Warum hat "Die Partei" keine Frau auf einem aussichtsreichen Platz, Nico Semsrott?

Zwei Männer für Europa
Foto: Imago

Dieser Beitrag wurde am 04.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Die CDU will einen Flugzeugträger für Europa bauen, die SPD streitet plötzlich über eine mögliche Kollektivierung von BMW – und "Die Partei"? Die Satirepartei von Ex-Titanic-Chef Martin Sonneborn ist seit der letzten Wahl mit einem Sitz im Europaparlament vertreten. Bei der nächsten Wahl am 26. Mai könnte sie laut Umfragen sogar noch zulegen. 

Neben Sonneborn bewirbt sich Nico Semsrott um einen Platz im EU-Parlament. Auf dem zweiten Listenplatz hat der 33-Jährige ebenfalls gute Chancen gewählt zu werden. Viele junge Menschen kennen ihn vor allem durch seine Auftritte in der ZDF-"Heute Show" oder zahlreichen YouTube-Videos. (bento)

Was wollen die Satiriker in Brüssel? Wieso sollte man in Zeiten des Rechtsrucks eine Partei wählen, die sich selbst nicht ernstnimmt? Und wieso hat die Partei eigentlich keine Frauen für die Europawahl auf den ersten beiden aussichtsreichen Plätzen aufgestellt? Darüber haben wir mit Nico Semsrott gesprochen.

Kevin Kühnert hat die SPD wieder in die Schlagzeilen gebracht. Ist die Sozialdemokratie zurück?

Nee. Das SPD-Wirtschaftsforum will ihn rauswerfen, die Parteiführung schämt sich. Das zeigt höchstens, dass Kevin Kühnert der einzige Sozialdemokrat in der SPD ist. Aber es ist ein guter Ansatz. Wir hoffen, er macht weiter.

Was würde "Die Partei" mit BMW machen?

Wir würden Kühnert einfach machen lassen. 

"Die Partei" schaut ja immer, welche Lücken es auf dem politischen Markt gibt, und besetzen sie dann entsprechend.

Die SPD diskutiert über die Kollektivierung von BMW, die CDU will einen europäischen Flugzeugträger bauen – welches Großprojekt bietet mir "Die Partei"?

Worum ging es nochmal? Sorry, ich war beim Stichwort Flugzeugträger raus.

Großprojekte.

Ah! Wir bieten sehr gute Politik und sehr gute Satire. Das unterscheidet uns von allen. Wir haben den einzigen Europaabgeordneten, den man kennt. Unser Angebot ist, dass wir ernsthafte Politik mit satirischen Mitteln machen.

Flüchtlingspolitik, Uploadfilter, Pressefreiheit – in der Europapolitik wurden in den vergangenen Jahren viele große Themen diskutiert. Warum sollte man ausgerechnet in dieser Zeit eine Satirepartei wählen?

Weil Demokratie nur über Kontrolle funktioniert. Und Kontrolle nur über Aufmerksamkeit. Im nächsten Parlament gibt es vermutlich eine rechte Mehrheit. Deshalb muss man sich als progressiver Mensch fragen, was man tun kann. Satire kann nicht alles lösen. Aber es hilft ja auch nicht, wenn es nur gewissenhafte Politprofis gibt, die niemand kennt.

Ihr seid Influencer für seriöse Politik?

Genau. Unser Wahlwerbespot ist der meistgesehene. Das spricht für sich.

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Im aktuellen Spot zeigst du, wie groß der Einfluss ältere Menschen ist und forderst eine Altersgrenze für Letztwähler. Die wird es vermutlich erst einmal nicht geben.

Das wollen wir auch nicht! Es ist schrecklich, wie viele Menschen das nicht verstehen. Wenn Humor ein weltweites Unternehmen wäre, wäre ich dafür, den Standort Deutschland zu schließen.

Was genau soll der Clip erreichen?

Wir freuen uns eigentlich schon, wenn diskutiert wird, weil wir etwas anpieksen. Debatten sind die Voraussetzung für Demokratie. Es ist einfach schrecklich, in einer unpolitischen Gesellschaft zu leben, in der allen alles egal ist.

Das geht offenbar auch anderen Menschen so. Für euren Wahlkampf-Auftakt habt ihr Hunderte Tickets für bis zu 18 Euro verkauft. Sprecht ihr damit aber nicht vor allem diejenigen an, die schon viel über Politik reden?

Wir wissen auch nicht, wer uns wählt. Wir sind eine Zwei-Prozent-Partei. Man muss uns nicht unterstützen, aber wenn man unser Politikverständnis teilt und sich ähnlich ohnmächtig fühlt, sind wir auf jeden Fall besser als Nichtwählen. Oder CDU wählen. Oder CSU. Oder FDP. Oder SPD.

Ist es nicht absurd, dass ihr als pro-europäische Partei die einzige aus Deutschland neben der NPD seid, die keiner europäischen Fraktion angehört?

Das stimmt. Aber es liegt vor allem daran, wie Europa gerade funktioniert. Es gibt keine europäischen Listen, Lobbyismus funktioniert meist über die Nationalität. Auf dieser Ebene gibt es einfach noch keine europäische Einigung. 

Wenn es nach uns ginge, würden wir auch französischen Wählern ein gutes Angebot machen.

