Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


herkömmliche US-Präsidenten würden die Anschuldigungen, die sich nun vor Donald Trump auftürmen, wohl nicht überstehen. Gestern wurde der schriftliche Vorwurf eines Whistleblowers veröffentlicht, der den Präsidenten des Amtsmissbrauchs bezichtigt. Trump hatte den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Telefon gebeten (oder besser: genötigt), Untersuchungen gegen Joe Bidens Sohn Hunter einzuleiten.

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Heft 39/2019
Ein Fanatiker, ein Hitzkopf und der Unberechenbare: Was ein Krieg am Golf für die Welt bedeuten würde

Offenkundig wollte Trump Schmutz als Munition für den heranziehenden Wahlkampf bekommen - im Gegenzug für amerikanische Militärhilfen. Zudem wirft der anonyme Geheimdienstmitarbeiter dem Weißem Haus vor, die Mitschrift des Telefonats zunächst auf einem geschützten Server versteckt zu haben.

Trump aber ist kein herkömmlicher Präsident. Die Skrupellosigkeit ist sein treuer Begleiter. Ein anderer Begleiter ist die Erfahrung, mit jeder Ungeheuerlichkeit davonzukommen, als Geschäftsmann, als Privatmann, als Präsident. Nur ein Beispiel von vielen: Als Präsidentschaftsbewerber ließ er der Pornodarstellerin Stormy Daniels auf verschlungenen Pfaden Schweigegeld zukommen, um eine mutmaßliche Affäre zu verheimlichen. Die Folgen? Keine.

Wird er auch dieses Mal wieder davonkommen?

Heute gehen die Anhörungen in Washington weiter, an deren Ende die Demokraten wohl ein Amtsenthebungsverfahren einleiten werden . Jedes Statement, jede Befragung wird live im Fernsehen übertragen und live von Trump auf Twitter kommentiert. Für Fans amerikanischer Politik-Serien sind dies Festtage und CNN ist spannender als Netflix. Für Freunde Amerikas sind es verstörende und traurige Tage.

Christoph Soeder/ DPA

Heute ist wieder Demo-Tag. Die Jugendbewegung "Fridays for Future" hat erneut zu Klimastreiks rund um den Globus aufgerufen. Am vergangenen Freitag konnte die Bewegung einen großen Erfolg feiern. Alleine in Deutschland gingen rund 1,4 Millionen Bürger auf die Straße, die meisten in Berlin, wo zeitgleich die Spitzen der Großen Koalition gerade ihr hasenfüßiges Klimaschutzpaket präsentierten, das in erster Linie ein GroKo-Schutzpaket war. Die Demonstranten hätten also gute Gründe, erneut auf die Straße zu gehen.

Die Teilnehmerzahl am vergangenen Freitag war auch deshalb so hoch, weil nicht nur die üblichen "Fridays for Future"-Demonstranten auf den Beinen waren. Viele machten vermutlich ihre erste Demo-Erfahrung. Im Fußball gibt es die Spezies des "Event-Fans". Gemeint sind Zuschauer, die nur dann im Stadion auftauchen, wenn es gerade angesagt ist. Heute wird sich zeigen, ob es sich beim Gros der Demonstranten um "Event-Klimaschützer" handelte - oder ob ihr Engagement nachhaltig ist.

Pflege als Profitgeschäft

Daniel Karmann/ DPA

Der Bundestag berät heute über das "Angehörigen-Entlastungsgesetz". Künftig sollen Kinder nur noch dann für pflegebedürftige Eltern zahlen müssen, wenn ihr Jahreseinkommen 100.000 Euro übersteigt. Das ist sinnvoll, denn viele ältere Menschen verzichten bislang auch deshalb auf einen Umzug ins Pflegeheim, weil sie ihren Kindern nicht finanziell zur Last fallen wollen. Mit dieser Entlastung von Angehörigen ist das Problem einer alternden Gesellschaft aber nicht annähernd gelöst.

Seit Jahren erzählen Politiker aller Parteien, wie wichtig die Pflege doch sei. Dennoch gibt es viel zu wenig Pflegekräfte in Deutschland, und deren Bezahlung ist ebenso grottig wie ihre Arbeitsbedingungen. Wenn die Politik die Pflege weiter privaten, rein profitorientierten Betreibern überlässt, wird sich an diesem Zustand kaum etwas ändern. Der Staat muss die Pflege endlich zur nationalen Aufgabe machen.

Das schönste Amt vor Papst

Andreas Gora/ DPA

In den unschuldigen Zeiten des Fußballs war der Chefposten beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) das schönste Amt der Welt - noch weit vor Papst. Man konnte alle paar Jahre schön zu den großen Turnieren in aller Welt reisen und musste sich nur hin und wieder auf deutschen Ascheplätzen in der Provinz zeigen.

Mit den vielen Milliarden aber, die das herrliche Spiel zum großen Geschäft machten, veränderten sich auch die Aufgaben der DFB-Präsidenten. Und sie gerieten in Versuchung. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass die beiden letzten Präsidenten über undurchsichtige Geldzahlungen oder teure Uhr-Geschenke stürzten.

Heute Vormittag wird auf dem Bundestag des DFB in Frankfurt ein neuer Chef gewählt. Einziger Kandidat ist Fritz Keller, der lange Zeit Präsident des SC Freiburg war. Bislang wurden DFB-Chefs vor allem an Titeln gemessen, die in ihrer Amtszeit geholt wurden. Bei Keller sollten die Maßstäbe andere sein. Es wäre bereits ein Erfolg, wenn er dem Verband das Image des windigen Geschäftemachers wieder nehmen könnte.

