Sebastian Fischer

Die Lage am Morgen Wir Corona-Überdrüssigen

Sebastian Fischer
Von Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der möglichen zweiten Corona-Welle, den Pandemie-Konzepten der Bundesligaklubs für die kommende Saison sowie der Rückkehr der Corona-Verschwörungserzähler.

Das Corona-Experiment

Die Pandemie ist auch ein menschliches Experiment. Wie lange ist der Mensch in der Lage, Disziplin zu wahren, wenn er die Bedrohung nicht mehr ganz so unmittelbar spürt? Wie lange befolgt er alle Regeln von Abstandhalten bis Maskentragen, wenn einfach nicht absehbar ist, wann genau diese Krise endet? 

Mit einem Ziel vor Augen lässt es sich aushalten. Aber mit all der Ungewissheit?

Ja, wir sind dieser Krise überdrüssig. Einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Uni Erfurt zufolge halten es aktuell nur noch 16 Prozent der Deutschen für "extrem oder eher wahrscheinlich", sich mit Corona zu infizieren. Dieser Wert war schon mal doppelt so hoch.

Am Strand von Scheveningen in den Niederlanden, Ende Juli 2020.

Am Strand von Scheveningen in den Niederlanden, Ende Juli 2020.

Foto: Niels Wenstedt/ dpa

Wir sind nachlässig geworden, das belegen die gestiegenen Infektionszahlen in Deutschland und in Europa. Wir müssen alle gemeinsam diszipliniert sein, zusammenhalten - bis endlich ein Impfstoff verfügbar ist. Leicht gesagt. Es ist ein Experiment. Aber wenn es scheitert, dann werden wir das mit einer zweiten Corona-Welle bezahlen, die uns neuerlich in den Lockdown führt.

Unsere SPIEGEL-Titelgeschichte, die ich Ihnen sehr ans Herz legen möchte, handelt von dieser Gefahr und davon, wie sich eine zweite Welle vielleicht stoppen lässt. Die Wissenschaft sucht nach Methoden, das Virus einzudämmen - ohne so große Kolletaralschäden wie beim ersten Lockdown. Vielleicht können kleine Einschränkungen der Freiheit den großen Freiheitsverlust verhindern?

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Meine Kollegin Susanne Beyer appelliert in ihrem Kommentar zu Recht auch an die Politik, wieder die Führung zu übernehmen. Kanzlerin und Bundespräsident hätten zu Beginn der Krise den richtigen Ton gefunden. Und als die Zahlen dann sanken, "war es richtig, sich zurückzuhalten", schreibt sie. Denn wer zu oft mahne, der stoße auf taube Ohren. "Doch jetzt ist es sehr still geworden an der Staatsspitze. Und das ist falsch. Politik in reaktiven Schüben zeugt von wenig Nachhaltigkeit und Strategie. Der Ernst der Lage muss sichtbar werden."

Kanzlerin, bitte melden!

Fußball first

Anhänger von Union Berlin im August 2019 im Stadion an der Alten Försterei

Anhänger von Union Berlin im August 2019 im Stadion an der Alten Försterei

Foto: Britta Pedersen/ picture alliance/dpa

Im SPIEGEL-Interview warnt SPD-Corona-Experte Karl Lauterbach eindringlich vor Großveranstaltungen: Es müsse alles getan werden, "um große Menschenansammlungen durch Verbote und harte Strafen zu vermeiden. Bundesligaspiele mit Zuschauern sollten nicht stattfinden dürfen."

Die Realität könnte anders aussehen. In der kommenden Woche wollen die 36 Bundesligaklubs einheitliche Richtlinien für die (Teil-)Rückkehr von Zuschauern in die Stadien abstimmen. Im Gespräch sind die Sperrung der Stehplätze, weniger Zuschauer, ein Alkoholverbot oder Spiele ohne Gästefans. 

Der Hauptstadtklub Union Berlin (dessen Mitglied ich bin) geht sogar noch weiter. Anfang Juli kündigten die Eisernen an, auf eine Vollauslastung ihres Stadions zu setzen: Um das zu erreichen, arbeite der Verein darauf hin, "seine Mitarbeiter und alle 22.012 Karteninhaber am Spieltag auf eine Infektion mit dem Coronavirus zu testen", hieß es in einer Mitteilung.

Man kann das ambitioniert nennen. Oder egoistisch. Ich tendiere zu letzterem.

Denn welche Attitüde steckt dahinter? Wir haben die Kohle, wir kaufen uns frei? Wer ko, der ko? Wollen wir ernsthaft diese massive Testkapazität für ein - ohne Frage großartiges - Freizeitvergnügen aufwenden? Und ohnehin gilt ja: Ein Test ist nur eine Momentaufnahme. 

Corona-Leugner sind wieder da

Demonstration gegen Corona-Beschränkungen im Mai 2020 in Stuttgart

Demonstration gegen Corona-Beschränkungen im Mai 2020 in Stuttgart

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Erst hatte ein Stuttgarter Unternehmer damit geprotzt, an diesem Samstag eine halbe Million Menschen in Berlin zu versammeln, um gegen die Corona-Politik zu demonstrieren und das "Ende der Pandemie" zu feiern. Nun hat er die Zahl auf 10.000 reduziert.

Korrekt, ich habe keine Null vergessen. 

Es wird ein brauner Haufen an der Siegessäule westlich des Brandenburger Tors erwartet: Coronaleugner, Verschwörungserzähler, Esoteriker, Rechtsextremisten, Hooligans. Auch die NPD ruft zur Demo auf sowie das vom Verfassungsschutz beobachtete Magazin "Compact". 

Angeblich wurden Busse für die Anreise aus dem Bundesgebiet organisiert. Und da in der Parallelwelt der Teilnehmer die Pandemie schon durch ist, dürfte das ein Reisen wie in guten alten Zeiten sein. Ohne Abstand, ohne Masken, ohne Hirn.

Mehrere Gegendemos gibt es selbstverständlich auch.

Verlierer des Tages ...

... ist der Rechtspopulist Thilo Sarrazin. Im dritten Anlauf ist er nun aus der SPD hinausgeworfen worden. Das oberste Parteischiedsgericht, vor dem Sarrazin Berufung eingelegt hatte, hat den Parteiausschluss am Freitag bestätigt. Sarrazin habe mit seinen rassistischen Thesen erheblich gegen die Grundsätze und die Ordnung der Partei verstoßen und ihr damit Schaden zugefügt. Aber der frühere Berliner Finanzsenator gibt nicht auf: Er werde die schriftliche Urteilsbegründung abwarten und dann Berufung vor dem Landgericht Berlin einlegen, kündigte er an. Fortsetzung folgt, diesmal dann vor Zivilgerichten.

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