Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

die Frage, die diese Republik bewegt, ist ja nicht, wie es mit der SPD weitergeht. Die Republik bewegt die Frage, wie es mit der Großen Koalition weitergeht. Aber diese Frage ist völlig offen, auch nach dem Mitgliedervotum der Sozialdemokraten für Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans.

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Das wurde gestern Abend in der Sendung "Anne Will" deutlich. Esken und Walter-Borjans wanden sich eine Stunde lang, auch auf scharfe Befragung, um keine Antwort auf die wichtigste Frage geben zu müssen.

Über Monate hat die SPD nach neuen Vorsitzenden gesucht. In dieser Zeit stand hinter der Großen Koalition ein Fragezeichen, sie schwebte in der Luft, machte Politik unter Vorbehalt. Dass sich die Mitglieder für zwei Kandidaten entschieden, die unentschieden sind, sagt viel über die Zerrissenheit der SPD in dieser Frage. Aber es ist auch eine Zumutung. Dieses Land muss raus aus dem Wartesaal, braucht eine Entscheidung.

  • SPD-Entscheidung für Esken und Walter-Borjans: Rote Revolte

Junges Deutschland

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Soweit ich weiß, gab es in der Geschichte der Bundesrepublik nie einen 30-jährigen Politiker, der so mächtig war, wie es derzeit Kevin Kühnert ist. Er steht hinter dem Sieg von Walter-Borjans und Esken, weil er seine Juso-Truppen für die beiden mobilisiert hat. Sein Wort hat Gewicht, wenn die SPD doch noch mal entscheidet, ob sie die Große Koalition verlässt oder nicht. Damit wirkt Kühnert indirekt auch darauf ein, wer dieses Land regiert, ob Merkel, Kramp-Karrenbauer oder ein anderer.

Wer Kühnert gestern Abend in der ZDF-Sendung "Berlin direkt" gesehen hat, konnte auch annehmen, er selbst sehe sich früher oder später in diesem Amt. Das war ziemlich souverän und selbstsicher, zumal für einen 30-Jährigen.

Kühnerts Macht ist auch Ausdruck einer Zeit, in der die Jugend nicht mehr hinnehmen will, wie die Verhältnisse sind. Die Protestbewegung "Fridays for Future" hat der Bundesregierung ein Klimapaket auf die Tagesordnung gesetzt, nun bestimmen Kühnert und seine Jusos maßgeblich über das Schicksal der SPD und der Großen Koalition. Nach den Achtundsechzigern ist dies die einflussreichste Generation junger Menschen in der Bundesrepublik. Und ihr Einfluss kann noch wachsen.

Gehobene Bettler

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Heute informiert der Deutsche Spendenrat zu den Spendentrends. Ich kann das hier um eine Bemerkung zu einem Spendeneintreibetrend ergänzen. An fast allen Tagen der Woche bin ich jeweils abends und morgens am Berliner Hauptbahnhof, und an vielen dieser Tage lauern mir dort Leute auf, die für nützliche Anliegen Geld einsammeln, für den Umweltschutz oder für Amnesty International.

Es sind junge Leute, die geschult sind wie Schauspieler, sie kommen lächelnd angetänzelt und flöten, ich sehe so nett aus, ob ich nicht... In manchen Wochen erlebe ich das zehnmal, und wenn ich Pech habe, stehen die gehobenen Bettler von Amnesty auch am Wochenende am Marheinekeplatz, wo ich gern einkaufe. Früher habe ich noch angehalten und gesagt, dass ich bei meiner Bank einen Dauerauftrag für Amnesty hinterlegt habe (was stimmt), jetzt gehe ich nur noch kopfschüttelnd weiter. Und habe ein schlechtes Gewissen.

Demnächst frage ich die Spendeneintreiber, wie es mir gelingen könnte, nach ihren Kriterien nicht nett auszusehen.

Gewinner des Tages...

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...ist der Dokumentarfilmer Stephan Lamby. Seit vielen Jahren gelingt es ihm, Politik spannend für das Fernsehen zu erzählen. Heute Abend läuft in der ARD um 20.15 Uhr der Film "Die Notregierung - Ungeliebte Koalition". Lamby rekonstruiert, wie sich die Große Koalition bislang aufgeführt hat. Nicht gut, wie jeder weiß. In seinen Interviews mit einigen Beteiligten hörte Lamby eine Menge Zerknirschung und Reue, und dazu fand er kraftvolle, zum Teil poetische Bilder. "Verunsicherte Volksparteien, um ihre Glaubwürdigkeit ringende Politiker", heißt es in der Bilanz von Lambys Dokumentation, einem Thriller des Niedergangs.

Walter-Borjans und Esken sollten sich den Film anschauen. Vielleicht kommen sie dann leichter zu einer Entscheidung über die Zukunft der Großen Koalition.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.

Ihr Dirk Kurbjuweit