Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Auch die Ukraine muss im Krieg der Humanität verpflichtet bleiben

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um Militär in Wohnblöcken, um Erdogans neue Rolle, um eine politische Gefangene, um den Start der Bundesliga und um Goethe als Verlierer.

Unwürdig

Die Ukraine hat jetzt ein Problem, das Demokratien im Krieg generell haben. Sie können oder zumindest sollten nicht alles tun, was sie militärisch als notwendig erachten. Demokratien bleiben selbst im Krieg in besonderer Weise der Humanität verpflichtet.

Amnesty International wirft der Ukraine nach Recherchen in den Kampfgebieten vor, Militärbasen in besiedelten Wohngebieten zu unterhalten, auch in Schulen und Krankenhäusern. Zudem würden von dort Waffensysteme eingesetzt. Das gefährde die Bevölkerung, da Militär gegnerisches Feuer anzieht.

Präsident Selenskyj, verwundeter Soldat: In besonderer Weise der Humanität verpflichtet

Präsident Selenskyj, verwundeter Soldat: In besonderer Weise der Humanität verpflichtet

Foto: - / dpa

Man muss hier nicht betonen, dass Russland diesen Krieg ruchlos begonnen hat und vor Kriegsverbrechen nicht zurückschreckt. Es geht hier nicht um einen Vergleich mit Russland. Es geht um die Standards von Demokratien, und die Ukraine will zu diesem Kreis gehören. Schade, dass ein Präsidentenberater Amnesty sofort als Gehilfen Russlands diffamiert hat, statt anzukündigen, dass die Vorwürfe untersucht werden. Einer Demokratie ist das nicht würdig.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Selenskyj attackiert Amnesty, Artillerieangriff auf Charkiw – das geschah in der Nacht: Kiew verbittet sich Kritik von Amnesty International: Die Menschenrechtsgruppe mache sich mit solchen Aussagen zum Helfer von Terroristen. Und: Russlands Präsident bekommt Besuch in Sotschi. Der Überblick.

  • Ermittler nehmen mutmaßlichen Russland-Unterstützer fest: Ein 31-jähriger Deutscher soll auf Telegram Propaganda für Russland verbreitet haben. Offenbar wollte er selbst in den Krieg ziehen. Doch dazu wird es nicht kommen.

Kriegsgewinner Erdoğan

Kein Politiker hat bislang so vom Krieg in der Ukraine profitiert wie der türkische Präsident Erdoğan. Heute reist er nach Sotschi, um dort seinen russischen Amtskollegen Putin zu treffen. Erdoğan ist der letzte Spitzenpolitiker eines Nato-Landes, der Putin noch persönlich trifft. Das bringt ihm Beachtung, zudem konnte sich die Türkei mit Vermittlungsversuchen zwischen der Ukraine und Russland profilieren.

Präsident Erdoğan: Eine neue Rolle

Präsident Erdoğan: Eine neue Rolle

Foto:

UMIT BEKTAS / REUTERS

Dass Russland Getreidefrachtern aus der Ukraine freie Fahrt nur gewährt, wenn sie in Istanbul auf Waffen durchsucht werden, beschert der Türkei eine Rolle bei der Versorgung der südlichen Welt mit Nahrungsmitteln. Und da Putin kaum noch Freunde auf dem internationalen Parkett hat, ist es für Erdoğan womöglich leichter, ihm gegenüber seine Interessen dort durchzusetzen, wo Russland und die Türkei Probleme miteinander haben, zum Beispiel in Syrien.

Am meisten hilft Erdoğan wohl, dass seine neue Rolle von den repressiven Zuständen im eigenen Land ablenkt.

Groteske Strafe

Wer das Gesicht von Brittney Griner auf Fotos sieht, erkennt das Entsetzen, die Traurigkeit und das Verwundern eines Menschen, der zufällig in die Mühle der Weltereignisse gerät. Die US-amerikanische Profibasketballspielerin war bei der Ausreise aus Russland mit milden Drogen erwischt worden und wurde dafür gestern zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, eine grotesk hohe Strafe.

Basketballerin Griner: Ein Geschenk für Putin

Basketballerin Griner: Ein Geschenk für Putin

Foto:

IMAGO/Anton Novoderezhkin / IMAGO/ITAR-TASS

Griner ist für Putin ein Geschenk, um die USA vorzuführen. Sie könnte freikommen, wenn die Amerikaner im Gegenzug russische Schwerverbrecher freilassen. Es war auch die Rede davon, dass die Deutschen den sogenannten Tiergartenmörder ziehen lassen sollen. Er hatte in Berlin im Auftrag eines russischen Geheimdienstes einen angeblichen Regimefeind erschossen.