Mit der "Partei des zweischwänzigen Hundes" in Ungarn haben wir bereits engen Kontakt. Nur mit der Fünf-Sterne-Bewegung aus Italien möchten wir bitte nichts zu tun haben. Das ist ein unseriöser Verein, bei dem Satire schrecklich schiefgegangen ist.

Ihr habt eine realistische Option auf zwei Sitze im Europaparlament. Warum habt ihr eigentlich für keinen der beiden ersten Plätze eine Frau nominiert? Selbst die FDP hat das geschafft.

Wir haben darüber diskutiert. Das ist auf jeden Fall meine ganz persönliche Schwäche. Denn ich bin einerseits für die Frauenquote und andererseits wollte ich unbedingt auf Listenplatz zwei. Was Nicola Beer angeht: Mir wäre es lieber, die FDP hätte eine Person aufgestellt, die demokratisch gesinnt ist und nicht mit Orbán-Freunden rumklüngelt.

Verstehe ich das richtig: Ihr habt keine Frau gefragt?

Doch, wir haben Hazel Brugger gefragt. Sie hat uns ausgelacht und nö gesagt. Viel mehr Frauen sind uns nicht eingefallen, die zu unserem Programm passen. Und das ist dann eben am Ende übrig geblieben: Ich. Ein schwacher, müder Mann als Kompromiss. 

Ich denke, ich habe eine 50:50-Chance, dass es reicht.

Du hast angekündigt, dass du für den Kommissionsvorsitz kandidieren willst. Was wäre deine erste Amtshandlung, wenn du Jean-Claude Juncker ablösen solltest?

Viel mehr Frauen einstellen. Ich denke, eine Quote von 30 Prozent Männern reicht. Günther Oettinger wäre dann übrigens weg vom Fenster. Auch deshalb sollte man mich wählen.

Wen würdest du um dich scharen?

Ich würde alle Posten in der EU-Kommission mit 19-jährigen "Fridays for Future"-Leuten besetzen. Teenager entscheiden dann über die Zukunft Europas, das wird fantastisch. So viel schlechter würden sie es auf jeden Fall auch nicht machen.

Ihr bezeichnet euch als Partei der radikalen Mitte. Habt ihr Angst vor Grünen-Chef Robert Habeck?

Im Gegenteil. "Die Partei" ist die einzige Partei, die sich offen für das Ausrotten von Bienen ausspricht.

Was ist mit den restlichen Mitbewerbern?

Wir sehen die Parteien der Letztwähler nicht als Konkurrenz. Die geben sich keinerlei Mühe. Wenn ich Katarina Barley auf einem Plakat sehe und da lustlos "Zusammenhalt" steht, ist das doch Arbeitsverweigerung.

Was müsste denn dort stehen?

Das ist das Problem der SPD. Die wissen selbst nicht mehr, was sie auf ihre Plakate schreiben sollen und sind völlig hilflos.

Hat die Sozialdemokratie bei Menschen unter 35 noch Zukunft?

Ich kann nicht für alle sprechen. Aber zumindest ich interessiere mich so für Politik, dass die SPD nicht infrage kommt. 

Eine Partei, deren nächster Kanzlerkandidat Olaf Scholz heißt, sollte lieber schnell und schmerzlos sterben als so weiterzumachen.

Wenn er nicht von seinem Amt zurücktritt, sollte die SPD vielleicht einfach von ihm zurücktreten. Dass er Vizekanzler geworden ist, zeigt ja, wie traurig es um die Sozialdemokratie steht.

Das klingt gerade ziemlich unironisch.

Ich weiß auch nicht. Es ist einfach schlimm: Die Grünen sind die Partei im Bundestag mit dem niedrigsten Altersschnitt. Der liegt bei 50 Jahren.

Wie alt sind eure Mitglieder?

Im Schnitt 34 Jahre. Wir sind also die Zukunft. Aber ich hoffe, wir sind nicht bald die einzigen. Ach Gottchen. (seufzt leise)

Wie wollt ihr verhindern, dass ihr so werdet wie die Menschen, die ihr kritisiert?

Nach ein paar Wahlen haben die meisten Berufspolitiker einfach Angst, wieder was anderes zu machen. Deshalb bin ich froh, dass wir unabhängig sind. 

Wenn wir rausfliegen, machen wir halt wieder Satire ohne Mandat.

Die CDU will bis zur nächsten Europawahl eine Sperrklausel einführen, die den Einzug kleinerer Parteien wie eurer verhindern soll. Wie bereitet ihr euch darauf vor?

Wir machen Politik, die überzeugt. Wir werden bis dahin einfach bei jeder Wahl erfolgreicher, so dass uns die Sperrklausel nicht aufhält.

Bereust du es manchmal, einen schwarzen Kapuzen-Pullover zu deinem Markenzeichen gemacht zu haben?

Im Gegenteil: Ich bin froh darüber. Es ist doch schön, gerade bei diesem Wohnungsmarkt ein Dach über‘m Kopf zu haben. Außerdem war das keine Absicht. Bei mir ist alles zufällig passiert. Ich bin oft gescheitert, aber wenn etwas funktioniert hat, habe ich damit weitergemacht. Im Prinzip bin ich in alles reingescheitert. So will ich es auch in der Politik machen.

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