Nitrofen Krebs erregend und embryoschädigend

Noch vor wenigen Tagen kannte kaum jemand Nitrofen. Jetzt ist das Pflanzenschutzmittel in aller Munde, seit der Skandal um vergiftete Öko-Lebensmittel an die Öffentlichkeit kam. In der EU ist die Anwendung verboten.


In seiner Reinform ist das weiße bis braune kristalline Pulver stark giftig. Die Substanz reizt die Augen, die Haut und die Atemwege. Wiederholter oder andauernder Hautkontakt kann Dermatitis hervorrufen.

In Tierversuchen an Mäusen und Ratten mit sehr hohen Dosen führte Nitrofen zu Missbildungen, die wie etwa Zwerchfelldurchbrüche bei Föten in 50 bis 80 Prozent der Fälle tödlich sind. Außerdem erwies sich der Stoff als Krebs erregend.

Über die Auswirkungen auf den Menschen liegen keine Daten vor, auch nicht von denen, die mit dem Pflanzenschutzmittel arbeiten. Den Behörden waren die Tierversuche aber ausreichender Beweis für eine mögliche Kanzerogenität (Krebserzeugung) von 2,4-Dichlorophenyl-p-nitrophenylether - so die chemische Bezeichnung.

Nach Einschätzung des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) sind allerdings keine größeren Mengen Nitrofen über Fleisch oder Eier direkt beim Verbraucher angekommen. "Falls belastete tierische Produkte in den Handel gelangt sind, dann ist dies zeitlich begrenzt geschehen, und es hat sich offenbar nicht um größere Mengen gehandelt", sagte BgVV-Sprecherin Irene Lukassowitz.

Nitrofen ist sehr stabil und baut sich in der Natur kaum ab. Es kann sich deshalb in der Nahrungskette des Menschen anreichern, vor allem in Fischen und Pflanzen. Ein weiterer Grund für die International Agency for Research on Cancer (IARC, Internationale Agentur für Krebsforschung), einer Unterorganisation der WHO, den Stoff als krebsauslösend und Missbildungen bewirkend einzustufen.

Nach Auskunft des Toxikologen Helmut Greim von der Technischen Universität München dürfen zur Sicherheit für Anwender und Verbraucher Substanzen der Gefährdungsklasse von Nitrofen nicht im Pflanzenschutz eingesetzt werden. Allerdings hält auch der Experte das Krebsrisiko im aktuellen Fall für sehr gering. Im Tierversuch seien Mengen eingesetzt worden, die in etwa der täglichen Aufnahme von 7000 Milligramm Nitrofen für einen Erwachsenen entsprechen. Geschätzt könne ein belastetes Ei rund 0,03 Milligramm Nitrofen enthalten. "Die Abschätzung zeigt, dass das Krebsrisiko durch den Verzehr solcher Eier doch sehr gering ist." Ähnliches gelte auch für mögliche Schädigungen von Embryonen.

Dem BgVV ist nicht bekannt, wie Nitrofen ins Futtergetreide gekommen ist. Fest stehe: "Das, was im Getreide gefunden wurde, ist sicherlich keine Altlast aus dem Boden. Dafür sind die Werte zu hoch." Das in Wasser unlösliche Nitrofen reichere sich nicht im Boden und nur wenig in Tieren an: "Die Substanz ist eher im Fett zu finden als im Fleisch, hat aber auch dort kein besonderes Anreicherungsverhalten."

Nach Auskunft der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in Braunschweig war Nitrofen in den alten Bundesländern bis 1980 zugelassen. Die Zulassung sei danach nicht mehr verlängert worden, weil es Bedenken gegeben habe, dass direkt damit arbeitende Menschen geschädigt werden könnten. Ein vollständiges Anwendungsverbot habe es in den alten Bundesländern 1988 gegeben, in den neuen 1990.



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