Roland Nelles

Die Lage am Morgen Ist der Ukrainekrieg vor dem Winter zu Ende?

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die Unterstützung des G7-Gipfels für die Ukraine, um den Streit mit der Türkei über den Nato-Beitritt von Finnland und Schweden – und um die anstehende Entscheidung über das Verbrenner-Aus in der EU.

G7-Gipfel stärkt Selenskyj

Auf Schloss Elmau wird heute der G7-Gipfel ausklingen, wie man so schön sagt. Es kommt noch die Abschlusserklärung und eine Pressekonferenz von Gastgeber Olaf Scholz, dann werden die meisten Gipfelteilnehmer schon wieder nach Spanien weiterreisen. In Madrid beginnt am Abend das Treffen der 30 Nato-Staaten mit einem Abendessen beim spanischen König Felipe VI. Die eigentlichen Beratungen des westlichen Militärbündnisses sind für Mittwoch und Donnerstag vorgesehen.

G7-Gipfel in Elmau, zugeschalteter Gast Selenskyj

G7-Gipfel in Elmau, zugeschalteter Gast Selenskyj

Foto: Michael Kappeler / dpa

Natürlich schwebt über beiden Gipfeln die große Frage, wie es mit dem Krieg in der Ukraine weitergeht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat dazu vor den G7-Chefs in einer Videoschalte eine interessante Aussage getroffen. Demnach soll er von den G7-Staaten eine Kraftanstrengung gefordert haben, um den Krieg in seinem Land noch dieses Jahr zu beenden, wie aus Teilnehmerkreisen verlautete. Die Fortsetzung des Krieges durch den Winter würde sein Land vor große Probleme stellen, warnte er.

Die G7 ihrerseits sicherten Selenskyj zu, die ukrainische Regierung in dem Konflikt zu unterstützen, »so lange es nötig ist«. Die Ukraine soll weitere Waffen sowie Finanzhilfen von 27 Milliarden Euro erhalten. Zugleich versprachen sie, den Druck auf Russland zu erhöhen, den Krieg zu beenden, auch mit weiteren Sanktionen. Die Raketen-Attacke der russischen Armee auf ein Einkaufszentrum in der ukrainischen Stadt Krementschuk am Montag wurde von den Gipfelteilnehmern einhellig verurteilt.

Was von den G7 nicht so laut gesagt wird, aber natürlich allen klar ist: Wenn es noch vor dem Winter zu einem Ende des Krieges kommen soll, kann das nur durch eine Verhandlungslösung erreicht werden. Dazu muss Russland zu Kompromissen bereit sein – aber auch Kiew.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Das geschah in der Nacht: Die Zahl der Todesopfer nach der Attacke auf ein ukrainisches Einkaufszentrum steigt – die Kritik an Moskau ist massiv. Und: Russlands ehemaliger Präsident Medwedew droht der Nato. Der Überblick.

  • Mit diesem Luftabwehrsystem soll der russische Vormarsch gestoppt werden: Die USA wollen die Ukraine mit weiteren Raketen beliefern. Das Luftabwehrsystem soll eine große Schwachstelle an der Front beheben. Wie es funktioniert und was es bringen soll .

  • Kissinger äußert Verständnis für Deutschland im Umgang mit Ukrainekrieg: Nach Ansicht Henry Kissingers werde Deutschland eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines neuen Europas spielen. Dass Berlin mit militärischer Führung hadere, sei nachvollziehbar, findet der 99-jährige US-Staatsmann.

  • Macron veröffentlicht Protokoll von Putin-Telefonat kurz vor Kriegsbeginn: Vier Tage vor der russischen Invasion hatte der französische Präsident Macron am Telefon versucht, Kremlchef Putin zu besänftigen. Eine Doku zeigt nun das Gespräch – und den Moment, als Putin Besseres zu tun hat.

