Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


Misstrauen gilt als eher unangenehme Eigenschaft. Allerdings ist sie bei einigen Berufen eine Grundvoraussetzung, vor allem im Journalismus. Unsere Arbeit lebt vom Zweifel. Wir müssen anzweifeln, was wir hören, was wir lesen; manchmal auch, was wir sehen. In der Regel gilt dies gegenüber den Subjekten unserer Recherchen, den Personen unserer Geschichten. Aber in Wahrheit, und dann wird es besonders unangenehm, braucht man dieses Misstrauen auch gegenüber Kollegen. Gegenüber Claas Relotius war der SPIEGEL leider zu vertrauensselig. Deshalb konnte er bei uns über Jahre gefälschte Geschichten veröffentlichen.

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Heft 51/2018
Wie unsere Vorfahren unser Leben prägen

Nur einer war misstrauisch, und das ist mein Kollege Juan Moreno, der als freier Reporter für den SPIEGEL arbeitet. Als er mit Relotius eine Geschichte in Amerika recherchieren sollte, fielen ihm einige Ungereimtheiten auf. Er ging seinem Verdacht nach, so hartnäckig, bis er Relotius der Fälschungen und Lügen überführt hatte. Wir sind Moreno dafür sehr dankbar. In dem Schlamassel, in dem wir nun stecken, gibt es nur einen Lichtblick: Einer von uns hat diesen Fall aufgeklärt.

Im Video: Juan Moreno über den Fall Relotius

DER SPIEGEL

Der neue SPIEGEL, der heute ab 18 Uhr digital zu lesen sein wird, beschäftigt sich ausführlich mit der Krise im eigenen Haus. Dies ist auch unser Titelthema. Wir berichten, was die internen Ermittlungen bislang ergeben haben, wir lassen unseren Kritiker Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", ausführlich zu Wort kommen, und Juan Moreno hat für uns aufgeschrieben, wie er zum Whistleblower im SPIEGEL wurde.

Journalismus ahoi

DPA

Die Bundesmarine zahlt nicht mehr für die Sanierung des Segelschulschiffs Gorch Fock. Es geht dabei um den Verdacht der Korruption, und vielleicht wird sie nie mehr in See stechen. Ich fände das schade, weil ich mit der Gorch Fock eine schöne Erinnerung und eine gewisse Erleichterung verbinde.

Als ich 14 war, machte ich mit meinen Eltern Urlaub an der Ostsee. Im Hafen von Kiel lag die Gorch Fock, und ich war so beeindruckt von dem weißen Schiff, den weißen Uniformen und den zackigen Bewegungen der Matrosen, dass ich unbedingt Schiffsoffizier werden wollte, um mit der Gorch Fock um die Welt segeln zu können. Das war mein erster großer Berufswunsch, und er hielt drei Jahre, bis mir einfiel, Journalismus könne auch eine schöne Sache sein. Ich habe sofort den Wehrdienst verweigert.

Später habe ich immer mal wieder mit Schrecken daran gedacht, mir wäre diese Wende nicht passiert, ich hätte mich bei der Bundeswehr verpflichtet und wäre Seesoldat geworden. Ein Grauen. Wobei, in den vergangenen Tagen und schlaflosen Nächten, inmitten dieses Sturms, der über den SPIEGEL hinwegfegt, denke ich manchmal... Aber nur kurz, wirklich nur ganz kurz. Dann beruhige ich mich wieder.

Verlierer des Tages

AP

"Wir haben gegen den IS gewonnen", hat Donald Trump gestern vermeldet. Das reiht sich ein in die lange Liste falscher Siegesmeldungen. Eine der berühmtesten ist die vom russischen General Kutusow, der nach der verlorenen Schlacht von Borodino 1812 seinem Zaren ausrichten ließ, die Russen hätten gegen Napoleon gewonnen. Auch Napoleon übertrieb gerne das Ausmaß seiner Siege, um in der Heimat für gute Stimmung zu sorgen. Die deutschen Militärs behaupteten nach dem Ersten Weltkrieg, sie seien im Felde unbesiegt, hatten tatsächlich aber kapituliert, weil die Kampfkraft nicht mehr reichte.

