Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend So funktioniert Putins verdeckte Mobilmachung

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Krieg in der Ukraine – Wie rekrutiert Russland neue Soldaten?

  2. Starinvestor über Weltlage – Droht ein Krieg zwischen den USA und China, Herr Dalio?

  3. Schlimmer Finger – Wo steckt Ihr Ehrenring, Herr Schröder?

1. Deutschland rüstet, Russland rekrutiert

Die deutsche Armee kriegt mehr Geld: Heute hat der Bundesrat dafür gestimmt, das Grundgesetz zu ändern, damit die Bundeswehr ihr Sondervermögen bekommt. Wobei »Vermögen« ein Euphemismus für Aufrüstungskredite ist: Die Schuldenbremse gilt künftig nicht für die 100 Milliarden, mit denen der Staat neue Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Schiffe, Panzer, Munition, Nachtsichtgeräte und Funkgeräte kaufen will (hier mehr dazu).

Die russische Armee sucht Soldaten: Weil Putins Truppen in der Ukraine hohe Verluste erleiden, der Machthaber aber die Generalmobilmachung scheut, greift das Militär zu anderen Mitteln, wie meine Kollegin Christina Hebel, unsere Korrespondentin in Moskau, berichtet . Die Altersgrenze von 40 Jahren für Berufssoldaten wurde angehoben auf 65, auch mehr Sold gibt es: Mindestens 200.000 Rubel im Monat, etwa 3000 Euro, winken künftigen Berufssoldaten, was vorher nur Söldnertruppen wie die Wagner-Gruppe zahlten. »Das ist für viele unfassbar viel Geld«, sagt Christina. »In manchen Regionen entspricht es dem Siebenfachen des Durchschnittsgehalts.« Außerdem habe Putin angeordnet, dass den Familien der Kämpfer im Todesfall mehr als zwölf Millionen Rubel zu zahlen sind, etwa 190.000 Euro.

Zudem bekommen wehrfähige Männer offenbar Chatnachrichten mit der Aufforderung einzurücken (»Wir warten auf Sie«) und offizielle Militärpost mit einer Vorladung, wie ein Reservist erzählt. »Überall im Land, von Kaliningrad im Westen bis weit in die östliche Region Amur, werden Männer im kampffähigen Alter einbestellt«, berichtet Christina. Mindestens zwei Millionen Russen sind Teil der Reserve des Landes, genaue Zahlen sind Staatsgeheimnis. »Die russische Armee versucht den Nachschub an Soldaten mit allen Mitteln zu organisieren. Sie lockt, droht und simuliert sogar eine Mobilmachung, indem sie massenweise Vorladungen an Reservisten schickt, die manch einer aus Unwissen und Angst fälschlicherweise als Einberufungsbefehl missversteht.« Mit einer offiziellen Mobilmachung würde der Krieg im Alltag der Russinnen und Russen ankommen, was der Kreml um jeden Preis vermeiden wolle. Deshalb finde nun eine »verdeckte Mobilisierung« statt. Das bedrückendste Zitat stammt von einem Unteroffizier der Reserve: »Das Kanonenfutter kommt selbst in die Rekrutierungsämter.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Wer soll in Zukunft deutsche Waffen bekommen – und wer nicht? Die Grünen wollen die Richtlinien für Rüstungsexporte verschärfen – trotz des Krieges in der Ukraine und der angekündigten Zeitenwende. Kanzleramt und FDP sind skeptisch .

  • Gebt es endlich zu! In einem sind sich Angela Merkel und Gerhard Schröder einig: Sie haben im Umgang mit Wladimir Putin nichts falsch gemacht. Warum so unsouverän? 

  • Zum Tode verurteilte Briten waren reguläre Soldaten: Zwei Briten wurden von prorussischen Separatisten als »Söldner« zum Tode verurteilt. Laut ukrainischer Seite handelte es sich aber um Soldaten, womit ein Todesurteil gegen die Genfer Konvention verstößt.

