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21. Dezember 2018, 05:53 Uhr

Die Lage am Freitag

Liebe Leserin, lieber Leser,

Misstrauen gilt als eher unangenehme Eigenschaft. Allerdings ist sie bei einigen Berufen eine Grundvoraussetzung, vor allem im Journalismus. Unsere Arbeit lebt vom Zweifel. Wir müssen anzweifeln, was wir hören, was wir lesen; manchmal auch, was wir sehen. In der Regel gilt dies gegenüber den Subjekten unserer Recherchen, den Personen unserer Geschichten. Aber in Wahrheit, und dann wird es besonders unangenehm, braucht man dieses Misstrauen auch gegenüber Kollegen. Gegenüber Claas Relotius war der SPIEGEL leider zu vertrauensselig. Deshalb konnte er bei uns über Jahre gefälschte Geschichten veröffentlichen.

Nur einer war misstrauisch, und das ist mein Kollege Juan Moreno, der als freier Reporter für den SPIEGEL arbeitet. Als er mit Relotius eine Geschichte in Amerika recherchieren sollte, fielen ihm einige Ungereimtheiten auf. Er ging seinem Verdacht nach, so hartnäckig, bis er Relotius der Fälschungen und Lügen überführt hatte. Wir sind Moreno dafür sehr dankbar. In dem Schlamassel, in dem wir nun stecken, gibt es nur einen Lichtblick: Einer von uns hat diesen Fall aufgeklärt.

Im Video: Juan Moreno über den Fall Relotius

Der neue SPIEGEL, der heute ab 18 Uhr digital zu lesen sein wird, beschäftigt sich ausführlich mit der Krise im eigenen Haus. Dies ist auch unser Titelthema. Wir berichten, was die internen Ermittlungen bislang ergeben haben, wir lassen unseren Kritiker Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", ausführlich zu Wort kommen, und Juan Moreno hat für uns aufgeschrieben, wie er zum Whistleblower im SPIEGEL wurde.

Journalismus ahoi

Die Bundesmarine zahlt nicht mehr für die Sanierung des Segelschulschiffs Gorch Fock. Es geht dabei um den Verdacht der Korruption, und vielleicht wird sie nie mehr in See stechen. Ich fände das schade, weil ich mit der Gorch Fock eine schöne Erinnerung und eine gewisse Erleichterung verbinde.

Als ich 14 war, machte ich mit meinen Eltern Urlaub an der Ostsee. Im Hafen von Kiel lag die Gorch Fock, und ich war so beeindruckt von dem weißen Schiff, den weißen Uniformen und den zackigen Bewegungen der Matrosen, dass ich unbedingt Schiffsoffizier werden wollte, um mit der Gorch Fock um die Welt segeln zu können. Das war mein erster großer Berufswunsch, und er hielt drei Jahre, bis mir einfiel, Journalismus könne auch eine schöne Sache sein. Ich habe sofort den Wehrdienst verweigert.

Später habe ich immer mal wieder mit Schrecken daran gedacht, mir wäre diese Wende nicht passiert, ich hätte mich bei der Bundeswehr verpflichtet und wäre Seesoldat geworden. Ein Grauen. Wobei, in den vergangenen Tagen und schlaflosen Nächten, inmitten dieses Sturms, der über den SPIEGEL hinwegfegt, denke ich manchmal... Aber nur kurz, wirklich nur ganz kurz. Dann beruhige ich mich wieder.

Verlierer des Tages

"Wir haben gegen den IS gewonnen", hat Donald Trump gestern vermeldet. Das reiht sich ein in die lange Liste falscher Siegesmeldungen. Eine der berühmtesten ist die vom russischen General Kutusow, der nach der verlorenen Schlacht von Borodino 1812 seinem Zaren ausrichten ließ, die Russen hätten gegen Napoleon gewonnen. Auch Napoleon übertrieb gerne das Ausmaß seiner Siege, um in der Heimat für gute Stimmung zu sorgen. Die deutschen Militärs behaupteten nach dem Ersten Weltkrieg, sie seien im Felde unbesiegt, hatten tatsächlich aber kapituliert, weil die Kampfkraft nicht mehr reichte.

Trump hat seine Siegesmeldung später irgendwie widerrufen, am Ende des Tages war niemandem klar, was er wirklich meinte. Es wäre jedenfalls gefährlich, davon auszugehen, dass der IS nicht mehr kämpfen oder Terror verbreiten kann. Ein Sieger wie Trump muss daher Verlierer des Tages sein.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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