Trump hat seine Siegesmeldung später irgendwie widerrufen, am Ende des Tages war niemandem klar, was er wirklich meinte. Es wäre jedenfalls gefährlich, davon auszugehen, dass der IS nicht mehr kämpfen oder Terror verbreiten kann. Ein Sieger wie Trump muss daher Verlierer des Tages sein.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
hajueberlin 21.12.2018
1. kein Problem
Kann passieren. Ist euch ja selber aufgefallen. Ich frage mich lediglich, wie stark der Konkurrenzkampf bei euch sein muss, dass ihr so spät reagiert. Ihr dachtet wohl, euer Kollege ist ein Intrigant. Vielleicht ist es aber auch anders herum. Die Strukturen sind zu festgefahren. Vielleicht habt ihr euch auch von den Auszeichnungen blenden lassen. Deshalb nicht hinterherrecherchiert. Nach dem Motto: Wenn alle sagen es ist gut, dann wird es schon stimmen. Anders herum: Warum gibt es dann überhaupt eine Abteilung zur Gegenkontrolle? "Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser." Sei's drum. Für mich ist das kein Grund alles in Frage zu stellen. Sonst wird man paranoid. Ihr werdet das Kind schon schaukeln. Ihr seid nicht die Ersten und werdet auch nicht die Letzten sein. Frohes Fest euch allen. hajue
matbhmx 21.12.2018
2. Ach ja, der heldenhafte ...
... Spiegel - Opfer böser Mächte! Schon die Überschrift des ursprünglichen alles offenlegenden Artikel ist geschickt gewählt: "Der Spiegel legt Betrugsfall im eigenen Haus offen"! Das hat doch eigentlich eine absolut positive Konnotation! Der Spiegel tut was! Der Spiegel legt offen! Investigativer Journalismus!!! Donnerwetter! Damit hat man, bei allen Bekenntnissen im Artikel über (massive) Fehler, für die man irgendwie immer nichts kann, seine Aufgabe herausragend getan. Und ein neuer Held ist geboren: Moreno! Der hat alles im Auftrag des Spiegel aufgedeckt! Der Enttarner! Die Wahrheit ist viel banaler: Relotius hat über Fergus Falls berichtet, als wäre er vor Ort gewesen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass irgendjemand in Fergus Falls davon was mitbekommt. Nun hatten sich die Betroffenen vor Ort gemeldet. Es drohte der unehrenhafte Absturz des Spiegel! Also galt es, das Heft in die Hand zu nehmen. Nicht die kleine Truppe in Fergus Falls hat das Desaster offenbart. Der Spiegel mit seinem neuen Helden hat es getan! Na bitte! Sorry, aber einfach nur peinlich! Ganz nebenbei: Der Spiegel ist ja nicht alleine. Es gibt ja offensichtlich eine ganze Menge mehr Medien, die auf den "Literaten" hereingefallen sind! Er hat eben so hübsche Storys verkauft! Damit konnte man Auflage machen! Punkt.
noway2go 21.12.2018
3. Relotius
Chapeau. Ihr Umgang mit diesem Fall ist gut, durchdacht und im Sinne von Augstein. Auf der einen Seite kommt nach 5 Tagen Relotius Berichterstattung langsam ein Ermüdungseffekt, machen Sie die Sache nicht größer als sie ist. Die Anzahl der "klicks" auf den dazugehörenden Artikeln wird Ihnen den richtigen "Absprungszeitpunkt" anzeigen. Andererseits, und hier liegt die größte Gefahr, Ist der "weiße Elefant" im Raum die folgende Frage: wenn schon Ihnen und Ihrem Haus mit dem Qualitätsjournalismus, den Sie insgesamt liefern, ein solches schwarzes Schaf durchläuft, wie sieht das bei den "robuster" daherkommenden Medien aus? Und wie kann das hier leider bestätigte Vorurteil der Fake News und das Mißtrauen gegenüber der bösen, bösen Presse (ironisch gemeint) relativiert werden? Mir fällt zum Letzteren keine direkte Antwort ein als ein "weiter so", vielleicht mit (noch) weniger Färbung in den Artikeln. Gut würde ich es auch finden, wenn der dann doch überzogenen Anspruch, die 4. Instanz im Lande darzustellen, mit etwas mehr Demut betrachtet wird. Sagen, was ist. Und manchmal bitte auch nicht mehr.
Schubidubiduu 123 21.12.2018
4. Bitte aufhören
mit diesem Selbstmitleid. Misstrauen ist gut - sollte man ggü. jeden Artikel/Bericht haben, insbesondere ggü. solchen Berichten, die auf die persönliche Betroffenheit bzw. Gefühle abzielen. Gilt auch fürs TV. Mark Twain lässt grüßen. Die meisten beinhalten aber durchaus einen Kern vernünftige Infos.
spon-1262956449612 21.12.2018
5. Häme ist unangebracht,
aber wenn ich sehe, was Relotius so geschrieben bzw. erfunden hat, muss ich an Friedrichs denken. Mach dich als Journalist nie mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten.
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