  • Finanzchefs warnen vor Blockbildung: Deutschlands Unternehmen stellen sich auf tiefgreifende geopolitische Veränderungen ein. Sie rechnen mit gravierenden Folgen für Lieferketten, Produktion und Strategie. Vor allem die Autoindustrie leidet stark.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Geldanlage, Weltansage

Voller bedrückender Zitate ist auch das Interview, das meine Kollegen Michael Brächer und Henning Jauernig mit dem Starinvestor Ray Dalio geführt haben . Dessen Hedgefonds Bridgewater Associates, gegründet 1975, zählt heute mit mehr als 140 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen zu den größten der Welt. Dalio zufolge sind die USA so zerrissen, dass ein Bürgerkrieg droht: »Ich halte es für wahrscheinlich, dass bei den US-Präsidentschaftswahlen 2024 weder die Demokraten noch die Republikaner eine Niederlage akzeptieren werden«, sagt der Investor. »Dann wird der Oberste Gerichtshof eine Entscheidung treffen müssen, die von den Bundesstaaten infrage gestellt werden könnte.« Auch international sehe es düster aus: »Darüber hinaus steht das Land kurz vor einem Krieg mit China und Russland.«

Wie jeder Journalist haben sich Henning und Michael darüber gefreut, dass ihr Interviewpartner klare Positionen vertritt. »Aber wie düster Dalio die Aussichten für seine amerikanische Heimat zeichnet, hat uns dann doch überrascht«, sagt Michael. Das Videotelefonat mit dem Investor wurde zur Tour de Force durch die Wirtschaftsgeschichte: Für sein neues Buch hat sich Dalio etwa mit dem Aufstieg und Fall des niederländischen Königreichs beschäftigt, jetzt sagt er den wirtschaftlichen Abstieg der USA voraus. »Über Dalios Thesen kann man streiten, aber eines steht fest: Er ist nicht nur Investmentprofi, sondern auch Marketingexperte.«

Und falls Sie sich fragen, wie der Starinvestor trotz der düsteren Aussichten seine innere Ruhe bewahrt: »Nach dem Gespräch hat er uns verraten, dass er regelmäßig meditiert. Und das seit 1969!«, sagt Michael.

3. Keine Handreichung vom Ringträger

Freudscher Verleser bei der Lektüre dieser Meldung: Gerhard Schröders Cuxhavener Ehering ist verschwunden . Wen hat der Altkanzler denn in Cuxhaven geheiratet? Ach, es ist ein Ehrenring, einst verliehen wegen seines Einsatzes für die Hafenentwicklung. Jetzt fordert der Oberbürgermeister den Ring zurück, weil Schröders Haltung zum Krieg in der Ukraine sowie sein Job als Aufsichtsratschef des russischen Ölkonzerns Rosneft »nicht mit der Würde eines Ehrenringträgers der Stadt« zu vereinbaren seien.

Wie jeder Tolkien-Leser weiß, kann so ein Ringstreit schnell eskalieren. Und wie zeitweise in Mittelerde wurde auch der Verbleib des Cuxhavener Schmuckstücks ein Mysterium, berichtet mein Kollege Veit Medick . Im Hause Schröder scheint es jedenfalls unauffindbar zu sein. Der Altkanzler ließ den Oberbürgermeister abblitzen: Er sei damals als Ministerpräsident geehrt worden, weshalb er empfehle, sich an die Staatskanzlei in Hannover zu wenden. »Dort«, schrieb Schröder, »wird diese Auszeichnung sicherlich archiviert sein.« Aber da weiß man leider auch nichts über den Verbleib des Rings.

»Man kann den Fall belächeln, aber er berührt durchaus größere Fragen der hiesigen Debattenkultur«, findet Veit. Der Umgang mit Schröder biete allerlei Anschauung dafür, wie leicht berechtigte Kritik in Überreaktionen münden könne. »So verwerflich die Geschäfte des Altkanzlers auch sein mögen, so sehr scheinen manche Bestrafungsversuche vor allem von der Sehnsucht getrieben, sich schnell noch auf der Seite des Guten und moralisch Richtigen einzureihen.«

Um den, gnihi, Ringfinger in die Wunde zu legen, braucht es allerdings bald womöglich keine Menschen mehr: Japanische Wissenschaftler haben einen Roboterfinger entwickelt, der mit künstlicher Haut überzogen ist. Offenbar besteht sie aus menschlichen Zellen und kann sich selbst heilen. Es heißt, die Forscher würden versuchen, die Grenze zwischen lebendigem Fleisch und Maschine zu überwinden. Der Finger könne sogar schwitzen – einerseits beeindruckend, andererseits ist so die Gefahr größer, dass ein Ring abrutscht.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Trump wirft Untersuchungsausschuss »Hexenjagd« vor: Ein Untersuchungsausschuss macht Donald Trump für den Angriff auf das US-Kapitol in Washington verantwortlich. Doch der Ex-Präsident reagiert auf die Vorwürfe nach bekanntem Muster.

