Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Der Frieden wird wehtun

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um ein Treffen von zwei Außenministern, um ein Treffen von 27 Staats- und Regierungschef, um Angst, um Diktatoren im Krieg und um Matthias Brandt.

Wenn Unrecht belohnt wird

Heute gibt es ein Gespräch, das ein bisschen Hoffnung auf Frieden macht. In Antalya trifft der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba auf seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow. Deshalb werden die Waffen nicht schweigen, aber vielleicht ist das ein Auftakt zum Besseren.

Zerstörung in der Ukraine (nahe Irpin am 5. März)

Zerstörung in der Ukraine (nahe Irpin am 5. März)

Foto: Vadim Ghirda / dpa

Allerdings kann es wohl keinen Frieden geben, der nicht wehtut. Frieden mit einem unbesiegten Aggressor bedeutet oft, dass Unrecht belohnt wird. Der Status quo ante ist dann keine Option. Die Russen werden ihre Panzer nur abziehen, wenn sie dafür etwas bekommen, einen Verzicht der Ukraine auf die Nato oder eine Anerkennung der Krim als Teil Russlands.

Frieden heißt dann in diesem Fall auch, sich mit dem Unrecht zu versöhnen. Nur die Ukrainer können entscheiden, wozu sie bereit sind.

Das Tröstliche am Schlechten

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union treffen sich heute und morgen in Versailles zu einem informellen Gipfel. Drei Themen sind aufgerufen: die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit, die Verringerung der Energieabhängigkeit von Russland, der »Aufbau einer robusteren wirtschaftlichen Basis«.

Flaggen der Europäischen Union

Flaggen der Europäischen Union

Foto: Arne Immanuel Bänsch / dpa

Wenn es heißt, das Tröstliche am Schlechten sei, dass es auch etwas Gutes schafft, klingt das immer ein bisschen zynisch. Schlecht bleibt schlecht, grauenhaft bleibt grauenhaft. Die Menschen in der Ukraine, die jetzt das Grauen erleben, haben erst einmal nichts davon, dass die EU nun so einig scheint wie lange nicht mehr. Gleichwohl muss man sagen, dass dieser Krieg auch eine Chance in sich birgt. Eine Chance, die die EU auf keinen Fall verpassen darf: doch noch eine starke Union zu werden.

Flüssig für den Notfall

Angst ist ein Wort, das ich derzeit oft höre. Gesprächspartner bekennen, dass sie Angst haben . Man bereitet sich vor, schafft Jodtabletten an, weil sie bei einem Nuklearangriff helfen sollen. Oder besorgt sich Klebeband, um die Fenster abzudichten. Jemand hat mir erzählt, dass er größere Mengen Haferflocken gebunkert habe, um eine Versorgungsmittelkrise überstehen zu können. Ein Bekannter hat 10.000 Euro abgehoben und zu Hause versteckt, um im Notfall flüssig zu sein.

Man ist froh, ein Wochenendhaus in einer entlegenen Gegend zu haben. Oder überlegt sich, eins zu mieten oder zu kaufen. Andere denken über Fluchtrouten nach. Athen, dann mit dem Schiff nach Australien, habe ich zum Beispiel gehört. Manche dieser Gedanken werden halb ironisch geäußert, andere ernst. Der Krieg, heißt es, sei der Vater aller Dinge. Im Moment ist er der Vater vieler Gedanken und Gefühle.

Isolierte Diktatoren

Am Montag hatte ich erwähnt, dass ich derzeit die Biografie Adolf Hitlers von Ian Kershaw lese, und erstaunliche Parallelen zwischen damals und heute finde. So war es wieder, als ich gestern die Berichte über die Aussagen von CIA-Chef William Burns sah.

Adolf Hitler mit Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop

Adolf Hitler mit Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop

Foto: DPA

»Er hat ein System geschaffen, in dem der Beraterkreis immer enger wird«, sagte Burns zum Beispiel. Bei Hitler war es ähnlich. Je länger der Krieg dauerte, je schwieriger die Lage wurde, desto mehr hat er sich isoliert. Regelmäßigen Zugang hatten nur noch langjährige Vertraute wie Goebbels oder Göring. Selbst mit den Generälen im Führerhauptquartier wollte Hitler kaum noch reden. Er nahm seine Mahlzeiten lieber allein ein, um nicht mit ihren Sorgen konfrontiert zu sein.

Burns sagte über Putin, es sei »nicht karrierefördernd«, wenn jemand sein Urteil infrage stelle. Auch hier gibt es eine Parallele. Hitler hielt sich für einen genialen Kriegsstrategen und bekam mitunter Schreiattacken, wenn Generäle seine Ideen nicht für genial, sondern für schädlich hielten. Was sie oft waren. Wer nicht spurte, wurde entlassen.

Putin habe sich »komplett verkalkuliert«, was die Stärke seiner Gegner angehe, sagte Burns. Das lässt sich eins zu eins auf Hitler übertragen. Und noch eine Parallele: Beide sind völlig empathiefrei, gerade gegenüber dem Schicksal großer Städte und ihrer Bewohner. Hitler geiferte oft, er wolle eine Stadt ausradieren oder dem Erdboden gleichmachen. Auch von Kiew hat er das gesagt.

Es geht mir nicht darum zu sagen, Putin sei ein neuer Hitler. Es geht mir darum zu verstehen, wie sich ein isolierter Diktator im Kriegsfall verhält. Und von Hitler ist mehr bekannt als von Putin.

Gewinner des Tages...

Matthias Brandt (Archivbild)

Matthias Brandt (Archivbild)

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / dpa

...ist Matthias Brandt. Gestern war ich im Theater, Berliner Ensemble: »Mein Name sei Gantenbein« mit Brandt als Solisten. Die beiden Männer neben mir schliefen sofort ein. Es sind immer die Männer, die in Theatern einschlafen. Brandt spielte hinreißend, war scheinblind, war eifersüchtig, war hysterisch, war Schleicher, war Wüterich, war hinfällig und vital, war in manchen Augenblicken Willy Brandt, ungespielt. Je älter wir werden, desto mehr kommen unsere Väter durch. Mein Spiegel sagt mir das jeden Morgen.

Am Ende klatschten die beiden Männer neben mir, die durchgeschlafen hatten, frenetisch. Das ist die wirklich große Kunst, sie erreicht auch die Schlafenden.

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