Nitrofen verseuchte Öko-Futtermittel Neue Giftstoffe bestätigt

Im Ökofutter des Futtermittelherstellers "GS agri" haben Wissenschaftler weitere verbotene Pflanzenschutzmittel nachgewiesen. In Proben wurden neben einer extrem hohen Belastung mit Nitrofen drei weitere verbotene Stoffe gefunden. Die Polizei will nun das Auslieferverbot kontrollieren.


Der Ausgangspunkt der Ökolandwirtschaftskrise: Die "GS agri"-Handelsgesellschaft im Landkreis Vechta
AP

Der Ausgangspunkt der Ökolandwirtschaftskrise: Die "GS agri"-Handelsgesellschaft im Landkreis Vechta

Hamburg - Der Anwalt von "GS agri", Carsten Bittner, bestätigte am Samstag einen SPIEGEL- Bericht. Er betonte aber, bei diesen Stoffen seien die gesetzlichen Grenzwerte nicht überschritten worden. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz in Berlin erklärte, dass die Untersuchungsergebnisse derzeit überprüft würden. Ein Ergebnis sei Anfang der Woche zu erwarten.

"GS agri" steht im Verdacht, mit Nitrofen verseuchtes Futtermittel für Geflügel an Öko-Betriebe ausgeliefert zu haben. Inzwischen wurden in vier Bundesländern verseuchte Eier oder Hühnerfleisch gefunden.

Von Samstagmittag an soll das Lieferverbot von der Polizei kontrolliert werden. Das Landesamt für Verbraucherschutz lasse Beamte vor der Produktionsstätte für Öko-Futter bei Cloppenburg postieren, um sicher zu gehen, dass das am Donnerstagabend verhängte Verbot auch eingehalten werde, sagte eine Behördensprecherin in Oldenburg.

Bereits im November hatte die Versicherung von GS agri ein privates Labor in Hannover mit der Untersuchung der Probe des Ökofutter beauftragt. Ende März, Anfang April lagen die Ergebnisse laut Bittner vor. In der Probe war auch eine Belastung von 15,9 Milligramm Nitrofen je Kilogramm Weizen gefunden worden, der Grenzwert liegt europaweit bei 0,01 Milligramm.

Das Verbraucherschutzministerium hat nach eigenen Angaben vom dem Gutachten Ende der Woche erfahren. Die Ergebnisse der Untersuchung könne das Ministerium noch nicht bestätigen, sagte ein Sprecher am Samstag: "Wir haben Paralleluntersuchungen laufen."

Bis Anfang der Woche soll auch die Vermutung des Versicherungs-Gutachters überprüft sein, dass Ökoweizen mit konventionell angebautem Weizen gemischt worden ist. Im Untersuchungsbericht des Labors heißt es das Ergebnis spreche "für eine Vermischung des Ökofuttergetreides mit belastetem Getreide aus konventionellem Anbau."

Unterdessen kündigte das Landwirtschaftsministerium in Hannover an, die schriftliche Ausführung des seit Donnerstag 21.00 Uhr geltenden Auslieferungsverbots bis zum Samstagmittag nachzuliefern. Dies sei rechtlich aber nicht zwingend erforderlich, weil auch der am Telefon verhängte Stopp bereits rechtlich bindend sei. Das Verbot werde von Staatsanwaltschaft und vom Landesamt für Verbraucherschutz überwacht und von GS agri eingehalten. Anwalt Bittner sagte, am Samstag sei ein Schreiben eingegangen, in dem GS agri eine Reihe von Vorwürfen gemacht würden. Dem Unternehmen sei eine Frist bis Mitte Juni gesetzt worden.

Stoiber attackiert Künast

In Vechta nahe dem Sitz der "GS-agri" hat Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) die Agrarpolitik der rot-grünen Bundesregierung scharf angegriffen. Bei einer CDU-Veranstaltung sagte Stoiber am Samstag vor mehreren tausend Bauern, die angestrebte Agrarwende verwässere den Ökolandbau und schade der konventionellen Landwirtschaft. Stoiber sprach sich für die Fortführung der staatlich subventionierten Agrarwirtschaft aus. Eine rein markwirtschaftliche Ausrichtung würde zur Verödung der Kulturlandschaft führen.

Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) warf er im Nitrofen-Skandal Versagen vor. Sie habe "auf ganzer Linie versagt", sagte Stoiber der "Welt am Sonntag". "Wenn jetzt die Öko-Betriebe in Misskredit geraten, trägt sie alleine die politische Verantwortung", betonte der bayerische Ministerpräsident.

Warnung vor Generalverdacht

Preisfrage: Was steckt drin im Futter der Ökokuh?
DPA

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Im Nitrofen-Skandal hat der rheinland- pfälzische Landwirtschaftsminister Hans-Artur Bauckhage (FDP) davor gewarnt, die ökologische Landwirtschaft unter Generalverdacht zu stellen. Statt polemischer Schuldzuweisungen erwarteten die Verbraucher konsequente Qualitätskontrollen und mehr Transparenz, sagte der Minister am Samstag zur Eröffnung der Öko-Aktionstage 2002 in Mendig (Landkreis Mayen-Koblenz). Es müsse wieder "mehr Pragmatismus und weniger Ideologie" in der Agrarpolitik herrschen.

Gleichzeitig forderte Bauckhage eine restlose Aufklärung der Vorfälle und ein konsequentes Vorgehen gegen "schwarze Schafe" in der Öko-Branche. Nur damit lasse sich das Vertrauen der Verbraucher in die ökologische Landwirtschaft wiederherstellen. Bislang gebe es keinen Hinweis, dass Betriebe in Rheinland-Pfalz mit belastetem Futtergetreide beliefert wurden. "Wir müssen aufpassen, dass Vieh haltende Betriebe nicht erneut durch eine allgemeine Verunsicherung in eine Absatzkrise geraten", sagte der Minister.



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