  • Ermittlungen konzentrieren sich auf Gleise und Fahrzeuge: Eine Woche nach dem Bahnunglück mit fünf Toten suchen Ermittler weiter nach den Ursachen. Ein falsches Handeln der Verantwortlichen während der Zugfahrt gilt Experten zufolge als eher unwahrscheinlich.

  • CDU und Grüne wollen miteinander regieren: In NRW soll es eine schwarz-grüne Koalition mit CDU-Ministerpräsident Wüst an der Spitze geben. Darauf haben sich Christdemokraten und Grüne verständigt. Nun müssen noch die Parteitage zustimmen.

  • Bundesrat beschließt Recht auf nicht besonders schnelles Internet: Der Bundesrat hat einer Verordnung zur Internetmindestversorgung zugestimmt. Einige Länder halten die Minimalwerte schon jetzt für »nicht mehr zeitgemäß«. Aber die Bundesnetzagentur versucht zu beruhigen.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Die neue Ideologie von Chinas Kommunistischer Partei: Kritik an der harten Null-Covid-Politik gilt in China als Tabu. Auch künftig müssen die Bürger mit scharfen Maßnahmen rechnen – aber der Preis dafür ist enorm .

  • So könnte der Körper lernen, den Krebs zu besiegen: Ein Mittel von Biontech hat bei schwer kranken Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs das Leben deutlich verlängert. Doch warum ist dieser Erfolg nur bei jedem zweiten Patienten gelungen ?

  • Warum 140 Millionen Dollar nicht mehr für eine Saison reichen sollen: Weniger Geld, mehr Wettbewerb – so wollte die Formel 1 in die Zukunft gehen. Doch Teams wie Ferrari oder Red Bull begehren wegen der Inflation auf. Gewinnt der cleverste Budgetüberzieher die WM ?

Was heute weniger wichtig ist

Ringtausch: Britney Spears, 40, hat wieder geheiratet. Nach übereinstimmenden Medienberichten gab sie am Donnerstagabend vor etwa 60 Gästen dem Fitnesstrainer Sam Asghari, 28, das Jawort. Kurz vor der Party sorgte Ex-Mann Jason Alexander, 40, für Aufregung, der 2004 kurz mit der Sängerin verheiratet gewesen war. Er soll versucht haben, die Zeremonie zu stören. Die Feierlaune schien aber zu überwiegen, ein Sprecher gab das PR-Zitat heraus: »Ich bin völlig begeistert, dass der Tag da ist und sie verheiratet sind.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Zum Schluss stellt Ausschuss-Chef Thompson der Polizistin Edwards eine letzte Frage: Welcher Moment des 6. Januar habe sich ihr am stärksten eingepägt? 

Cartoon des Tages: Spendenaufruf

Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Vielleicht am Sonntagabend mal wieder »Tatort« gucken? Es geht um Hamburgs autonome Szene, ein Fernsehkrimi im Pogo-Modus. »Der Einsatz von Musik als Chiffre der Gesinnung funktioniert in diesem ›Tatort‹ tadellos«, findet mein Kollege Christian Buß. »Dargeboten wird Punk in all seinen widerstreitenden, unversöhnlichen Facetten, die für die widerstreitenden, unversöhnlichen Facetten des Linksseins stehen.« In Rückblenden und Dialogen erzählen die Filmemacherinnen demnach schlüssig von der Radikalisierung der verdeckten Ermittlerin; »von einer Entgrenzung zwischen St.-Pauli-Krawall und HSV-Spießertum am Stadtrand«.

Hey! Ho! Let's go! Ihnen ein schönes Wochenende, herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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