Susanne Beyer

Die Lage am Morgen Ein Angriff auf ganz Europa

Susanne Beyer
Von Susanne Beyer, Autorin im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute widerlegen wir die Annahme, Europa interessiere Putin nicht. Wir zeigen am Beispiel des Wohnungsbaus die Widersprüche sozial-ökologischer Vorhaben. Und wir verteidigen Heidi Klum.

Putins Brille

In der vergangenen Nacht ist geschehen, was viele Beobachter lange befürchtet hatten: Wladimir Putin kündigte die Militäroperation in der Ukraine an. Und nur wenige Minuten später ließ er seinen Worten Taten folgen.

Die Staats- und Regierungschefs der G7 treffen sich heute auf einem virtuellen Gipfel, den Kanzler Olaf Scholz leiten wird. Auf dem Treffen soll eigentlich der Gipfel im Juni auf Schloss Elmau vorbereitet werden. Doch nun wird der Krieg in Osteuropa die Gespräche beherrschen.

In diesen Tagen heißt es immer wieder, Putin interessiere sich ausschließlich für die USA. Die anderen Länder der G7 seien ihm sowieso egal.

Für diese Annahme spricht, dass Putin in einem zentralen Punkt seiner Rede vom Montagabend, die der SPIEGEL hier dokumentiert, seinen Hauptvorwurf an die USA wieder aufgreift: »Sie können einfach kein großes und unabhängiges Land wie Russland gebrauchen.«

Putin braucht die alte Frontstellung des Kalten Krieges, weil diese sein Land in den Rang einer Supermacht hebt. Doch auch wenn er die Ukraine als »Kolonie« der USA bezeichnet. Die Mächte Europas sollten nicht übersehen, dass sie es sind, die Putin die eigentliche Sorge bereiten dürften.

Proteste auf dem Maidan im November 2013

Proteste auf dem Maidan im November 2013

Foto: STR/ AFP

In seiner Rede sagte er, die Proteste auf dem Maidan 2013 hätten »die Ukraine der Demokratie nicht nähergebracht«. Meine Kolleginnen Anika Zeller und Muriel Kalisch und mein Kollege Johannes Eltzschig haben die Fakten in Putins Rede geprüft und halten diese Aussage – neben vielen anderen – für falsch: Die Ukraine sei zwar keine vollständige Demokratie, doch seit den Ereignissen auf dem Maidan habe sie erhebliche Fortschritte gemacht und sei viel weiter als Russland selbst.

Der Ukraine grenzt sowohl an mehrere Länder der EU als auch an Russland. Ihre Hinwendung nach Europa muss für Putin eine Bedrohung sein.

Folgt man seiner Rede, entstammt sein politisches Denken der Logik früherer Zeiten, in denen Nationalismus und Patriotismus oberste Prinzipien waren. Nichts dürfte Putins Denken ferner liegen als das Friedensprojekt der EU, das die Einheit in Vielfalt vorsieht, nationale Souveränität respektiert, zugleich aber Nationalismus nicht braucht.

Er nimmt die USA als gespalten wahr und die EU als geschwächt durch die Pandemie und viele andere Sorgen. Aber die Europäer sollten nicht den Fehler begehen, auf sich selbst durch Putins Brille zu sehen. Europa ist stark, ein Sehnsuchtsort. Dafür ist die Ukraine nur ein Beweis. Was Putin gerade tut, ist nichts anderes als ein Angriff auf ganz Europa. Aber Angriffe können Kräfte mobilisieren. Mag Putin die Europäer unterschätzen – sie selbst dürfen das auf gar keinen Fall tun.

Ukraine-Krise – irrlichternde Linke

Die frühere Fraktionschefin der Linken Sahra Wagenknecht und Linken-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow

Die frühere Fraktionschefin der Linken Sahra Wagenknecht und Linken-Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow

Foto: Martin Schutt / dpa

Es könnte kaum schlimmer kommen, das ist das Gefühl dieser Tage. Tatsächlich aber hätte es noch schlimmer kommen können: Vor der Bundestagswahl war ja für kurze Zeit über die Möglichkeit eines rot-rot-grünen Bündnisses debattiert worden. »Man mag sich kaum vorstellen, welches Bild eine rot-rot-grüne Bundesregierung in der aktuellen Krise abgegeben hätte«, schreibt mein Kollege Timo Lehmann und porträtiert die Linke in seinem Text als eine in der Russlandfrage irrlichternde Partei.