Gewinner des Tages...

Jens Kalaene/ DPA

... ist der Flughafen Berlin-Tegel. Am 3. Juni 2012 hatte der Flughafen seinen fest zugesicherten Renteneintrittstermin - nach 64 Jahren im Dienst. Weil ihn sein designierter Nachfolger, der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER), bis heute im Stich lässt, musste Tegel seinen wohlverdienten Ruhestand immer wieder verschieben. Trotz vieler Altersbeschwerden.

Der "tegeltypische" Geruchsmix aus Desinfektionsmittel, Urin und Fünfzigerjahren ist bestenfalls was für Fetischisten. Die viel zu engen Gänge, die für das Fluggastaufkommen der Nachkriegszeit konzipiert wurden, sind nichts für Klaustrophobiker. Und an schicke First-Class-Terminals ist gar nicht zu denken. All das aber macht Tegel zum ehrlichsten, tapfersten und liebenswürdigsten Flughafen Deutschlands.

Heute trifft sich der Aufsichtsrat des BER, um über die Lage auf der Baustelle des Desasterflughafens zu beraten. Aktuell wird eine Eröffnung im Oktober 2020 angepeilt. Bis dahin muss Tegel also weiter aushelfen. Mindestens. Das Treffen des Aufsichtsrats findet übrigens in einem Airport Hotel statt. Am Flughafen Berlin-Tegel. Wo sonst.

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insgesamt 10 Beiträge
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StefanZ. 27.09.2019
1. Lernen US Demokraten aus dem Whistleblower Fall?
Ich habe gerade den nächtlichen Artikel zu Trumps Vermissen von Todesstrafe für Whistleblower gelesen. Viel tiefer kann er wirklich nicht mehr sinken. Was hört man nun aus den Washingtoner Kreisen? Zugegebener Weise, wir fehlte und fehlt die Zeit, um zu forschen wie sich die einzelnen Kandidaten der Demokraten zum Thema Whistleblower positioniert haben. Hat z.B. Bernie Sanders eine klare Meinung dazu, wie Zeugen vom Kaliber Snowden zu behandeln sind? Haben die Demokraten als Ganzes versprochen die Gesetzeslage deutlich zu ändern? Oder sollte es so sein, dass es doch nur darum geht, wer denn gerade mit Tatsachen oder Verleumdungen angegriffen wird, ob man z.B. Trump oder Biden heißt?
katzenklopfer 27.09.2019
2. @Autor
Die Aussage zu FFF ist so eine selbsterfüllende Prophezeiung. Natürlich werden die Demos heute kleiner ausfallen, d.h. aber nicht das nicht eher mehr als weniger der Menschen, die am Freitag vergangener Woche auf der Straße waren, die Ziele von FFF teilen. Sie sollten eher einmal Überlegungen anstellen, wieviele Menschen dringend konkretes Handeln für wichtig erachten, das weltweit um die 4 Mio Menschen auf die Straße gingen. Denn nicht alle können kommen, die es wollen. An dieser Stelle will ich noch die ekelerregende Erfahrung teilen, dass dem Video über den schweren SUV Unfall in Berlin das allseits bekannte Werbevideo eines Autoversicherers vorgeschaltet war - Erotische Kuscheln mit dem Autoleder inklusive. Geld stinkt nicht, gell?
ja-nuss 27.09.2019
3.
Von Beginn an war abzusehen, dass die FFF kein zufälliges Ereignis sind sondern eine professionell umgesetzte Marketingstrategie. So zweifelhaft die verborgenen Strategen sind, so genial ist die Idee. Welche Masse ist unerfahrener, unkritischer und leichter zu manipulietem als Jugendliche und dann belohnt man sie noch mit legitimiertem Schulschwänzen. Nun die zweite Welle, Manche Amtsleiter legitimieren den politischen Streik und wer lässt nicht gern mal für den guten Zweck die Arbeit ruhen? Aber wozu die Aufregung, der Spuk wird wie viele andere Enden. Die Folgen der hysterischen politischen Reaktionen werden uns aber noch lange auf die Füsse fallen.
haresu 27.09.2019
4. Kämpfen!
Wie können es "verstörende und traurige Tage" für die Freunde der USA sein, wenn endlich aufgeräumt wird? Wenn es zumindest versucht wird? Daran ist nichts Schlechtes. Auch dann nicht, wenn das Amtsenthebungsverfahren scheitern sollte. Auch dann nicht wenn Trump wiedergewählt werden sollte. Wer nicht kämpft hat schon verloren. Nicht zuletzt sich selber.
katzenklopfer 27.09.2019
5. @Redaktion
Der Verschwörungstheoretiker von @1 wird gepostet, mein Kommentar mit Kritik an Ihrem Autor und Ihrer Werbealgorithmen aber nicht? Scheine ich ja ins Schwarze getroffen zu haben. @1.: Selten so einen Unsinn am Morgen gelesen. Ganz nah dran an jüdischen Verschwörungstheorien: Oder wer sind "die verborgenen Strategen", die offensichtlich sich nur Ihrem scharfsinnigen Blick nicht entziehen konnten? Also wirklich, Spon....
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