Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Wladimir, der Scheinriese

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die absurden »Volksabstimmungen« in der Ostukraine. Um die mutigen Proteste in Iran. Und um die neue Macht der Zentralbanken.

Wladimir, der Scheinriese

In vier Regionen der Ukraine will Russlands Diktator Wladimir Putin ab Freitag dieser Woche Referenden abhalten. Es soll darüber abgestimmt werden, ob die selbst ernannten »Volksrepubliken« Donezk und Luhansk künftig der Russischen Föderation angehören. Auch in den von Russland besetzten Regionen Saporischschja und Cherson wurden derartige Abstimmungen angekündigt.

Russlands Präsident Putin mit Vogel

Russlands Präsident Putin mit Vogel

Foto:

GAVRIIL GRIGOROV/SPUTNIK/KREMLIN / POOL / EPA

Mir erscheint das wie der verzweifelte Versuch Putins, jene Stärke zu demonstrieren, die seine Armee auf dem Schlachtfeld nicht zu demonstrieren vermag. Die Gegenoffensive der Ukraine ist dieser Tage jedenfalls erstaunlich erfolgreich.

Anders als ursprünglich erwartet, kontrolliert Moskau auch sechs Monate nach dem Überfall auf die Ukraine nicht einmal den Donbass ganz. Es ist, offen gesagt, ein Witz für ein Land, das sich über Jahrzehnte brusttrommelnd als größte Militärnation der Welt präsentierte.

Und natürlich handelt es sich nicht um ein echtes Referendum. Niemand, der sich noch in diesen Gebieten aufhält, wird frei über deren künftige Zugehörigkeit entscheiden können. Es ist eine Abstimmung mit gezücktem Maschinengewehr. Mal abgesehen davon, dass viele der eigentlichen Einwohner jener Gebiete vor den russischen Panzern geflüchtet sind.

Ich glaube nicht, dass sich Putin mit diesen Referenden einen Gefallen tut. Die territoriale Verteilung der Ukraine wird jedenfalls nicht durch solche Scheinreferenden entschieden. Sondern militärisch, auf dem Schlachtfeld.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Selenskyj blickt gelassen auf Scheinreferenden, angeblich russische Verluste bei Donezk: Laut Kreml steht eine Generalmobilmachung nicht zur Debatte. Die geplanten Volksabstimmungen in der Ostukraine sorgen für Empörung. Und: Union will über Kampfpanzer abstimmen lassen. Das geschah in der Nacht.

  • Kanzler Scholz wirft Putin »blanken Imperialismus« vor: In seiner ersten Rede vor der Uno-Vollversammlung geht Olaf Scholz den russischen Präsidenten scharf an: Wladimir Putin zerstöre mit seinem Krieg nicht nur die Ukraine, »er ruiniert auch sein eigenes Land«.

  • Darum verlegt Russland seine U-Boote: Die russische Marine hat ihre modernen U-Boote von der Krim abgezogen – und verliert damit entscheidende Vorteile. Zu groß ist wohl die Angst vor Angriffen – und vor einer peinlichen Niederlage für Putin, sagt ein Militärexperte.

  • »Viele Soldaten wollen nicht mehr kämpfen«: Pavel Filatjew kämpfte an der Front in der Ukraine. Nach einer Verwundung hat er Russland mittlerweile verlassen. Und rechnet schonungslos mit Putins Angriffskrieg ab. SPIEGEL TV traf ihn in Frankreich zum Exklusivinterview.

Wankende Mullahs

Es sind bewegende Szenen, die uns derzeit meist via Social Media aus Iran erreichen. Tausende Menschen protestieren auf Straßen und Plätzen offen gegen das Regime. Der jüngste Anlass: Vorige Woche starb die 22-jährige Iranerin Mahsa Amini an den Folgen der Verletzungen, die ihr die iranische Moralpolizei zugefügt hatte. Weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht anständig trug.

Seit die Nachricht bekannt wurde, bricht sich der über Jahre angestaute Hass auf das Regime an zahlreichen Orten Bahn. Immer mehr Iranerinnen und Iraner überwinden ihre Angst und protestieren gegen die Mullahs und ihre Handlanger in der Regierung.

Proteste in Teheran

Proteste in Teheran

Foto: AFP

Da schneidet sich eine Frau umgeben von einer jubelnden Menge in Kerman für alle sichtbar die Haare ab – als Zeichen des Protests gegen die Jahrzehnte währende Unterdrückung. Da schnappt sich ein junger Mann das Handy eines im Dienstwagen sitzenden Polizisten durch das Wagenfenster – mit dem der Polizist die Protestierenden gefilmt hatte.