Natürlich wäre das ein schiefer Deal, der jedem Gerechtigkeitsverständnis widerspricht. Aber ist das entscheidend? Mir ist in diesem Fall lieber, jemand entkommt seiner gerechten Strafe, als dass jemand einer ungerechten Strafe ausgesetzt ist.

Am Lagerfeuer

Heute Abend wird das Lagerfeuer lodern, heute beginnt, endlich, endlich, die Bundesligasaison 22/23 mit dem Spiel Eintracht Frankfurt gegen Bayern München. Der Fußball sei »das letzte verbliebene Lagerfeuer der Gesellschaft«, sagt Donata Hopfen, Chefin der Deutschen Fußball Liga, in einem Interview in der »Süddeutschen Zeitung« von heute. Lagerfeuer heißt: Ein Großteil der Deutschen sitzt gleichsam zusammen, nimmt Anteil und kann mitreden.

Bayern-Coach Nagelsmann: Geht wieder los

Bayern-Coach Nagelsmann: Geht wieder los

Foto: Clemens Bilan / EPA

Der Fernsehkrimi »Tatort« erhebt ebenfalls Ansprüche, letztes Lagerfeuer zu sein. Gegenüber der Bundesliga hat er den Vorteil, dass man nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht. Wer Deutscher Meister wird, scheint hingegen bereits geklärt. In einer Umfrage der dpa haben alle Trainer und Manager der Bundesligaklubs auf München getippt. Es wäre der 11. Titel hintereinander, der 33. insgesamt. Langeweile am Lagerfeuer, das gefällt nicht einmal mir als Bayern-Fan.

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Verlierer des Tages…

…ist Goethe, so leid es mir tut. Als letztes Bundesland wird sich Bayern 2024 vom »Faust« als Pflichtlektüre an Gymnasien verabschieden. Lehrerinnen und Lehrer können das Stück natürlich trotzdem weiterhin im Unterricht behandeln.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar

Foto:

Martin Schutt/ dpa

Früher war der Faust das Lagerfeuer der gebildeten Schichten in Deutschland. Jeder hatte ihn lesen müssen, jeder konnte mitreden. Das hat die Welt nicht besser gemacht, und es wäre auch zu viel verlangt von einem Buch, so wundervoll der Faust ist.

Pflicht und Kultur passen ohnehin nicht zusammen. Es ist Auftrag der Kultur, für Vielfalt zu sorgen und unablässig Neues zu produzieren. Und wer sich für Kultur interessiert, wird irgendwann von selbst auf den Faust kommen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Trotz äußerster Vorsicht – Lauterbach mit Coronavirus infiziert: Der Gesundheitsminister ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Nach Angaben des Ministeriums hat der 59-Jährige leichte Symptome.

  • Amerikas bekanntester Verschwörungsideologe muss Schadensersatz in Millionenhöhe zahlen: Nach einem Urteil muss Alex Jones die Eltern eines der Opfer des Sandy-Hook-Massakers entschädigen. Weitere Strafen dürften folgen.

  • USA verhängen nationalen Notstand wegen Affenpocken: Die Zahl der Affenpockeninfektionen hat sich in den USA auf 6600 erhöht. Durch die Ausrufung des Gesundheitsnotstands sollen Mittel zur Bekämpfung des Virus freigegeben werden können.

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Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Sonnenkönig oder Hochstapler?: Geht es nach Markus Söder, dann ist Bayern in der Energiewende leuchtendes Vorbild. In fast allen Statistiken sieht er den Freistaat bundesweit vorn. Seine Zahlen im Faktencheck. 

  • »Die israelische Gesellschaft hat den Glauben daran verloren, dass man den Konflikt lösen kann«: Israels Regierung kam nur ins Amt, um Benjamin Netanyahu zu verhindern. Nach ihrem Scheitern könnte der korruptionsverdächtige Ex-Premier bald zurückkehren. Der Forscher Yossi Yonah hält sein Land für fast unregierbar. 

  • »Sei ein Egoist und betreibe rücksichtsloses Cherry Picking«: Hier kommt eine todernst gemeinte Nachricht aus dem Jahr 2022 für 2060: Was ich mir jetzt schon selbst rate für mein Seniorendasein. 

  • »Sind Sie sicher, dass Sie dieses Auto bauen wollen?«: Roberto Giolito hat den Fiat Multipla verbrochen, verspottet als Glaskasten mit Speckfalte. Hier erklärt der Designer, warum er noch immer zu seiner Kreation steht – privat aber SUV fährt. 

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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