Nato-Blockierer Erdoğan

Eine große Frage beim anstehenden Nato-Gipfel ist, ob es gelingen wird, einen Beschluss zur Aufnahme von Finnland und Schweden in das Bündnis zu treffen. Beide Nordstaaten möchten nach Jahrzehnten der Neutralität in die Nato eintreten, um besser vor einer möglichen russischen Aggression geschützt zu sein. Dazu braucht es einen einstimmigen Beschluss aller Mitgliedstaaten, der bislang jedoch vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan blockiert wird.

Türkischer Präsident Erdoğan

Türkischer Präsident Erdoğan

Foto: Gonzalo Fuentes / REUTERS

Erdoğan wirft Schweden und Finnland bekanntlich vor, Anhängern der Kurden-Organisation PKK Unterschlupf zu gewähren, die in der Türkei als Staatsfeinde gelten. Nun will sich der Türke noch kurz vor dem Nato-Gipfel mit dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö und der schwedischen Regierungschefin Magdalena Andersson in Madrid treffen, um über das Thema zu sprechen. Erdoğan für seinen Teil klingt weiterhin nicht besonders offen für eine Lösung. Vielmehr plant er in Madrid wohl eine Art Präsentation, mit der er die Verbindungen der »Terrororganisation« nach Finnland und Schweden erklären will.

So ist das leider in multilateralen Organisationen, irgendwer nervt eben immer mit Extrawünschen. Bei Erdoğan darf man aber immerhin darauf setzen, dass er am Ende vielleicht doch für einen guten Nebendeal zu haben sein könnte. Zufällig erhofft er sich derzeit auch die Lieferung von Waffen, speziell amerikanischen Kampfjets. Werden die USA ihm diesen Gefallen tun, gleichsam im Gegenzug zu einem Ja bei der Norderweiterung? Offiziell heißt es von US-Seite, die beiden Themen hätten nichts miteinander zu tun.

Entscheidung über Verbrenner-Aus

Erst hat sich das Europäische Parlament dafür ausgesprochen, nun sind die EU-Umwelt- und Klimaminister mit einer Entscheidung an der Reihe. Sie beraten heute im Umweltrat über die Zukunft von Verbrenner-Autos in der Gemeinschaft. Geben die Ministerinnen und Minister mehrheitlich grünes Licht, dürfte dem De-facto-Verbot für neue Autos und Transporter mit Verbrennungsmotor ab 2035 nicht mehr viel im Wege stehen.

Klimaminister Habeck

Klimaminister Habeck

Foto: Julien Warnand / EPA

Um die deutsche Haltung in der Frage wurde in der Koalition bis zuletzt gerungen. Während sich SPD und Grüne für das Verbrenner-Aus stark machen, lehnt die FDP es in der jetzt geplanten Form bislang ab. Es blieb deshalb zunächst noch offen, wie Deutschland abstimmen würde.

Gibt es also noch eine Last-minute-Lösung? Der grüne Klima- und Wirtschaftsminister, Robert Habeck, deutete in der Verbrenner-Frage Kompromissbereitschaft an, ohne nähere Details zu nennen. »Europa ist ja eine lebende Kompromiss-Maschine, und an der arbeiten wir mit«, orakelte Habeck. Wir lassen uns überraschen.

Einladung zum SPIEGEL Deep Dive

Im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in Berlin spricht Auslandsreporterin Susanne Koelbl mit Historikern, Denkern und Diplomaten über ihren jeweiligen Standpunkt zum Ukrainekrieg. Als Abonnentin oder Abonnent können Sie diese Interviews exklusiv im Livestream verfolgen und auch selbst Fragen stellen. Koelbls Gast am 29. Juni um 19 Uhr ist der Militärhistoriker Sönke Neitzel.