Die besten Häuser sind die, die nicht gebaut werden

Heute treffen sich die für Städtebau, Bau- und Wohnungswesen zuständigen Ministerinnen und Minister der Länder zu einer digitalen Konferenz. Die Bedingungen in den einzelnen Ländern sind unterschiedlich. Aber die Landesminister kennen bereits ein Dilemma, das der neuen Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) noch zu schaffen machen wird. Die Bundesregierung hat sich einen sozial-ökologischen Wandel vorgenommen. Beim Thema Bauen aber zeigt sich, wie schwierig dieses Vorhaben umzusetzen ist.

Bundesbauministerin Klara Geywitz

Bundesbauministerin Klara Geywitz

Foto: Odd Andersen / AFP

Geywitz möchte den Wohnungsbau voranbringen, was aus sozialer Perspektive richtig ist, aus ökologischer aber eine Katastrophe. Auch mit nachhaltigem Bauen beute man die Natur aus, sagte der Autor Friedrich von Borries in einem SPIEGEL-Interview . Die besten Häuser seien die, die nicht gebaut würden. Der Mann ist im Hauptberuf Architekt.

Servus, Kanzler!

Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer

Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer

Foto: LISI NIESNER / REUTERS

Heute reist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nach Österreich – Antrittsbesuch beim neuen Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP). Man sollte sich zurzeit beeilen, wenn man einen österreichischen Kanzler treffen möchte. Ehe man sich’s versieht, hat man schon wieder einen verpasst. Meine Kollegen Oliver Das Gupta und Walter Mayr waren schneller als Söder und haben Nehammer bereits Ende Januar zum Gespräch getroffen . Damals galt folgende Rechnung: Nehammer war der dritte österreichische Kanzler in kaum zwei Monaten.

Gewinnerin des Tages…

Heidi Klum, Model und Moderatorin, im Januar bei der Premiere des Films »Moonfall«

Heidi Klum, Model und Moderatorin, im Januar bei der Premiere des Films »Moonfall«

Foto: CAROLINE BREHMAN / EPA

…ist Heidi Klum. Bitte jetzt nicht vor lauter Ärger Ihr schönes Handy in die Ecke pfeffern, liebe Leserin, lieber Leser, falls Sie dieses Morning Briefing überhaupt auf Ihrem Handy lesen. Auch andere Endgeräte sind zu schonen. Natürlich gibt es in dieser Weltlage wichtigere Themen. Aber völlig ignorieren kann man leider nicht, was Klum so tut.

Mit ihrer Sendung »Germany's Next Topmodel« – die neue Staffel läuft gerade wieder auf Pro Sieben – hat sie jahrelang Gift in die Seelen Heranwachsender gespült. Blutjunge, abgemagerte Frauen liefen über »Heidis« TV-Laufsteg und sollten Zuschauerinnen weismachen, dass es darauf ankomme, mager zu sein und möglichst nicht älter auszusehen als 16 ½, um als attraktiv empfunden zu werden.

Klum aber hat vergangenes Jahr ihre Strategie geändert. Ihre »Meedchen« dürfen jetzt groß oder klein, rund oder schmal sein, in der neuen Staffel dürfen sie sogar alt sein. Das TV-Format segelt auf der Diversity- und Body-Positivity-Welle mit. Natürlich liegen alle richtig, die das Verlogene daran entlarven. Doch wenn sich Sehgewohnheiten ändern sollen, dann müssen die alten Bilder von neuen überlagert werden, von vielen neuen Bildern. Immer und immer wieder. Das dauert. Klums Staffel läuft wochenlang und findet ein Millionenpublikum. Das bedeutet: Viele Bilder treffen auf viele Zuschauerinnen und Zuschauer.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihre Susanne Beyer

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