Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Nuclear messaging – die gefährlichste Sprache der Welt

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um geheime Botschaften hinter Atomdrohungen, um ein Schiff im Schwarzen Meer und um Nancy Pelosis heikle Reisepläne.

Der Bundeskanzler als Laie

Außenministerin Annalena Baerbock reist heute nach Kanada. Gestern hielt sie eine Rede bei der Uno-Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York. Dabei sagte sie, Russland habe »wiederholt eine rücksichtslose atomare Rhetorik an den Tag gelegt«.

Das berührt die heikelste, gefährlichste Sonderform menschlicher Kommunikation, das »nuclear messaging«. Seit dem Kalten Krieg gibt es einen eigenen Code, eine Sprache der Worte und Gesten, die sich an den jeweiligen Gegner richtet und nur von Eingeweihten bis ins Detail verstanden wird. Und gerade das Detail ist wichtig: Wie viele Leute haben Bereitschaftsdienst in einem Atomwaffenlager? Welche Worte sind eskalierend oder deeskalierend?

Die Experten suchen in diesen Mikrobotschaften Zeichen der Aggression, Zeichen der Schwäche, Zeichen der Vorbereitung für einen Atomschlag. Genaue Kenntnis der Symbolik ist wichtig, um katastrophale Missverständnisse zu vermeiden.

Bundeskanzler Scholz

Bundeskanzler Scholz

Foto: IMAGO/Bernd Elmenthaler

Als Laie des nuclear messaging hat sich kürzlich Bundeskanzler Olaf Scholz erwiesen, aus Sicht von Experten seiner eigenen Regierung. Die waren entsetzt, als sie in einem SPIEGEL-Gespräch Scholz' Aussage lesen mussten, dass es keinen Atomkrieg geben dürfe . Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber im Denken des nuclear messaging ein Signal an Putin, dass er die Nato bei seinem Krieg gegen die Ukraine nicht fürchten muss.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • »Wenn Putin nur noch nach Nordkorea und Syrien reisen kann, ist das Ziel erreicht«: Die Ukraine will ein eigenes Tribunal schaffen, vor dem Russlands Präsident angeklagt werden soll. Andrij Smirnow ist als Selenskyjs Vize-Stabschef an der Planung beteiligt und sagt, was sein Land damit bezwecken möchte .

  • Als der Krieg zu mir nach Hause kam: Die ukrainische Fotografin Julia Kochetova dokumentiert für den SPIEGEL das Leid in ihrem Land. Bisher lebte sie mit der Gewissheit, dass zumindest ihre Eltern in Sicherheit sind. Dann stürzten Raketen auf ihre Heimatstadt. 

  • Erstes Schiff mit Getreide hat Hafen von Odessa verlassen: Mit einem Abkommen haben Russland und die Ukraine ein Ende der Getreideblockade besiegelt. Nun hat das erste Frachtschiff in Odessa abgelegt. Weitere sollen folgen.

Ein Schiff wird ankommen, hoffentlich

Schiffe sind seit jeher Hoffnungsträger, im wahrsten Sinne des Wortes. Mit den portugiesischen Karavellen fuhr die Hoffnung auf neue Seewege. Mit den holländischen Handelsschiffen die Hoffnung auf Reichtum für die neuen Kapitalgesellschaften, mit der »Titanic« die Hoffnung auf einen Technologiesprung. Und oft war es die Hoffnung auf einen geliebten Menschen, wie in dem Lied »Ein Schiff wird kommen«.

Die »Razoni« vor ihrem Aufbruch aus Odessa

Die »Razoni« vor ihrem Aufbruch aus Odessa

Foto: IMAGO/SNA

Das Schiff der Hoffnung in diesen Tagen ist die »Razoni«, ein Frachter, der rund 26.000 Tonnen Mais geladen hat. Gestern in Odessa aufgebrochen soll er heute Nacht Istanbul erreichen, wo er nach Waffen durchsucht wird. Wenn alles gut geht, kann er seine wertvolle Ladung danach in den Libanon bringen.

Die »Razoni« profitiert als erstes Schiff von dem Abkommen zwischen der Ukraine und Russland, das die Seewege im Schwarzen Meer für Nahrungsmittel öffnet. Vor allem für den südlichen Teil der Welt verbindet sich damit die Hoffnung, dass eine Hungerkatastrophe vermieden werden kann. Und eine minimale Hoffnung auf Frieden fährt auch mit der »Razoni«.

Schwärende Wunden

Bei der Reise von Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses der USA, durch Asien interessiert vor allem die Frage, ob sie Taiwan besucht oder nicht. Das lenkt den Blick auf die schwärenden Wunden der Weltpolitik, also Konflikte, die seit Jahren oder Jahrzehnten nicht zu lösen sind und das Potenzial zum großen Krieg in sich tragen.

Nancy Pelosi

Nancy Pelosi

Foto: IMAGO/Chris Kleponis / IMAGO/ZUMA Wire

Beispiele: der Konflikt um Kaschmir zwischen Indien, Pakistan und China; die Inseln im Südchinesischen Meer, die zwischen China und anderen Anrainern umstritten sind und Interessen der USA berühren; die Palästinafrage; der Norden des Kosovo, in dem vor allem Serben leben, weshalb auch Russland mitmischt; das geteilte Korea. Und Taiwan natürlich.

Für die meisten dieser Konflikte haben sich Routinen eingespielt: symbolhafte Handlungen, Schießereien, die begrenzt bleiben, und vor allem Rhetorik, Drohungen und Gegendrohungen, ohne dass es zum großen Krieg kommt. Leid gibt es trotzdem mehr als genug.

Für die schwärenden Wunden der Weltpolitik ist, solange keine Lösung auftaucht, die Stille am besten, der Erhalt der Routine, so traurig sie oft ist. Sollte Nancy Pelosi nach Taiwan reisen, würde das für enormen Aufruhr sorgen, für eine Flut von Drohungen Chinas. Das würde wahrscheinlich keinen großen Krieg auslösen, aber zu gewinnen wäre mit einer solchen Reise nichts.

Der Termin

Heute erreicht die Urlaubszeit ihren Höhepunkt. Alle Bundesländer haben Ferien, und der dpa-Tageskalender, oft maßgeblich für dieses Morning Briefing, weist für den 2. August genau einen politischen Termin in Deutschland aus. Er sei daher hier referiert:

Am hessischen Oberlandesgericht in Frankfurt am Main beginnt heute der Prozess gegen den ehemaligen Schreinerlehrling Marvin E., der zwanzig Jahre alt ist. Der Generalbundesanwalt wirft ihm vor, die Gründung einer terroristischen Vereinigung versucht zu haben. Zudem habe Marvin E. eine schwere staatsgefährdende Straftat vorbereitet und gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz verstoßen.

E. ist Anhänger einer vor allem US-amerikanischen Organisation mit dem pompösen Titel »Atomwaffen Division«, die als rassistisch, antisemitisch, rechtsextrem gilt. Er wollte offenbar den »totalen Rassenkrieg«.

Hier geht's zum aktuellen Tagesquiz

Die Startfrage heute:

Gewinnerin des Tages…

Allende (2017)

Allende (2017)

Foto: Francisco Seco / AP

…ist Isabel Allende, die heute achtzig Jahre alt wird. Sie hat mich mit ihren Romanen nicht wirklich erreicht, auch nicht mit dem Welterfolg »Das Geisterhaus«. Aber ich habe viel Respekt vor ihrer Leistung als Schriftstellerin und Feministin .

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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