Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


heute beschäftigen wir uns mit dem Abschied einer Ausnahmeerscheinung in der deutschen Politik, der unendlichen Vorsitzenden-Suche der SPD und dem vielleicht relevantesten Thema für die Zukunft der Menschheit.

Abschied einer Politbegabung

Britta Pedersen/ DPA
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Heft 46/2019
Der Nullzins frisst das Vermögen der Deutschen auf. Was man jetzt tun muss für sein Geld

Die Linkspartei verliert heute ihr größtes Ass, zumindest als Fraktionschefin. Sahra Wagenknecht hat bereits vor Monaten angekündigt, aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder für den Posten zu kandidieren. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese gesundheitlichen Gründe viel damit zu tun haben, dass Wagenknecht - selbst keine Heilige - am Ende eines langen Kampfes mit der Parteivorsitzenden Katja Kipping um den Kurs der Linken erschöpft und zermürbt war.

Als Nachfolgerinnen bewerben sich die bisherige Vizefraktionschefin Caren Lay sowie Amira Mohamed Ali, die erst seit zwei Jahren Mitglied des Bundestags ist. Der Ausgang gilt als völlig offen. Keine Sorgen um seine Wiederwahl muss sich der einzige männliche Bewerber Dietmar Bartsch machen.

An die Präsenz von Wagenknecht wird niemand von ihnen heranreichen. Dass sie zuletzt immer verbissener für einen ziemlich nationalen Sozialismus eintrat, der gewisse Schnittmengen mit der AfD aufwies, wirkte auf viele befremdlich. Und dennoch hat die Linke weit und breit niemanden, um Wagenknecht zu ersetzen. Sie war das Gesicht und die Stimme der Partei. Intellektuelle und umfassend belesene Politiker, die in der Öffentlichkeit zugleich pointiert zuspitzen können, sind höchst selten. Der letzte dieser Art war vermutlich Oskar Lafontaine, Wagenknechts Ehemann, für den sie ab heute noch mehr Zeit haben wird.

Hochspannung vor SPD-Duell

Jörg Carstensen/ DPA

Fünfeinhalb Monate nach dem Rücktritt von Andrea Nahles nimmt die SPD heute Abend eine weitere Hürde auf dem Weg zu neuen Parteivorsitzenden. Gefühlt ist es die 74. Im Berliner Willy-Brandt-Haus treffen um 19.30 Uhr die Finalisten-Paare Saskia Esken/Norbert Walter-Borjans und Klara Geywitz/Olaf Scholz aufeinander. Das politische Berlin fiebert diesem Duell seit Tagen entgegen, in der Hauptstadt gibt es kein anderes Thema.

Die großen Fragen an diesem Abend lauten: Wird Walter-Borjans auch diesmal wieder seinen großen Trumpf ziehen und der SPD einen Kanzlerkandidaten verweigern? Wird Olaf Scholz erneut verraten, dass er nicht immer Bundesminister der Finanzen war, sondern eigentlich Fachanwalt für Arbeitsrecht ist? Wird Saskia Esken wieder ihren Gassenhauer "Die GroKo hat keine Zukunft" bringen? Und wenn ja: Wird sie diesmal verraten, wann genau die Gegenwart enden soll? Die Antworten bekommen Sie heute Abend live und in Farbe auf spd.de.

Wie werden wir weniger?

DPA

In Nairobi beginnt heute die Weltbevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen. Die erste Konferenz dieser Art fand vor 25 Jahren statt. Damals einigten sich 179 Staaten auf ein Aktionsprogramm mit dem Ziel, das Wachstum der Weltbevölkerung zu begrenzen. Seither ist sie jedoch munter gewachsen. Lebten 1994 rund 5,6 Milliarden Menschen auf der Erde, sind es heute 7,7 Milliarden. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten es Uno-Prognosen zufolge fast elf Milliarden sein. Pro Jahr wächst die Weltbevölkerung um die Einwohnerzahl Deutschlands.

In der Politik gibt es kaum ein ambivalenteres Thema. Einerseits ist klar, dass es mit wachsender Bevölkerungszahl unmöglich ist, große Herausforderungen wie den Klimawandel zu stoppen. Andererseits müsste nach diesen Maßgaben die grausame Einkindpolitik der Volksrepublik China als vorbildlich gelten.

Einziger Ausweg aus diesem Dilemma ist eine Politik, die weltweit für eine gerechtere Chancenverteilung sorgt und Bildung und Aufklärung verstärkt. In vielen Regionen der Welt gilt Kinderreichtum noch immer als beste Absicherung fürs Alter. Ohne Bildungs- und Berufschancen sehen sich Frauen vielerorts gezwungen, sehr jung zu heiraten und Mütter zu werden. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung sind Unterdrückung, fehlende Verhütungsmittel oder mangelndes Wissen die Ursache für etwa 74 Millionen ungewollte Schwangerschaften pro Jahr.