Natürlich sollte man weder naiv sein, noch sich zu früh freuen. Aber die Geschichte zeigt auch: Fast überall, wo es einen solchen Mut und ausgeprägten Freiheitswillen gab, war das jeweilige Regime früher oder später Geschichte.

Große graue Herren

Zentralbanker, das waren bis vor Kurzem graugesichtige Männer, die Unverständliches über Geldmengen, Zinsen und Verbraucherpreise verkündeten, für das sich jenseits des Fachpublikums kaum jemand interessierte. Graugesichtige Männer sind die meisten Zentralbanker zwar immer noch. Aber plötzlich ist das, was sie sagen und beschließen, sehr interessant.

Seitdem die Inflationsraten in den westlichen Volkswirtschaften zweistellig wachsen, wird Leuten wie Jerome Powell deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Heute Abend wird der Chef der amerikanischen Zentralbank die neueste Zinsentscheidung der Federal Reserve (Fed) verkünden. Powell und seine Kollegen dürften den Leitzins zum dritten Mal in kurzer Folge um gewaltige 0,75 Prozentpunkte auf dann 3,25 bis 3,50 Prozent erhöhen, um die Inflation in den USA zu kontern. Die liegt inzwischen bei 8,3 Prozent – und das, obwohl die weitgehend energieautarken Amerikaner nicht einmal Opfer von Russlands Rohstoff-Erpressungspolitik sind. Anders als die Europäer.

Zentralbanker Powell

Zentralbanker Powell

Foto: ELIZABETH FRANTZ / REUTERS

Powell ist in der gleichen Situation wie viele seiner Kollegen in aller Welt, von denen einige in den nächsten Tagen ebenfalls reagieren werden. Viel zu lange haben die Zentralbanken schon vor dem Ukrainekrieg die Inflationsgefahren unterschätzt. Jetzt kommen sie kaum hinterher und müssen mit Riesenschritten die Zinsen anheben – in einer Zeit, in der den meisten Volkswirtschaften eine Rezession droht.

Mein Kollege Tim Bartz hat sich angeschaut, wie die Situation in den USA, der Eurozone, Großbritannien, der Schweiz und Japan ist. Sein Fazit: Überall droht die Teuerung außer Kontrolle zu geraten; höhere Leitzinsen sind als Gegengift notwendig, könnten aber die Wirtschaft abwürgen. »Inflation plus Rezession, das ist der ziemlich perfekte Sturm für Notenbanker«, fasst Tim das Dilemma der Zentralbanker zusammen.

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Verliererin des Tages…

Lufthansa-Flotte in Frankfurt/Main

Lufthansa-Flotte in Frankfurt/Main

Foto: RONALD WITTEK / EPA

… ist die Lufthansa. Als United Airlines für den Frühsommer 2022 einen Direktflug nach Berlin ankündigte, griff meine Kollegin Ines Zöttl in Washington zu: Sie buchte bei Uniteds Code-Sharing-Partner Lufthansa. Doch die Reise wurde zum Irrflug durch Deutschlands Servicewüste. Der Direktflug fand nicht statt, die Ersatzmaschine startete mit Stunden Verspätung. Selbstredend blieb dann beim Umstieg in Frankfurt am Main der Koffer zurück. Es begann ein wochenlanges Warten, irgendwann verschwand die letzte Spur zu dem angeblich nur verspäteten Gepäck aus dem Netz. »Es gab ein Problem bei der Suche nach Ihren Angaben«, meldet die Gepäckermittlungsseite: »Für diese Kombination aus Buchungsnummer und Nachname wurde kein Datensatz gefunden.«

Am Ende kam der Koffer nach vier langen Wochen doch noch an: Dort, wo er gestartet war – in Washington.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Die Frau, die Giorgia Meloni besiegen will: Giorgia Meloni hält ihren Wahlkreis in den Abruzzen für sicher. Rita Innocenzi, eine bislang unbekannte Linke, will das ändern. Ortsbesuch in einer Region, in der erbittert über das Recht auf Abtreibung gestritten wird – und die als rechtes Labor für Italien gilt. 

  • »Für mich ist der Pantoffel die größtmögliche Form der Verweigerung«: Hengameh Yaghoobifarah provoziert mit einem eigenwilligen Äußeren, Valentina Vapaux entspricht den gängigen Schönheitsnormen. Beide veröffentlichten im vergangenen Jahr ihr erstes Buch. Hier diskutieren sie darüber, wie politisch Mode ist und was Kleidung mit Emanzipation zu tun hat. 

Ich wünsch Ihnen was!

Ihr Markus Feldenkirchen

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