Nitrofen-Skandal Durchgerostet oder nicht?

Im Nitrofen-Skandal hat der niedersächsische Futtermittel-Hersteller GS agri Widerspruch gegen die vom Land angestrebte Betriebsschließung eingelegt. Unterdessen gibt es Unklarheit über eine Zeugenaussage, wonach in dem ehemaligen Malchiner Pflanzenschutzlager das Gift aus verrosteten Fässern ausgelaufen sein soll.


Hamburg - Die frühere Sicherheitsbeauftragte in dem ehemaligen Malchiner Pflanzenschutzlager, Erika B., bestreitet ausgesagt zu haben, dass in der Lagerhalle Pflanzengift "aus durchrosteten Fässern" über Jahre hinweg auf den Hallenboden getropft sei. Der Chef des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern, Ingmar Weitemeier, hatte in der vergangenen Woche unter Berufung auf eine Zeugenaussage von solchen angeblich undichten Fässern berichtet.

Nitrofen-Fässer in Malchin
DER SPIEGEL

Nitrofen-Fässer in Malchin

Erika B. erklärte dem SPIEGEL, sie habe davon gesprochen, dass "zwei oder drei Fässer Korrosionsspuren" aufgewiesen hätten. Ein Widerspruch ergibt sich auch bei den Aussagen zur Räumung der Halle im Jahre 1994. Während die Staatsanwaltschaft von 17 Tonnen Trizilin (Nitrofen) ausgeht, die damals abtransportiert wurden, nennt das Entsorgungsprotokoll 280 Fässer zu 180 Litern, also 50,4 Tonnen.

Hinweise auf eine Beschädigung der Behälter finden sich in dem Papier nicht. Fotos der damaligen Giftfässer zeigen ebenfalls keine auffälligen Rostspuren.

GS agri weist Vorwürfe zurück

Die GS agri hat ihren Widerspruch gegen die angestrebte Betriebsschließung unmittelbar vor Ablauf der gesetzlichen Frist eingelegt. In einem umfangreichen Schriftsatz in dem Anhörungsverfahren würden die Vorwürfe des Landesamtes für Verbraucherschutz als nicht gerechtfertigt bezeichnet, sagte GS agri-Anwalt Carsten Bittner am Samstag. Der Hersteller aus der Nähe von Cloppenburg habe nicht gegen das Futtermittelrecht verstoßen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit so dargestellt werde.

Die Widerspruchsfrist endete am Freitag um Mitternacht. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium hatte drastische Maßnahmen gegen GS agri angekündigt. Ziel sei es, dass der Hersteller nicht mit dem gleichen Personal weiter arbeiten könne wie bisher. GS agri wird vorgeworfen, Öko-Futter an Bio-Höfe geliefert zu haben, obwohl eine mögliche Belastung mit dem verbotenen Pflanzengift Nitrofen bekannt gewesen sein soll. Allein bei den GS agri-Kunden wird der Schaden nach Angaben des Bundesverbraucherschutzministeriums auf rund fünf Millionen Euro geschätzt.

Bittner sagte, die vom Land angestrebte Schließung des gesamten Betriebes werde abgelehnt. Sie sei unverhältnismäßig. Selbst wenn es Mängel in der Produktion bei GS agri gegeben habe, stünden andere, weniger drastische Mittel zur Verfügung als der Entzug der Genehmigung der Futtermittelproduktion.



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