Angesichts der Bedeutung des Themas für die Zukunft der Menschheit ist die Konferenz in Nairobi die vielleicht wichtigste unserer Zeit.

Politik mit Bommel auf dem Kopf

Michael Kappeler/ DPA

Bei der Europawahl gelangte die Satirepartei "Die Partei" bei den Erstwählern hinter den Grünen und der Union auf Platz drei. Neben Martin Sonneborn zog auch der Kabarettist Nico Semsrott, 33, ins Europäische Parlament ein. Als der SPIEGEL einer Besprechung in dessen Abgeordnetenbüro beiwohnte, trug Semsrott ein grünes Geburtstagshütchen mit goldenem Bommel auf dem Kopf. Seine Mitarbeiter trugen Plastikbrillen in Form von Flamingos oder Fellohren.

Semsrott und andere Satirepolitiker stehen unter Verdacht, es gehe ihnen vor allem um Selbstdarstellung. Dafür würden sie demokratische Institutionen wie das EU-Parlament verächtlich machen. Doch meine Kollegen Milena Hassenkamp und Peter Müller sahen schnell, dass Semsrott ernste Anliegen hat. Anders als Kollege Sonneborn schloss er sich der Grünen-Fraktion an, weil er glaubt, dort mehr bewegen zu können. Aktuell plant Semsrott eine Europäische Bürgerinitiative, mit der er erreichen will, dass die EU das Thema Depression ernster nimmt - eine Krankheit, mit der er selbst seine Erfahrungen hat.

Grundsätzlich steht das Experiment Nico Semsrott für die Frage, ob sich mit den Mitteln der Satire Menschen für Europa begeistern lassen, die die traditionelle Politik längst nicht mehr erreicht. Meine Kollegen hatten am Ende der Recherche genau diesen Eindruck: "In einer Zeit, in der die 'heute-show' höhere Einschaltquoten hat als die ihr zugrunde liegenden Nachrichtensendungen, können Abgeordnete wie Semsrott helfen, Unkenntnis, aber auch Politikverdrossenheit etwas entgegenzusetzen."

Verlierer des Tages ...

Kay Nietfeld/ /dpa

... ist das Auto. In Berlin wird es künftig immer weniger Parkplätze für PKW geben. Bisherige Plätze sollen umgewidmet werden, als Parkflächen für Lastenfahrräder, E-Scooter und all die anderen neuen Dinger, die irgendwie fahren und bei denen der klassische Dieselfahrer längst den Anschluss verloren hat. Es sieht nicht gut aus für das Auto. Wenn die Entwicklung so weitergeht, hätte die Hauptstadt in ein paar Jahrzehnten tatsächlich ein zeitgemäßes Mobilitätskonzept. Für den Diesel- und SUV-Standort Deutschland wäre das natürlich eine Katastrophe.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
jo.lu 12.11.2019
1.
Echt. Die SPD Vorsitz Wahl ist das Thema? Die sollen endlich wählen und dann das Ergebnis bekanntgeben.Gibt wichtigeres.
kasulzke 12.11.2019
2. Lustige SPD
Die Wahl des neuen SPD Vorsitzes dauert mittlerweile länger als so manche Amtszeit der früheren Parteivorsitzenden. Und, liebe Sozen, nur weil man immer wieder betont, dass man gebraucht wird und eine wichtige Funktion erfüllt, ist das noch lange nicht so. Um genau zu sein seid Ihr seit dem Schröder Gerd mittlerweile da, wo Ihr hingehört. Einstellig!!!
rainer goetzendorf 12.11.2019
3. Schade, dass Wagenknecht geht
Für mich ist Frau Wagenknecht eine der klügsten Frauen, die der Bundestag aufzuweisen hat. Sie hat Positionen vertreten, die auch die Bürger vertreten. Frau Kipping ist leider zu doktrinär. Sie trifft nicht die Interessen der Mehrheit der Bürger. Insbesondere ihre Haltung in der Flüchtlingsfrage ist nicht mehrheitsfähig. Wagenknecht und Lafontaine hätten der SPD gut gestanden.
thequickeningishappening 12.11.2019
4. Ohne Sarah Wagenknecht ist Die Linke Eine Huelle ohne Herz
Wenn Die SPD auch nur Einen Rest von Common Sense haette dann waere Die große Suche nun beendet. Einfach Frau Wagenknecht samt Programm uebernehmen ?!
fuchsi 12.11.2019
5. Superreiche
Wer nicht Milliardär oder wenigstens mehrfacher Millionär ist, hat keine Chance, für das amerikanische Präsidentenamt zu kandidieren. Mit einem Kanzlerkandidaten Friedrich Merz übernehmen wir auch noch dieses System. Allerdings erst in ein paar Jahren, noch ist er ja nicht Mitte 70.
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