Von russischen Raketen zerstörtes Einkaufszentrum in Krementschuk

Von russischen Raketen zerstörtes Einkaufszentrum in Krementschuk

Foto: Ukrainian State Emergency Servic / dpa

Neitzel ist Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Militärgeschichte in Deutschland. Um die Gegenwart zu verstehen, zieht er Vergleiche zu früheren Kriegen und untersucht, welche Entscheidungen in der Vergangenheit zu militärischen Katastrophen und Kriegsverbrechen führten. Mit Blick auf den Ukrainekrieg sagt er: »Die Deutschen müssen sich wieder an die Realität des Krieges gewöhnen.«

Bei SPIEGEL Deep Dive wird Neitzel seine Aussage, warum er keine Alternative zu dieser Konfrontation sieht, in einem kurzen Statement begründen und sich danach den Fragen Koelbls und der Zuschauer stellen. Die Veranstaltung ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten, aber wir verlosen zehn freie Zugänge. Interessenten schreiben an: info@events.spiegel.de, Betreff: SPIEGEL Deep Dive Verlosung. Einsendeschluss ist heute, Dienstag, 28. Juni, um 12 Uhr. Wer bereits ein Abonnement hat, kann sich gerne hier  anmelden.

Gewinnerin des Tages…

Airbus A380 der Lufthansa

Airbus A380 der Lufthansa

Foto:

Silas Stein / picture-alliance / dpa

… ist die Deutsche Lufthansa. Ja, Sie haben richtig gelesen. Denn der Konzern hat endlich auch einmal eine schöne Nachricht zu verkünden. Weil sich die Passagierzahlen so positiv entwickeln und die Lieferung neuer Maschinen auf sich warten lässt, macht die Lufthansa eine Entscheidung aus der Pandemie rückgängig. Der Großraumjet Airbus A380 soll nun doch zurück in den Dienst geholt werden. Eigentlich wollte der Konzern die Mega-Maschinen loswerden. Ab Sommer 2023 werden die Flugzeuge wieder eingesetzt, auf welchen Strecken ist noch nicht bekannt. Vor der Pandemie flog der Jet zum Beispiel zwischen Frankfurt und New York oder auch Frankfurt und Singapur. Jetzt dann bald nach Malle?

Schön wäre natürlich, bei der Lufthansa würde auch sonst wieder ein wenig mehr Vor-Pandemie-Normalität einkehren. Es gibt derzeit einiges auszusetzen an Deutschlands Vorzeige-Fluglinie. Passagiere, deren Flüge gestrichen oder auf seltsame Strecken umgebucht werden, können ein Lied davon singen. Zugleich muss aber auch gesagt werden: Wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Lufthansa, mit denen man als Fluggast zu tun hat, in diesem Durcheinander (meistens) die Nerven behalten, verdient Respekt. Ein schönes und entspanntes Arbeiten stellen sich die Lufthanseaten bestimmt auch etwas anders vor.

Hier geht's zum aktuellen Tagesquiz

Die Startfrage heute: Wo findet die Fußballweltmeisterschaft der Damen 2023 statt?

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Die Alten kommen: Ob Trucker oder Handwerker: In Amerika gibt es so viele offene Stellen, dass Firmen gezielt Rentner ansprechen. Die Senioren sind gefragter denn je – und sie bestimmen die Regeln .

  • »Sie zerstückeln und vergraben Marcos Leiche. Und dann gehen sie einfach nach Hause«: Das Bremer Oberlandesgericht hat drei des Mordes Angeklagte aus der Untersuchungshaft entlassen – weil Fristen nicht eingehalten wurden. Wie konnte es dazu kommen? 

  • »Wegen der eklatanten Unterversorgung kam es zu Fällen von Kannibalismus«: Lagerhäftlinge leiden oft jahrzehntelang, oft lebt das Trauma in den Familien fort. Hier erklären Elke Gryglewski und Barbara Stelzl-Marx, was Betroffene umtreibt – und warum die Justiz in vielen Fällen versagt hat .

  • »Es ist menschlich, zu den Guten, Avancierten oder Coolen gehören zu wollen«: Vom Faustrecht zur Diktatur des Gutmenschen: Autor Jörg-Uwe Albig beschreibt den sich wandelnden Ruf der Moral im Lauf der Geschichte und erläutert, ob es eigentlich zu viel davon geben kann .

  • Ende der Karriere. Mit 24: Beachvolleyballer Julius Thole und Ruderer Oliver Zeidler zählen zu den größten Sporttalenten. Einer hat hingeschmissen, der andere quält sich weiter. Über den unbändigen Ehrgeiz, den es braucht, ein Weltstar zu werden .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Roland Nelles

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.