offiziellen Tagesordnung stehen stattdessen das Programm der deutschen G7-Präsidentschaft, der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Modernisierung der Infrastruktur, die Digitalisierung und das Thema Wohnen. Wenn dann noch Olaf Scholz eine seiner berüchtigten Motivationsreden hält, kann die Ampel richtig loslegen.

Verlierer des Tages…

Handballer Julian Köster im Spiel gegen Spanien

Handballer Julian Köster im Spiel gegen Spanien

Foto: Nebojsa Tejic / kolektiff / imago images/Kolektiff

…ist die deutsche Handball-Nationalmannschaft. Zwar reiste das junge Team als Außenseiter zur EM in der Slowakei und Ungarn, insgeheim aber hoffte man auf eine Überraschung – ähnlich wie beim sensationellen Titelgewinn 2016.

Nun versinken die deutschen Handballer im Coronachaos, inzwischen gab es 13 Infektionen im Team. Der DHB dachte sogar über einen Rückzug nach, beantragte schließlich die Verlegung des Hauptrundenspiels gegen Spanien am Montagabend. Die Europäische Handball-Föderation lehnte ab, Deutschland musste mit etlichen nachnominierten Spielern antreten – und hatte gegen den Titelverteidiger am Ende keine Chance.

Gelaufen ist das Turnier damit noch nicht: Die Mannschaft kann sich immer noch ins Halbfinale siegen. Das wäre dann wirklich eine Sensation.

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